Lafarge-Holcim
Warum Paris die Zementfusion schulterzuckend hinnimmt

Mit Lafarge verliert ein grosser Name der französischen Industrie seine Unabhängigkeit. Die Regierung in Paris schickt sich in das Unvermeidliche.

Stefan Brändle, Paris
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Blick auf eine Lafarge-Fabrik in Frankreich (Archiv)

Blick auf eine Lafarge-Fabrik in Frankreich (Archiv)

Heute hält Lafarge wohl zum letzten Mal eine Generalversammlung als selbstständiges Unternehmen ab. Am Freitag werden dann die Holcim-Unternehmen auch das Schicksal der Franzosen mitbestimmen.

Vor dem schicksalhaften Entscheid über die franko-helvetische Zementfusion herrscht in Paris ein gewisser Fatalismus. Lafarge ist ein fester Bestandteil der französischen Industriegeschichte: 1833 gegründet, am Bau des Suez-Kanals beteiligt, hat Lafarge wohl an jedes französische Haus und jedes Gebäude ein Stück Zement oder ein anderes Bauteil beigesteuert.

Umso erstaunlicher, dass die französische Öffentlichkeit eher schulterzuckend hinnimmt, dass der grosse Name der französischen Unternehmenskultur in fremde Hände gelangt. Denn auch in Paris ist klar, dass Holcim nach der «Fusion» das Sagen haben wird.

Und das nicht nur wegen der «Nachbesserung» des Deals zugunsten der Schweizer. Diese wurde nötig, nachdem verschiedene Holcim-Aktionäre öffentlich den Aufstand geprobt hatten. Die Fusion beruhte anfangs auf einem impliziten Deal: für die Schweiz der Geschäftssitz, für Frankreich die Konzernleitung. Indem nun die Schweizer Aktionäre nachträglich Bruno Lafont als CEO abdrängten, bleibt den Franzosen herzlich wenig.

Und doch geht die Regierung in Paris, die sich sonst gerne lauthals für den «ökonomischen Patriotismus» einsetzt, nicht auf die Barrikaden. Warum mischt sie sich nicht so massiv ein wie etwa beim Verkauf des Energie- und Transportriesen Alstom an die amerikanische General Electric (GE)?

Teure Übernahmen belasten

Dafür gibt es mehrere Gründe. Auch in Paris herrscht heute die Einsicht vor, dass Lafarge seine geschwächte Position zum Teil selber verschuldete – nicht zuletzt mit den zu teuer bezahlter Übernahmen in Ägypten und anderswo. Nur der Euro-Kurs verhalf dem Konzern 2014 zu einem positiven Umsatz und Gewinn.

Zudem stehen bei Lafarge-Holcim weniger Arbeitsplätze auf dem Spiel als etwa bei Alstom-GE – hier haben bis zuletzt auch Alstom-Mitarbeiter in der Schweiz gezittert. Der neue Wirtschaftsminister Emmanuel Macron ist aber auch persönlich bedeutend liberaler eingestellt als sein rühriger Vorgänger Arnaud Montebourg, der noch Industriepolitik betreiben wollte wie einst der merkantilistische Minister Colbert unter König Ludwig XIV.

Andere Firmen werden verkauft

Unter Macron hat sich Frankreich vielmehr damit abgefunden, dass die Globalisierung keine Einbahnstrasse ist. Das heisst, dass französische Konzerne nicht nur im Ausland auf Einkaufstour gehen dürfen, wie das der Autokonzern Renault beim japanischen Nissan-Konzern vormachte. Möglich ist auch das Umgekehrte. So haben chinesische Aktionäre Anteile am legendären Reiseanbieter Club Med oder am Autohersteller Peugeot übernommen. Nach Alstom verliert auch der Traditionsname Alcatel – zusammen mit Lucent von Nokia übernommen – seine Unabhängigkeit.

Soeben wurde ferner bekannt, dass der grosse französische Spediteur Norbert Dentressangle für 3,2 Milliarden Euro an den US-Konkurrenten XPO Logistics geht. Und diese Woche wurde zudem bekannt, dass die französische Armee vom US-Konzern Ford Geländefahrzeuge kauft. Das bewirkt in Frankreich nicht mehr viel mehr als ein Schulterzucken.

Angesichts der Serie von «Ausverkaufsmeldungen» herrscht in Paris fast Erleichterung vor, dass mit Holcim eine eigentliche Übernahmeschlacht vermieden wurde. Und dass mit den Schweizern Partner geholt wurden, die vielleicht weniger ans schnelle Geld denken als amerikanische oder chinesische Investoren.