Analyse
Was die Griechenland-Wahl für die Schweiz bedeutet

Die Griechen haben gewählt. «Und was hat das mit uns zu tun?», könnte man als Schweizer fragen. Die Antwort: sehr viel. Die Griechenland-Wahl ist mit der Zukunft des Euro eng verbunden. Und alles was den Euro betrifft, betrifft auch den Franken.

Fabian Hock
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Wahlsieg für die Linke in Griechenland.

Wahlsieg für die Linke in Griechenland.

Keystone

Die Griechen wollen nicht mehr sparen. Sie haben «όχι» gesagt, «nein» – zu Angela Merkel, «nein» zur Troika aus EU, Europäischer Zentralbank (EZB) und Internationalem Währungsfonds (IWF). Sie haben in ihren Augen genug gelitten. Und so ist das Land gestern kollektiv nach links gerutscht. Alexis Tsipras und sein Linksbündnis Syriza haben die Wahl klar gewonnen und dabei die absolute Mehrheit nur knapp verpasst.

Tsipras war mit dem Versprechen in die Wahl gegangen, er werde den rigorosen Sparkurs beenden, den die Troika den Griechen überstülpte und auf den vor allem die deutsche Regierung unter Bundeskanzlerin Merkel beharrt. Tsipras war vor der Wahl Favorit, doch die Deutlichkeit seines Sieges überrascht.

Syriza kündigte an, die Reformauflagen der Geldgeber neu verhandeln zu wollen. Das sorgt für Unsicherheit auf den Finanzmärkten – nicht gerade förderlich für die Stabilität des Euro. Bisher hat die Gemeinschaftswährung nach einem kurzen Dämpfer am Montag gegenüber dem Franken jedoch nicht weiter verloren – im Gegenteil: Der Euro konnte sogar etwas zulegen. Das wiederum könnte auf die Erleichterung der Finanzmärkte hindeuten, dass Syriza die künftige griechische Regierung nicht allein stellen kann.

An der unsicheren Lage ändert das jedoch nichts. Bisher weiss niemand, was bei den angekündigten Verhandlungen mit den internationalen Geldgebern herauskommt. Die EZB hat bereits ihre Teilnahme an einem erneuten Schuldenschnitt für «unmöglich» erklärt. Ein Austritt Griechenlands aus der Eurozone ist unwahrscheinlich, aber nicht undenkbar.

Die Schweiz und der Euro

All das hat auch Auswirkungen auf die Schweiz. Am Montag waren diese zwar kaum sichtbar. Doch das muss in einem grösseren Zusammenhang betrachtet werden. Die Griechenland-Wahl bildet den Abschluss dreier, für den Euro und den Franken entscheidender, Ereignisse der letzten Tage: Das erste war die Aufhebung des Euro-Mindestkurses durch die Schweizerische Nationalbank am vorletzten Donnerstag. Das zweite Ereignis folgte genau eine Woche später: EZB-Präsident Mario Draghi kündigte an, den Euroraum mit mehr als einer Billion Euro bis Ende September 2016 zu fluten. Und jetzt die Griechenland-Wahl.

Alle drei Ereignisse haben eine Gemeinsamkeit: Sie schwächten den Euro und stärkten zugleich den Franken. Zwischen Ereignis eins (dem SNB-Entscheid) und den beiden anderen gibt es jedoch auch einen entscheidenden Unterschied: Während SNB-Präsident Thomas Jordan mit der Aufhebung des Mindestkurses jeden Finanzanalysten, Banker und Politiker – im Grunde alle – überraschte, waren die anderen beiden Ereignisse einigermassen vorhersehbar. Mit dem SNB-Entscheid rechnete niemand, mit dem Ausgang der Griechenland-Wahl die meisten. Tsipras‘ Sieg hatte sich abgezeichnet, man konnte sich darauf einstellen. Ähnlich der EZB-Entscheid: Draghi hatte in den letzten Wochen und Monaten kaum eine Gelegenheit ausgelassen, um die Notwendigkeit des Aufkaufs von Staatsanleihen zu betonen.

Dass dies den Euro schwächen würde, war klar. Dann gab Thomas Jordan das Ende des Mindestkurses bekannt. Und da man an Finanzmärkten im Grunde nichts anderes macht, als auf die Zukunft zu wetten, brachen alle Dämme: Der Franken schoss durch die Decke, der Euro in den Keller. Der erwartete EZB-Entscheid und der befürchtete Syriza-Wahlsieg schlugen sich im massiven Absturz des Eurokurses unmittelbar nach dem SNB-Entscheid nieder. Dass weder der EZB-Entscheid, noch der Wahlsieg Tsipras‘ für erneute Kursabstürze sorgen konnten, hat demnach einen einfachen Grund: Sie waren in der Reaktion auf den SNB-Entscheid bereits eingepreist.

Ob sich der Euro nun wieder stabilisiert, hängt vom Verhalten Griechenlands und dem seiner Geldgeber ab. Die Finanzmärkte werden den Verlauf der Verhandlungen genauestens beobachten – ebenso wie die Unternehmen aus der Schweizer Tourismus- und Exportindustrie. Diese dürften in immer grössere Schwierigkeiten geraten, je länger der Euro bei der Parität herumdümpelt. Sie hoffen auf konstruktive Verhandlungen zwischen der neuen griechischen Regierung aus Linken und Rechtspopulisten mit den gespaltenen europäischen Regierungen - mit diesen wollen die Griechen nun direkt verhandeln, nicht mehr mit der Troika. Alles andere als eine übersichtliche Ausgangslage.