Die Schweiz AG

Warum die Wirtschaftseliten die «Alpenfestung» nicht verteidigen konnten

Die Sicherung des Schweizer Besitzstands vor ausländischen Zugriffen wird schwieriger. Ein neues Buch erklärt die Einigelung der Schweiz mit Überfremdungsängsten und einer zunehmenden Fremdenfeindlichkeit am Vorabend des Kriegsausbruches.

Daniel Zulauf
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2010 stammten 35 Prozent der Spitzenmanager in den 110 grössten Unternehmen aus dem Ausland. Gaetan Bally/Kesystone

2010 stammten 35 Prozent der Spitzenmanager in den 110 grössten Unternehmen aus dem Ausland. Gaetan Bally/Kesystone

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Weshalb schliessen sich in Politik und Wirtschaft die Reihen nicht, wenn Schweizer Unternehmen ins Visier ausländischer Investoren geraten? Und wo bleibt der «Filz», an dem sich Martin Ebner, der Winkelried der Shareholder-Value-Bewegung in der Schweiz, die Zähne ausgebissen hatte?

Vier Politik- und Sozialwissenschafter der Universität Lausanne haben die Geschichte der Schweizer Wirtschaftseliten von 1910 bis 2010 nachgezeichnet. Ihre «Kollektivbiografie» belegt auch mithilfe von Statistiken, wie sich die Anatomie des Wirtschaftsestablishments im Lauf der Jahrzehnte grundlegend verändert hat.

Die «Alpenfestung», wie die bis in die 1980er-Jahre für Ausländer weitgehend geschlossene Schweiz AG von manchen Beobachtern einst genannt wurde, scheint mindestens in den Anfängen nicht einer gezielten Strategie der Abschottung entsprungen zu sein. Jedenfalls hatte das Land in der ersten Dekade des vergangenen Jahrhunderts bereits kräftig von der damaligen Politik der offenen Grenzen profitiert.

Hoher Grad an Internationalisierung

Vier Jahre vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs wies die Schweizer Wirtschaft einen im Vergleich zu den 1980er-Jahren erstaunlich hohen Grad an Internationalisierung auf. Mindestens 11 Prozent der Generaldirektoren und Verwaltungsräte in den damals 110 grössten Unternehmen waren Ausländer. Auch ein bedeutender Teil der Arbeiterschaft wurde im Ausland rekrutiert. Die ständige ausländische Wohnbevölkerung lag 1910 bei 15 Prozent. 1970, als James Schwarzenbach seine «Überfremdungsinitiative» an die Urne brachte, lag der Ausländeranteil mit 17 Prozent kaum höher. Bei den Wirtschaftsführern ging der Ausländeranteil im Zug der beiden Weltkriege drastisch zurück. 1980 lag er immer noch bei bescheidenen 3 Prozent.

Die Autoren erklären die Einigelung der Schweiz mit Überfremdungsängsten und einer zunehmenden Fremdenfeindlichkeit am Vorabend des Kriegausbruchs. Es wurden Bestimmungen über die Zusammensetzung der Verwaltungsräte erlassen, die einer stärkeren Nationalisierung dieser Gremien Vorschub leisteten. Die Unternehmen begannen vermehrt die schon lange bestehenden Möglichkeiten zu nutzen, Stimmrechte von unerwünschten Aktionären einzuschränken (Vinkulierung). Eine Revision des Aktienrechtes 1936 gab ihnen zusätzliche Handhabe dafür. Gleichzeitig führte die kriegsbedingte Schwächung der deutschen Wirtschaft dazu, dass sich die Schweizer Grossbanken in der zuvor mit viel deutschem Kapital finanzierten Elektrizitätswirtschaft ausbreiten konnten.

In der Konsolidierungsphase der Alpenfestung nach den Kriegen kam es zum Schulterschluss zwischen Banken und Industrie, der 1961 in einem Gentleman’s Agreement gipfelte, unter dem sich die Banken verpflichteten, gegen ihre eigenen unmittelbaren finanziellen Interessen gewisse Aktienkategorien nicht mehr an Neuaktionäre zu übertragen, wenn diese den Firmen nicht genehm waren.

Ebner blieb ein Aussenseiter

Der «Filz», der Ebner 1994 die Machtübernahme bei der alten SBG (heute UBS) verwehrte und dafür sorgte, dass der Financier immer ein Aussenseiter blieb, war letztlich das Ergebnis dieser Verdichtung des firmenübergreifenden Netzwerkes der Wirtschaftseliten, die vor gut 100 Jahren ihren Anfang nahm. Während sich eine Grossfirma einen oder mehrere ihrer Verwaltungsräte 1910 noch durchschnittlich mit fünf anderen Grossfirmen teilte, waren es nach den Kriegen bis 1980 acht und mehr. Es kam zu engen Verflechtungen innerhalb der Basler Chemiemetropole, im Zürcher Finanz- und Industriezentrum und in der Ostschweiz mit der dort starken Maschinenindustrie.

Zwischen 1910 und 1980 sassen jeweils 20 bis 25 Prozent der Verwaltungsräte der 110 grössten Firmen im Land bei mindestens zwei Firmen im Aufsichtsgremium. Der ehemalige SBG-Chef Robert Holzach übte 1980 bis zu 10 Mandate aus. Mit Hans Sulzer, Carl Koechlin, Hans Robert Schwarzenbach, Étienne Junod oder Louis von Planta stellten Vertreter mächtiger Unternehmerfamilien bis in die 1980er-Jahre hinein den Präsidenten im Vorort (heute Economiesuisse), und Unternehmerfamilien wie Bally aus Solothurn wirkten über mehrere Generationen hinweg im Parlament mit. Noch 1980 wirkten fast 20 Prozent der Abgeordneten in der Vereinigten Bundesversammlung in Grossunternehmen als Verwaltungsräte mit.

In 30 Jahren haben der Druck der Kapitalmärkte und die international zunehmend standardisierte Regulierung die Alpenfestung weitgehend niedergerissen. 2010 stammten 35 Prozent der Spitzenmanager in den 110 grössten Unternehmen aus dem Ausland. Die einst dominanten Juristen und Ingenieure haben Betriebswirtschaftern mit amerikanischen MBA-Diplomen Platz gemacht. Die Netzwerkdichte hat sich um den Faktor 4 gelichtet: Im Durchschnitt waren Schweizer Grossfirmen 2010 nur noch mit 2,34 anderen Firmen über mindestens einen gemeinsamen Verwaltungsrat verbunden. Die politische Partizipation der Unternehmer im Parlament betrug 2010 noch 6 Prozent und in den Wirtschaftsverbänden sind Vertreter der teilweise immer noch mächtigen Familiendynastien nicht mehr in Führungsfunktionen anzutreffen.

Ist das das Ende der einstigen Schweiz AG? «Noch ist es zu früh für eindeutige Schlussfolgerungen», meinen die Autoren, die ihre Eliteforschung fortsetzen wollen.

Schweizer Wirtschaftseliten 1910 – 2010, André Mach, Thomas David, Stéphanie Ginalski, Felix Bühlmann, Verlag Hier und Jetzt, 29 Franken.