Warum Unternehmen wie Roche vermehrt auf Start-ups setzen

Die Unterstützung eines Grosskonzerns ist für Start-ups ein Qualitätssiegel. Bei Roche Diagnostics in Rotkreuz fand nun ein internationales Casting statt. Auch Schweizer Start-ups erhielten eine Chance.

Christopher Gilb
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Start-up-Vertreterin bei ihrer Präsentation.

Start-up-Vertreterin bei ihrer Präsentation. 

Bild: Boris Bürgisser (Rotkreuz, 10. Dezember 2019

Die Casting-Leiterin von Roche Diagnostics erhebt sich langsam von ihrem Platz in der ersten Reihe, doch der Start-up-Gründer auf der Bühne versteht die subtile Botschaft noch nicht. Der Mann aus Singapur spricht weiter über sein Gesundheitsprogramm, das durch eine Frühanalyse von Daten helfen soll, chronische Krankheiten besser zu erkennen und gezielter zu bekämpfen. Dann wirft er doch einen Blick auf die digitale Uhr neben ihm und realisiert, dass die fünf Minuten längst abgelaufen sind. «Nur noch kurz»: Im Eiltempo, mehr Rap als Vortrag, geht er die letzte Seite seiner Präsentation durch.

«99 Prozent der guten Ideen kommen von aussen»: Christoph Franz, Verwaltungsratspräsident Roche

Insgesamt elf Start-ups treten an diesem Dienstag Anfang Dezember im neuen Innovationspark Zentralschweiz in Rotkreuz vor rund 100 Roche-Vertretern auf. Darunter ist ein Start-up aus Österreich, das ein Pflaster mit integriertem Thermometer entwickelt. Um es auszulesen, muss nur ein Handy darüber gehalten werden. Alle fünf Minuten macht der Thermometer eine Messung und erstellt eine Fieberkurve. Anhand dieser soll der behandelnde Arzt, schwere Infektionen frühzeitig erkennen und schneller behandeln können.

Oder ein Start-up aus den USA, das an einem Gesundheitssensor im Chipkartenformat arbeitet, der den Puls und den Blutdruck eines Patienten kontinuierlich erfasst und dabei auf Radartechnologie setzt.

Spannend auch ein weiteres Start-up aus den USA, das eine künstliche Intelligenz entwickelt, die Gesundheitsdaten, Forschungsresultate und Statistiken bündeln soll. Forscher in Pharmaunternehmen tippen also eine spezifische Diagnosefrage ein und erhalten eine Antwort auf der Höhe der Zeit.

Finanzielles nicht im Vordergrund

Seit eineinhalb Jahren nun fördert Roche gezielt Start-ups in deren Frühstadium. «Früher haben wir vor allem nach fertigen Produkten gesucht und dann Lizenzen oder Unternehmen gekauft. Das ist aber nicht der einzige Weg», sagt der ebenfalls anwesende Verwaltungsratspräsident von Roche Christoph Franz.

Heute setze der Konzern darauf, früh in die Entwicklung einer Innovation involviert zu sein. «Denn wir sind nicht die einzigen auf der Welt und 99 Prozent der guten Ideen kommen von aussen», so Franz weiter. Oder wie es der Vertreter eines der Start-ups im Gespräch mit unserer Zeitung sagt: «Wirkliche Innovation kommt heute nicht über die Grosskonzerne, dafür sind deren Strukturen zu hierarchisch und die Entscheidungswege zu lang. Das Neue kommt von extern.»

Gemeinsam mit dem Pharmaunternehmen Sanofi betreibt Roche Diagnostics deshalb das Accelerator (deutsch: Beschleuniger)-Programm Creasphere. Dabei wird weniger auf die finanzielle Unterstützung für Start-ups als die Zurverfügungstellung von Ressourcen gesetzt.

So können die Gründer ihr Produkt gemeinsam mit Experten von Roche weiterentwickeln, sich Marktwissen aneignen und neue Kontakte in der Branche knüpfen. «Wir wollen ein konkretes Projekt mit dem Start-up entwickeln», fasst Jochen Hurlebaus, Leiter Digital Health Innovation bei Roche, das Förderkonzept zusammen.

Speziell am Anlass von Creasphere an diesem Dienstag ist, das auch erstmals Schweizer Start-ups aus dem Diagnostikbereich eingeladen wurden. Auch deshalb fiel die Wahl auf den Diagnostics Standort in Rotkreuz und nicht jenen in München, wo das Förderprogramm angesiedelt ist. Fünf der elf Start-ups sind in der Schweiz zu Hause, darunter auch Certus Diagnostics.

Eine Win-win-Situation

Die Wissenschaftler aus Zollikofen haben einen molekularbiologischen Schnelltest entwickelt, mit dem sich Erreger bereits innerhalb einer halben Stunde nachweisen lassen sollen. Was mit herkömmlichen Tests mindestens vier Stunden daure. Ziel sei, dass der Test irgendwann auch in der Humandiagnostik zum Einsatz komme.

Doch der Weg dorthin ist lang. «Und für Investoren ist es ein gutes Zeichen, wenn Unternehmen wie Roche an unser Produkt glauben», befindet Annik Kohler von Certus Diagnostics. Das Wissen von Roche mit ihrer Innovation zu kombinieren, sei zudem eine Win-win-Situation.

Ähnlich drückt es Reto Kaul, vom Start-up Sublimd in Cham aus: «Unsere Man-Power ist beschränkt, ein Unternehmen wie Roche kann uns behilflich sein, nach oben zu kommen.» Der Mediziner hat mit Kollegen eine Software entwickelt, die Ärzte unter anderem durch einen interaktiven Fragebogen von der Schreibarbeit entlasten soll. Die Software kommt bereits in ersten Krankenhäusern in der Schweiz zum Einsatz.

Noch wichtiger als das Casting ist für die Vertreter der Start-ups aber der Tag danach, an dem vertiefte Projektmeetings mit Roche auf dem Plan stehen. Von bisher 21 teilnehmenden Start-ups beim Programm Creasphere, wurden gemäss Konzernauskunft mit zehn im Anschluss ans Programm dann auch konkrete Projekte gestartet.

Dätwyler, Siemens, Schindler: Wie andere Zentralschweizer Unternehmen mit Start-ups zusammenarbeiten

Weitere Industrieunternehmen aus der Region fördern ebenfalls Start-ups oder arbeiten in irgendeiner Form mit Jungfirmen zusammen. So beispielsweise der Industriezulieferer Dätwyler mit Sitz in Altdorf. Auf Anfrage teilt Dätwyler mit, in der Entwicklung von neuen Materialien, Technologien und Produkten auf Projektbasis in mehreren Ländern mit verschiedenen Start-ups zusammenzuarbeiten. «Eine eigentliche Förderung von Start-ups betreiben wir aber nicht.»

Anders bei Siemens. Vor drei Jahren hat der Grosskonzern mit Standort in Zug eigens für die Start-up-Förderung eine eigenständige Einheit gegründet. Für die ersten fünf Betriebsjahre stehe Next47 rund eine Milliarde Euro für die Start-up-Förderung zur Verfügung, heisst es auf Anfrage.

Zudem arbeite Siemens in zahlreichen Gebieten und in allen Weltregionen mit Start-ups zusammen. «Im Bereich der Gebäudetechnik in Zug haben wir uns im letzten Jahr verstärkt und mehrere Start-up-Firmen übernommen. Damit bauen wir unser digitales Portfolio gezielt aus», heisst es weiter.

Schindlers Start-up in Berlin Übernommen von Siemens Building Technologies wurden unter anderem die Start-up-Firmen Enlighted und Building Robots. Enlighted bietet eine IoT-Plattform (Internet of Things) für gewerbliche Immobilien an. Das Kernstück der Plattform sind intelligente Sensoren, die Daten sicher in die Cloud übertragen. Ausserdem verringert die Plattform den Energieverbrauch und ermöglicht Verbesserungen bei Raumnutzung und Umweltmanagement. «Diese Lösung können wir demnächst bei ersten Schweizer Kunden installieren», schreibt Siemens.

Building Robotics wiederum hat unter anderem die Workplace-App Comfy im Portfolio. Diese schafft eine interaktive Verbindung zwischen Menschen und Gebäuden und ermöglicht eine individuell anpassbare Arbeitsumgebung. Im neuen Campus in Zug sei Comfy seit kurzem bereits im Einsatz.

Über ein eigenes Förderprogramm für Start-ups verfügt auch der Lifthersteller Schindler in Ebikon. Dieser hat im März 2019 das Start-up BuildingMinds mit Sitz in Berlin gegründet. In Partnerschaft mit Microsoft entwickelt das Jungunternehmen eine Serviceplattform für die Immobilienbewirtschaftung aus einer Hand, womit das Management von Gebäuden verändert werden soll. BuildingMinds fungiert als eigenständiges Unternehmen innerhalb der Schindler Gruppe. (cg)