Kolumne
Was unsere moderne Gesellschaft mit Mangroven zu tun hat

Mangroven wachsen dort, wo Flüsse ins Meer münden, wo sich Süss- mit Salzwasser mischt. Unsere Gesellschaft befindet sich heute an so einem Ort.

Edy Portmann
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Edy Portmann.

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In einer ihrer letzten Kolumnen in der «NZZ am Sonntag» beschäftigte sich die Politphilosophin Katja Gentinetta mit der Frage, wem denn der Kapitalismus zu dienen habe. Der Ausgangspunkt ihrer Überlegungen war die WEF-Publikation «Davos Manifest 2020». Dieses Manifest für «Unternehmen der 4. Industriellen Revolution» löst dabei jenes von 1973 ab, das sich als «ethischer Code für Wirtschaftsführer» verstand.

Das neue Manifest fordert darüber hinaus, alle Interessengruppen in eine gemeinsame und nachhaltige Wertschöpfung miteinzubinden. Damit verbunden ist die Frage nach einer nachhaltigen Digitalisierung, die mich als Förderprofessor der Schweizerischen Post mit Blick auf unsere Netzwerkindustrie ebenfalls umtreibt. Denn: Wem haben diese Unternehmen zu dienen und welche Rolle spielt hierbei die 4. Industrielle Revolution?

Der Technikphilosoph Luciano Floridi von der Universität Oxford stellte Überlegungen an, welchen Einfluss die zunehmende Bedeutung smarter Technologien auf die Entwicklung unserer Gesellschaft haben kann. Seiner Ansicht nach leben wir immer mehr im Habitat einer «Mangrovenökonomie». Noch im letzten Jahrhundert wurde man gefragt, so Floridi, ob man «online» respektive «im Netz» sei. Heute spürten wir aber die Unzulänglichkeit so einer Frage spätestens dann, wenn wir mit unserem Smartphone, das über Bluetooth mit dem Soundsystem des Autos gekoppelt ist, am Steuer sitzend und den Anweisungen unseres Navigationsgeräts folgend, das zudem in Echtzeit Verkehrsinformationen herunterlädt, telefonieren. Wir leben zunehmend in einer Welt, die sowohl analog als auch digital, sowohl online als auch offline ist.

Mangroven wachsen dort, wo Flüsse ins Meer münden, wo sich Süss- mit Salzwasser mischt. Nach Floridi befindet sich unsere Gesellschaft heute an so einem Ort. Und unsere Technologien sind gerade daran, sich diesen zu Nutze zu machen, vergleichbar mit Mangroven in brackigem Wasser. In einer Mangrovenökonomie sind die wesentlichen Daten maschinenlesbar. Entscheide werden automatisch getroffen respektive durchgeführt, über Sensoren, Aktoren und Anwendungen, die Befehle ausführen und die entsprechenden Prozesse umsetzen – von der Benachrichtigung oder dem Scannen eines Pakets bis hin zum automatischen An- und Verkauf von Aktien also.

Beim neuen Davoser Manifest stehen immer noch die Kunden im Zentrum, es wird jedoch mehr Umsicht gefordert. Um alle, egal ob analog, digital, on- oder offline, miteinzubinden, ist ein Engagement für Richtlinien und Entscheidungen, die langfristigen Wohlstand stärken, der beste Weg. Diesbezüglich glaubt Floridi, dass «die eigentliche Herausforderung nicht digitale Innovationen, sondern die Regulation dieser sei». Innovation ist nach ihm die Kraft, die die Unternehmen für Nachhaltigkeit einsetzen können.

Was heisst das nun für unseren Service Public? Gemäss einem Bundesratsbericht zur «Grundversorgung in der Infrastruktur» beinhaltet dieser «eine politisch definierte Grundversorgung mit Infrastrukturgütern und Infrastrukturdienstleistungen, welche für alle Bevölkerungsschichten und Regionen des Landes nach gleichen Grundsätzen in guter Qualität und zu angemessenen Preisen zur Verfügung stehen sollen». Kombiniert man dies mit der nachhaltigen Digitalisierung der Schweiz, dann sollte die Netzwerkindustrie, die uns diese Infrastrukturen bereitstellt, das Analoge mit dem Digitalen fusionieren.

Nehmen wir die Post als Beispiel: Diese entwickelt mit ihrer bürgerzentrierten Digitalisierung die öffentliche Infrastruktur weiter. Mit ihren Dienstleistungen erreicht sie schon heute die Bürger physisch, morgen auch immer mehr digital. Als Infrastrukturunternehmung ermöglicht sie Zugang zu Dienstleistungen. Und so federt sie etwa eine mögliche digitale Spaltung, also den heterogenen Zugang zur öffentlichen Hand, Unternehmen und der Gesellschaft, ab.

Der gebürtige Luzerner Edy Portmann ist Informatikprofessor und Förderprofessor der Schweizerischen Post am Human-IST- Institut der Universität Freiburg.