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Arbeitskampf im Baugewerbe: Jetzt spricht Anliker

Gewerkschaften und Baumeisterverband liefern sich dieses Jahr einen besonders verbissen geführten Lohnstreit. Nun meldet sich erstmals ein Vertreter eines grossen Bauunternehmens zu Wort.
Interview: Rainer Rickenbach
Roland Dubach, Leiter der Bausparte von Anliker, auf einer Baustelle in Emmenbrücke. (Bild: Dominik Wunderli, 5. November 2018)

Roland Dubach, Leiter der Bausparte von Anliker, auf einer Baustelle in Emmenbrücke. (Bild: Dominik Wunderli, 5. November 2018)

Roland Dubach, keine andere Branche inszeniert den Lohnherbst jeweils so geräuschvoll wie das Bauhauptgewerbe. Woran liegt das?

Die Baubranche bietet fortschrittliche Lösungen: Das Rentenalter liegt bei 60 und die Mindestlöhne sind deutlich höher als in anderen handwerklichen Berufen wie etwa bei den Gärtnern. Der Landesmantelvertrag ist ein gutes Werk. Er ist ein gutes Instrument, das wir erhalten wollen. Die Sozialpartner sind versucht, die guten Arbeitsbedingungen und ihren Anteil daran «ins Schaufenster zu stellen». Dieses Jahr gehen sie besonders lautstark ans Werk, weil der Vertrag nach drei Jahren ausläuft.

Die Baumeister und die Gewerkschaften haben sich auf die Sanierung der Stiftung für den flexiblen Altersrücktritt im Bauhauptgewerbe (FAR) geeinigt. Über sie wird das Rentenalter 60 für die Bauarbeiter finanziert. Die Behörden haben den Sanierungsplan abgesegnet. Worauf warten Sie noch mit der Umsetzung?

Wir könnten sofort mit der Sanierung der Frührente ab 60 beginnen. Die ausgehandelte und auch bereits vom Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) geprüfte Sanierung liegt auf dem Tisch. Das Rentenalter bleibt bei 60, die Renten werden nicht gekürzt. Die Beiträge der Arbeitnehmer steigen um 0,5 bis 0,75 Prozent. Sie werden mit Lohnerhöhungen vollständig kompensiert. Wegen des demografischen Wandels, dem Anlagenotstand und den vielen Mutationen rutschte die Stiftung in eine Unterdeckung von 93,5 Prozent. Die Sanierung ist dringend und könnte morgen umgesetzt werden.

Warum geschieht es nicht?

Weil die Gewerkschaften die Stiftung FAR mit den Verhandlungen für den neuen Landesmantelvertrag verknüpfen. Doch das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Nun greift in erster Linie unter den langjährigen Mitarbeitern Verunsicherung um sich. Was soll ich zum Beispiel einem 58-jährigen Polier sagen, der fragt, ob auch er noch mit 60 in Rente gehen kann? Ich kann ihm nur antworten: Eigentlich ist alles geregelt, doch wegen der Vertragsverhandlungen ist der Sanierungsplan blockiert. Unser Unternehmen steht voll und ganz hinter dem Rentenalter 60 für die Bauarbeiter und möchte die FAR-Sanierung möglichst schnell vorantreiben.

Die Gewerkschaft Unia fordert 150 Franken mehr Monatslohn. Das entspricht über den Daumen gepeilt dem einen Prozent Lohnerhöhung, welche die Grossbank UBS für das kommende Jahr in der Schweiz voraussagt. Warum soll sie den Bauarbeitern vorenthalten bleiben?

Ein ausgebildeter Maurer verdient im Schnitt 6000 Franken brutto monatlich. Ein Prozent käme 60 Franken mehr Lohn gleich. Die Baumeister haben im Sommer eine Lohnerhöhung von 150 Franken angeboten, darin war die Entschädigung der höheren Lohnabzüge zur FAR-Sanierung mit eingerechnet. Doch die Gewerkschaften lehnten den Vorschlag ab. Obwohl die Gehaltserhöhung selbst nach den zusätzlichen Lohnabzügen auf ein Prozent zu liegen gekommen wäre.

Die Verhandlungen zur Erneuerung des Landesmantelvertrages gehen am Freitag in die 18. Runde. Warum verlaufen die Gespräche dieses Jahr besonders zäh?

Weil die Verknüpfung von Rente mit 60, Lohnerhöhungen und flexiblerem Arbeiten die Verhandlungen blockiert. Dafür fehlt uns als Unternehmen das Verständnis. Denn im Bau ist man sich gewohnt, lösungsorientiert zu arbeiten. Diesen Eindruck hinterlassen die beiden Sozialpartner gegenwärtig nicht.

Was die Baumeister als Flexibilisierung bezeichnen, bedeutet in den Augen der Arbeitnehmerorganisationen aber 12-Stunden-Tage als Normalfall, Dauerbereitschaft und 300 Gratis-Überstunden. Keine Gewerkschaft dieser Welt nimmt so etwas hin.

Diese Interpretation ist völlig falsch. Wir bezahlen weiterhin jede Überstunde und streben keine regelmässigen 12-Stunden-Tage an. Da würde uns schon das Arbeitsrecht Grenzen setzen. Überschreitungen von Tages- und Wochenarbeitszeiten sind nicht erlaubt und Gratis-Arbeitsstunden schon gar nicht. Die Bauunternehmen würden sich selbst schaden, wenn sie an solchen Grenzen ritzen. Denn es sind die Mitarbeiter, die die Häuser und Strassen bauen, sie sind unser höchstes Gut. Wir legen alleine schon darum Wert auf ihre Ausbildung, ihre Gesundheit und ihre Leistungsfähigkeit. Uns geht es um etwas anderes, nämlich um mehr Flexibilität. Der Hoch- und der Tiefbau sind nun mal saisonale Geschäfte, sie sind abhängig von der Witterung und regionalen Baumarktschwankungen.

Das Wetter alleine kann aber nicht den Ausschlag für die Arbeitsbelastung eines Tages geben.

Das ist auch nicht geplant. Es braucht praxistaugliche, leicht umsetzbare Lösungen. Heute müssen die Überstunden zum Beispiel bis spätestens Ende März des Folgejahres abgebaut sein. Wir möchten diese starre Regel aufbrechen und den Abbau über einen längeren Zeitraum verteilen können. Das käme auch den Angestellten zugute. Die Spanier und Portugiesen etwa könnten vielleicht in auftragsarmen Zeiten zwei Wochen am Stück länger Ferien in ihren Heimatländern verbringen, und die Festangestellten brauchten weniger Konkurrenz durch temporäre Fachleute zu befürchten, weil sich ihre Arbeitszeiten besser den Projekten anpassen lassen. Zudem sähen sich die Unternehmen weniger oft gezwungen, zu Tiefstpreisen auf Baustellen aktiv zu werden, die mehr als 50 Kilometer entfernt sind, damit sie in der flauen Zeit ihre Leute beschäftigen können.

Die Klagen über Dumpingpreise und geringe Margen sind in der Baubranche notorisch. Sie sind nach 20 Jahren Bauboom nur schwer nachvollziehbar.

Trotz hoher Bauvolumen gelang es in der Tat leider nie, die Preise korrekt zu gestalten. Was die Unternehmen morgen an Produktivität zulegen, speisen sie schon heute in die Preise ein, und sie machen für eine zeitlich verteilte Auslastung Konzessionen bei den Preisen. Der Schweizer Markt ist eigentlich trotz stagnierender Bautätigkeit intakt. Entscheidend ist aber, was wir aus dem Markt machen. Weniger starre Regeln wären hilfreich, mehr daraus zu machen.

Roland Dubach (52) leitet die Bausparte der Anliker-Gruppe in Emmen und ist zugleich Finanzchef der ganzen Gruppe. Anliker beschäftigt in der Deutschschweiz mehr als 1500 Mitarbeitende (davon 1250 im Bau), erzielte im vergangenen Jahr einen Umsatz von knapp 700 Millionen Franken und zählt zu den fünf grössten Bauunternehmen der Schweiz.

Bauarbeiter protestieren

Am Dienstag kommt es auf verschiedenen Baustellen der Schweiz zu Protestaktionen. Aufgerufen dazu haben die Gewerkschaften Unia und Syna. Schon Mitte Oktober haben sich rund 700 Bauarbeitende auf der Baustelle des Berner Bahnhofs versammelt, um gemeinsam «für die Rente mit 60 und gegen gesundheitsgefährdende überlange Arbeitstage» zu protestieren. Nach Aktionen im Tessin und in der Romandie war dies die erste Protestaktion in der Deutschschweiz. Der Landesmantelvertrag gilt für 80 000 Mitarbeitende im Bau-Hauptgewerbe, nicht aber für das Büro- und Planungspersonal der Bauunternehmen. (rr)

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