WEF: Geld regiert Davos

Das World Economic Forum ging gestern zu Ende. Das Bündner Dorf war die letzten Tage Treffpunkt für Polit- und Wirtschaftsprominenz. Der Davoser Alltag musste eine Woche lang zurückstehen.

Roger Braun
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Das Facebook-Chalet in Davos, welches nur für das WEF errichtet wurde. (Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone (16. Januar 2017))

Das Facebook-Chalet in Davos, welches nur für das WEF errichtet wurde. (Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone (16. Januar 2017))

Roger Braun

roger.braun@luzernerzeitung.ch

Wer dieser Tage nach Davos fährt, würde nicht darauf kommen, dass sich im Bündner Dorf die internationale Polit- und Wirtschaftsprominenz trifft. Am Bahnhof in Landquart unterhalten sich zwei Bahnpolizisten entspannt auf dem Perron. Vereinzelt sitzen Militärangehörige im Zug auf dem Weg zu ihrem Einsatz. Das Sturmgewehr fehlt, bewaffnet sind sie einzig mit Bier und Snus. Die Tage, als es in Landquart zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen linken WEF-Gegnern und Ordnungskräften kam, sind lange her. Ohne einmal kontrolliert oder aufgehalten zu werden, ist man bereits in Davos.

So gewöhnlich die Anreise, so ungewöhnlich das Ortsbild: Wo normalerweise Autos von Subaru, Mazda und Volvo verkehren, dominieren nun Staatskarossen von Mercedes, BMW oder Audi. Die eine sieht aus wie die andere: schwarz, getönte Scheiben, blitzblank geputzt. Die Teilnehmer des Forums werden in gegen hundert vornehmen Shuttles durchs Dorf gefahren. Die Ortsbusse haben sich ebenfalls an die veränderten Umstände angepasst. Anstatt für das lokale Gewerbe werben sie nun für den indischen Bundesstaat Andhra Pradesh oder für die Expo 2017: «Welcome to Kazakhstan!»

Dorfkern wird zur Bühne

Angestammte Ladenmieter an der Promenade sind plötzlich verschwunden. Aus dem «Kaffee Klatsch» ist eine PR-Lounge für Russland geworden. Wo die Confiserie Schneider normalerweise Backwaren verkauft, wird nun für den Bundesstaat Andhra Pradesh geworben – «the fastest growing state of India». Die Buchhandlung Schuler wiederum erstrahlt in Blau: «Salesforce – trust, growth, innovation, equality». Der US-Fernsehsender CNBC macht nicht mal vor Gott halt. Die schmucke englische Kirche im Dorfkern ist zur Bühne umgebaut worden, vollgestopft mit technischem Equipment.

Und auch die lokale Bildung muss für eine Woche zurückstehen. In der Dorfbibliothek hat sich der englische Nachrichtensender Reuters eingemietet. Bücher sind keine mehr zu sehen. Irgendwo im Keller seien die, meint ein junger Journalist. Im Dorf erzählt man sich, dass für grosse Räumlichkeiten sechsstellige Beträge die Hand wechseln. Einzelne Ladenbesitzer sollen damit bis zu einem Viertel ihres Jahresumsatzes machen.

Andere Firmen machen sich gar nicht die Mühe, etwas zu mieten. Sie ziehen für die vier Tage gleich einen Bau hoch. Facebook zum Beispiel residiert in einem Fertighaus aus Holz. Nächste Woche wird dieses wieder abgerissen, der Platz wieder zur Grünfläche.

Der Fussweg von Davos Platz zum Kongresszentrum wird zum Jahrmarkt für Weltläufige. Hier russische Backwaren, dort indisches Curry. Aus der Aberdeen Bank klingen Dudelsackklänge. Die Berkeley University wirbt um leistungsbereite Studenten, gut gelaunte Jugendliche verteilen das «Wall Street Journal». Viele Firmenvertreter, die in den Lounges für ihre Sache werben, sind eigens aus den USA angereist. Ja, es sei ein langer Weg und viel Arbeit, sagt eine junge Facebook-Mitarbeiterin. «But hey, it’s the World Economic Forum!» Gesprochen wird vor allem Englisch, zeitweise fühlt man sich in die USA versetzt. Aber auch andere Sprachen hört man: Russisch, Französisch, Chinesisch, manchmal auch Schweizerdeutsch.

Die Popularität des WEF ist ungebrochen. Noch nie waren so viele Gäste hier wie dieses Jahr. Die Hotelzimmer sind alle seit langem ausgebucht. Viele Teilnehmer und Firmenvertreter müssen auf private Wohnungen ausweichen – und dafür Unsummen bezahlen. Die Preistreiberei geht so weit, dass sich das WEF inzwischen überlegt, den Vertrag mit Davos, der nächstes Jahr ausläuft, nicht mehr zu verlängern.

An einer Ecke steht ein kleines Grüppchen der Davoser Grünen. Mit Dosenbier in der Hand stehen sie um ein Lagerfeuer und hören sozialkritische Musik. Daneben steht ein Schild. «Free hugs» heisst es darauf, gratis Umarmungen. Das «free» ist durchgestrichen und ersetzt durch: «1500 Dollar».