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Bildungsstand in der Schweiz:
Was heisst schon «Akademisierung»

In wenigen Jahren verfügt eine Mehrheit der Erwerbstätigen in der Schweiz über einen Hochschulabschluss. Das schadet weder der Berufsbildung noch dem Arbeitsmarkt.
Daniel Zulauf
Immer mehr machen einen Uni- oder Fachhochschulabschluss. (Bild: Christian Beutler)

Immer mehr machen einen Uni- oder Fachhochschulabschluss. (Bild: Christian Beutler)

Hochqualifizierte Arbeitsnomaden kommen seit Jahren gern und in grosser Zahl in die Schweiz. Das Phänomen ist bekannt und statistisch gut ausgeleuchtet. Weniger bekannt ist hingegen, dass die einheimische Produktion von hochqualifiziertem Personal mit Hochschulbildung für den Eigengebrauch diesen Import um ein Mehrfaches übersteigt. Der Zeitpunkt ist nicht mehr fern, an dem im Schweizer Arbeitsmarkt eine Mehrheit der Beschäftigten über einen Tertiärabschluss einer Universität oder Fachhochschule verfügt. Michael Siegenthaler, Arbeitsmarktspezialist bei der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich, schätzt, dass dies in wenigen Jahren der Fall sein wird.

Die Zahlen des Bundesamtes für Statistik sprechen für sich: Im Jahr 2002, als das Abkommen zwischen der Schweiz und der EU über die gegenseitige Öffnung des Arbeitsmarktes in Kraft trat, verfügten von den damals 3,9 Millionen Erwerbstätigen in der Schweiz erst jeder Vierte über einen Tertiärabschluss. Aktuell sind es 42 Prozent. Besonders spektakulär ist diese Entwicklung bei den ausländischen Erwerbstätigen. Von diesen besitzen heute zwei von fünf ein Hochschuldiplom. Damit stehen sie den Einheimischen (43 Prozent) kaum mehr nach.

Hochqualifizierte vor allem aus der Schweiz

Philippe Wanner und Ilka Steiner von der Universität Genf betrachten in einem aktuellen Beitrag zur Nationalfonds-Forschungsreihe «Socialchange» spezifisch die Gruppe der in der jüngeren Zeit eingewanderten Personen im erwerbsfähigen Alter. Die Soziologen stützen sich dabei auf Daten, die seit 2010 aus breitangelegten Befragungen von Migranten erhoben werden. Die Untersuchung zeigt, dass seit etwa zehn Jahren jeder zweite Neuzuzüger in die Gruppe der Hochqualifizierten gehört. Vor allem die Zusammensetzung der Migrationsströme aus Spanien und Italien hat sich gemäss den Erkenntnissen der Forscher in den letzten Jahren tiefgreifend verändert. Die überfüllten Züge mit Arbeitsmigranten aus dem Mezzogiorno gehören definitiv der Vergangenheit an. Heute bestünden auch diese Ströme mehr als zur Hälfte aus hochqualifizierten Personen.

Doch die Migration spiele nur eine «untergeordnete Rolle», wenn es um die Befriedigung der Arbeitsmarktnachfrage nach solchen Spezialisten gehe, schreiben Wanner und Steiner in ihrem Aufsatz «Ein spektakulärer Ansteiger der hochqualifizierten Zuwanderung in die Schweiz». Den grössten Beitrag lieferten die neuen Generationen einheimischer Arbeitskräfte, die sich im Vergleich zu ihren Vorvätern besser ausbilden lassen und in grosser Zahl Universitäten und Fachhochschulen absolvieren. Die Zunahme der hochqualifierten Personen an der Gesamtzahl der Erwerbstätigen seit 1995 ist in der Schweiz doppelt so hoch wie in den OECD-Ländern. Eine plausible und verbreitete Erklärung dafür sind die wirtschaftlichen Bedingungen in der Schweiz, die eine entsprechende Nachfrage im Arbeitsmarkt entstehen lassen. Der starke Franken zwingt die Industrie zu ständigen Anpassungen des Produktionsapparates. Dies begünstigten den technologischen Fortschritt, was wiederum die Nachfrage nach gut ausgebildetem Personal befördert. Auch die Expansion vergleichsweise wenig produktiver staatsnaher Sektoren, insbesondere das Gesundheitswesen, dürfte in den vergangen Jahren viel gut qualifiziertes Personal angezogen haben.

Doch die Schweizer Bildungsexpansion muss nicht allein das Ergebnis einer steigenden Nachfrage im Arbeitsmarkt sein. Es kann zumindest vermutet werden, dass die verstärkte Zuwanderung im Rahmen der Personenfreizügigkeit diese zusätzlich beschleunigt hat. Gut möglich also, dass das erweiterte Angebot an erwerbsfähigen Personen mit einem Tertiärabschluss auch die Nachfrage stimuliert hat und so gewisse Tätigkeiten zur Domäne von Hochschulabsolventen werden liess, die noch vor 20 Jahren von erfahrenen Berufsleuten mit einem einfachen oder höheren Fähigkeitsausweis ausgeführt wurden.

Top-Löhne habe sich in der Schweiz moderat entwickelt

Eine derartige Verschiebung muss allerdings noch lange nicht bedeuten, dass die Bildungsinstitutionen die falschen Profile für den Arbeitsmarkt entwickeln. Gegen einen solchen Schluss spricht nicht nur die geringe Arbeitslosigkeit und die mindestens bis dahin erstaunliche Widerstandskraft des Arbeitsmarktes in Krisenzeiten. Dagegen spricht auch die Tatsache, dass sich die Löhne der Hochqualifizierten in der Schweiz im Unterschied zu vielen anderen Ländern (USA, Grossbritannien) nicht abgekoppelt haben.

Im Juli stellte der Bund im Rahmen seiner regelmässigen Beobachtungen zu den demografischen und arbeitsmarktlichen Auswirkungen der Personenfreizügigkeit mit der EU fest: «Das Lohnwachstum war über die vergangenen Jahre der Wirtschaftsentwicklung gut angepasst und über die Lohnverteilung hinweg ausgeglichen.» Am oberen Ende der Skala habe das zusätzliche Fachkräfteangebot aus der EU einem steileren Lohnwachstum entgegengewirkt. Das durchschnittliche Lohnwachstum der Hochqualifizierten ist ein Indiz dafür, dass die hiesigen Hochschulen in einer sich rasch verändernden Arbeitswelt immer noch die richtigen Berufsleute in der vom Arbeitsmarkt benötigten Zahl und Qualität hevorbringen. Wenn die Zuwanderung auch dazu einen Beitrag leistet – umso besser.

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