Warum die ersten digitalen Anlageberater das Handtuch werfen

Der automatisierten Geldanlage wurde ein Boom vorhergesagt. Nun haben sich erste Akteure zurückgezogen. Das hat verschiedene Gründe.

Maurizio Minetti
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Mensch oder Computer: Wer ist der bessere Anlageberater? (Bild: Getty)

Mensch oder Computer: Wer ist der bessere Anlageberater? (Bild: Getty)

Die Anlageberatung war lange Zeit eine Domäne der Banken. Doch vor einigen Jahren haben Start-ups angefangen, das Terrain mit neuen Produkten zu beackern. Unter dem irreführenden Begriff «Robo-Advisor» machten sich in der Schweiz diverse Akteure breit, die für ihre Vermögensverwaltung nicht etwa Roboter, sondern Algorithmen einsetzen. Die automatisierte Anlageberatung soll den teuren Berater aus Fleisch und Blut verdrängen oder zumindest ergänzen. Auch die klassische Finanzindustrie hat in den letzten Jahren entsprechende Angebote lanciert.

Doch mittlerweile macht sich Ernüchterung breit. In den letzten Wochen und Monaten haben gleich mehrere Robo-Advisors den Betrieb eingestellt. Im September hat die Glarner Kantonalbank ihr Angebot «Investomat» beerdigt. Kurz danach hat Allianz Suisse das Ende ihrer digitalen Vermögensverwaltung Elvia E-invest bekannt gegeben. Ausserdem zieht sich nun auch der deutsche Anbieter Scalable Capital aus der Schweiz zurück – wobei dieser Schritt auf die Einführung des neuen Schweizer Regelwerks Fidleg zurückgeht. Mittlerweile gibt es hierzulande nur noch knapp ein Dutzend Robo-Advisors.

«Entwicklung ist enttäuschend»

Eine aktuelle Studie des Instituts für Finanzdienstleistungen Zug der Hochschule Luzern zeigt, dass der Robo-Markt nach wie vor sehr klein ist. Letztes Jahr betrugen die verwalteten Vermögen der Schweizer Robo-­Advisors knapp 320 Millionen Franken. Das entspricht einem Anteil von 0,01 Prozent am gesamten in der Schweiz verwalteten Vermögen.

Institutsleiter Andreas Dietrich schätzt, dass sich das Volumen mittlerweile zwar verdoppelt hat, doch er räumt ein: «Verglichen mit den Erwartungen ist die Entwicklung enttäuschend.» Eine mögliche Erklärung dafür sei, dass die Kosten der Robo-­Advisors verglichen mit der klassischen Anlageberatung nicht viel tiefer seien. Das sei in den USA, wo sich Robo-Advisors besser entwickeln, nicht so. Ausserdem sei in der Schweiz die Bereitschaft, einem Start-up beispielsweise 100000 Franken zur Verwaltung anzuvertrauen, eher tief. «Da braucht es noch viel Überzeugungsarbeit», glaubt Dietrich.

Ein weiterer Faktor sei, dass in der Schweiz praktisch jede Bank, und sei sie noch so klein, eine Anlageberatung anbiete. «Kunden sind in der Schweiz also eigentlich schon recht gut umsorgt», so Dietrich. Die persönliche Beratung sei in Geldangelegenheiten nach wie vor sehr wichtig. Zudem sei auch die Kenntnis des Produkts und Modells Robo-Advisor in der Schweiz noch immer tief: «Viele Leute können mit dem Begriff bislang noch wenig anfangen.»

Die Anbieter, die nach wie vor im Markt präsent sind, zeigen sich dafür umso robuster. Als Schweizer Robo-Advisor-­Pionier gilt True Wealth aus Zürich. «Unsere Wachstumszahlen sprechen für den Erfolg von automatisierter Vermögensverwaltung», sagt CEO und Gründer Felix Niederer. Für 3500 Kunden verwaltet das Unternehmen aktuell ein Gesamtvermögen in der Höhe von 220 Millionen Franken. Daneben bietet True Wealth seine Lösung auch Banken und Versicherungen an, die ihrerseits die Höhe des verwalteten Vermögens nicht preisgeben möchten. «Wir denken, dass wir mit unserer Erfahrung eine sehr gute Lösung gebaut haben. Sie wird von unseren Direktkunden wie auch von unseren Bankkunden als sehr innovativ beurteilt. Dies führt zu einem Wettbewerbsvorteil, der uns gute Wachstumsraten bringt», sagt Niederer.

True Wealth liefert sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Swissquote. Dort beträgt die Summe der verwalteten Vermögen beim Robo-Advisory per Mitte 2019 knapp 226 Millionen Franken.

Der Markt braucht mehr Zeit

Auch Selma Finance mit Hauptsitz in Arth trotzt dem Robo-­Sterben. Das vor drei Jahren gegründete Unternehmen berichtet von einem anhaltenden Wachstum: «Wir können das verwaltete Vermögen pro Monat um 10 bis 20 Prozent steigern», sagt CEO Patrik Schär. Der Luzerner nennt allerdings keine absoluten Zahlen. Neu hat Selma auch eine digitale Säule 3a für Junge lanciert. «Wir sind uns bewusst, dass die digitale Vermögensverwaltung noch viel Aufbauzeit braucht, doch der Markt ist noch jung. Schade, dass den ersten Anbietern bereits der Schnauf ausgeht», so Schär.

Auch Andreas Dietrich von der Hochschule Luzern glaubt, dass der Markt für Robo-Advisor mehr Zeit braucht, um sich zu etablieren. «Schon nächstes Jahr wird Raiffeisen mit einem Produkt auf den Markt kommen, das für neuen Schub sorgen könnte.» Der Finanzexperte erwartet, dass Robo-Advisors in fünf bis zehn Jahren zum Standardangebot der Banken gehören werden.

START-UP: Auf einen Chat mit Selma

Der Luzerner Patrik Schär will mit seinem Jungunternehmen Selma Finance die Vermögensverwaltung digitalisieren. Der internetbasierte Anlageassistent steht schon bald allen Interessierten offen.
Maurizio Minetti