WEF: «In Davos sind alle Teilnehmer Stars»

Kommende Woche schaut die ganze Welt aufs World Economic Forum in ­Davos. Der Luzerner WEF-­Direktor Alois Zwinggi über den Wert der Veranstaltung, Promis und die Schuldenkrise.

Interview Hans-Peter Hoeren
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Charlize Theron (hier mit ihrer Mutter Gerda, rechts) wird dem WEF Promi-Glanz verleihen. (Bild: Keystone)

Charlize Theron (hier mit ihrer Mutter Gerda, rechts) wird dem WEF Promi-Glanz verleihen. (Bild: Keystone)


Über 40 Staats- und Regierungschefs werden beim diesjährigen World Economic Forum erwartet. Dennoch besteht vielerorts der Eindruck, das WEF habe etwas an Zugkraft verloren. Zieht die Marke WEF denn noch bei hochrangigen Persönlichkeiten?

Alois Zwinggi: Jährlich nehmen am Jahrestreffen rund 2500 Teilnehmer teil. Rund 1500 stammen aus unseren Mitgliederorganisationen. Und für die restlichen 1000 Plätze übersteigt die Nachfrage unsere Kapazitäten deutlich, wir müssen vielen Interessierten absagen. Die Realität sieht also anders aus als die landläufige Wahrnehmung.

Was sind denn die Kriterien für eine Zu- oder Absage?

Zwinggi: Es geht seit Gründung des World Economic Forum immer darum, Leute aus der Wirtschaft, Politik, der Wissenschaft, der Zivilgesellschaft an einen Tisch zu bringen. Die restlichen 1000 Teilnehmer sollten aus den letzten drei Bereichen stammen. Wichtig ist dabei, dass das Teilnehmerfeld alle Teile der Welt angemessen repräsentiert. Das World Economic Forum ist ja eine Denkfabrik. Wir bearbeiten unterm Jahr eine Gruppe von rund 90 global wichtigen Themen. Diese Themen und die jeweiligen Vertreter, die dazu einen Beitrag leisten können, bestimmen, wer in Davos dabei ist.

Das WEF hat in der Vergangenheit oftmals politische Entwicklungen angestossen. Es kam in Davos zu einer Annäherung zwischen der Türkei und Griechenland, der Versöhnungsprozess in Südafrika oder im Nahen Osten wurde gefördert. Wird das WEF erneut eine Initiative für den Frieden im Nahen Osten starten?

Zwinggi: Der Nahe Osten und Nordafrika werden sicherlich ganz wichtige Themen beim diesjährigen Jahrestreffen sein. Es werden namhafte Vertreter aus diesen Regionen in Davos zu Gast sein. Aufgrund unserer Neutralität und der Möglichkeit, sich im informellen Rahmen auszutauschen, besteht immer die Möglichkeit zu relevanten Diskussionen. Viele dieser Gespräche entstehen durchaus auch ungeplant. Dadurch ergibt sich eine gewisse Freiheit, die im offiziellen formellen Prozess schwieriger zu gewährleisten ist.

Für Aufsehen hat Ihre Aussage im «Sonntagsblick» gesorgt, Sie legten keinen grossen Wert darauf, dass Popstars versuchen, dem WEF zusätzlichen Glamour zu verleihen oder das WEF als Bühne zu nutzen?

Zwinggi:Ich stehe voll und ganz hinter dieser Aussage. In Davos geht es wirklich um die Inhalte, Workshops und Diskussionen. Die meisten Stars können hierzu keinen Beitrag leisten.

Aber es gibt schon welche, die in der Vergangenheit dem WEF inhaltliche Impulse gegeben haben.

Zwinggi: Es gibt sicherlich Kulturschaffende, beispielsweise der Popmusiker Peter Gabriel oder der Architekt Jean Nouvel, die in der Vergangenheit einen inhaltlichen Beitrag zum Jahrestreffen geleistet haben. Aber leider ist es meist so, dass der öffentliche Fokus zu stark auf einem einzelnen Star und nicht auf den Inhalten liegt. Man kann es auch so sagen: In Davos sind alle Teilnehmer Stars, egal, ob sie stark in der Öffentlichkeit stehen oder eher im Stillen schaffen.

Punkto Sicherheit dürfte das WEF aktuell die grösste jährliche Heraus­forderung für die Schweiz sein. Wie wichtig ist das WEF noch für die Schweiz als Visitenkarte?

Zwinggi: Rein von den Menschenmassen ist ein Eidgenössisches Schwing- oder Jodlerfest oder die Luzerner Fasnacht sicherlich ein grösserer Anlass. Sicher aber ist, dass fast eine Woche lang knapp 500 internationale Medienleute aus der Schweiz und Davos berichten, was weltweit für eine riesige Resonanz sorgt. Unser Event, den wir im Sommer in China veranstalten, ist in der gesamten Volksrepublik unter «Summer Davos» bekannt. Deshalb kennt ganz China ­Davos.

Lässt sich der Wert des WEF für die Schweiz in Zahlen bemessen?

Zwinggi: Um die Medienpräsenz des Jahrestreffens mit Werbemitteln zu erreichen, müsste die Schweiz rund 1 Milliarde Franken investieren. Wir sind deshalb nach wie vor eine sehr wichtige Visitenkarte für die Schweiz. Gemäss den regelmässig publizierten Studien der HSG St. Gallen generiert das WEF jedes Jahr 65 Millionen Franken an Wertschöpfung für die Schweiz, davon 45 Millionen Franken für Davos. Das ist weit mehr als die jährlichen Sicherheitskosten von rund 8 Millionen Franken.

Die globale Staatsverschuldung gilt aktuell als eines der grössten Zukunftsrisiken. Wie kann das WEF hier zu Lösungen beitragen?

Zwinggi: Das ist ein wichtiges Thema unseres Treffens. Das Thema Wachstum wird dabei ebenso wichtig sein wie das Thema Ausgabendisziplin. Ich denke da an die Pflege von Wachstumsfaktoren wie Innovation, Wettbewerbsfähigkeit durch gute Bildung und weniger Bürokratie.

Wie kann man das Wachstum in Europa fördern, wenn man gleichzeitig massiv Schulden abbauen muss?

Zwinggi: Wir vergessen manchmal die Geschichte. England beispielsweise ging in den 80er-Jahren durch eine unglaublich schwierige Zeit. Die Amtszeit von Margret Thatcher ging mit unglaublichen gesellschaftlichen Verwerfungen einher. Heute ist England zwar erneut in einer wirtschaftlichen Krise, aber vieles funktioniert wieder. In den letzten drei Jahren hat England sukzessive Fortschritte in der Wettbewerbsfähigkeit gemacht und ist von Platz 12 auf Platz 8 geklettert. Besonders haben Arbeitsmarkteffizienz und Technologiebereitschaft dazu beigetragen. Auch Schweden oder einige Länder Osteuropas mussten sich neu erfinden. Wichtige Themen in vielen Ländern sind die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes und die Förderung des Unternehmertums.

Die Schuldenkrise zwingt viele Staaten zum Sparen. Andere wichtige Zukunftsthemen wie der Klimawandel geraten in den Hintergrund.

Zwinggi: Das ist eine gefährliche Entwicklung. Der kontinuierliche Druck auf das Wirtschaftssystem wird die Aufmerksamkeit der Staats- und Regierungschefs für die absehbare Zukunft absorbieren. Gleichzeitig ist das ökologische System der Erde zunehmend unter Stress. Gleichzeitige Schocks beider Systeme könnten den «perfekten weltweiten Sturm», mit potenziell unüberwindbaren Konsequenzen, auslösen. Auf der wirtschaftlichen Seite wird die globale Belastbarkeit durch die strenge Geld- und Sparpolitik auf die Probe gestellt. Im Umweltbereich sehen wir steigende globale Temperaturen und extreme Wetterereignisse.

Was bedeutet das im Extremfall?

Zwinggi:Ein plötzlicher und massiver Einbruch an einer Front kann die Chancen für die Entwicklung einer effektiven Lösung der anderen in Frage stellen. Wir und viele andere internationale Organisationen wie die UNO oder der IWF sind deshalb in der Pflicht, dieses Thema wieder vermehrt anzugehen und auf die Agenda zu setzen.

Was sind für Sie die am meisten unterschätzten globalen Risiken?

Zwinggi: Eines der grossen weltweiten Themen ist die Jugendarbeitslosigkeit. Letztlich geht es hier auch darum, dass man in vielen Ländern Gefahr läuft, die heutigen Probleme auf künftige Generationen abzuschieben. Das kann durchaus noch zu massiven Generationenkonflikten führen, die weit über das hinausgehen, was man in den 60er- und 70er-Jahren gesehen hat. Damals ging es eher um gesellschaftliche Veränderungen. Hier reden wir von finanziellen Veränderungen. Es kann durchaus sein, dass es die heutige Jugend in vielen Teilen der Welt schlechter haben wird als ihre Eltern. Diese Problematik des Generationenkonflikts wird in vielen Teilen der Welt gar noch nicht gesehen. Im Arabischen Frühling hat man hier ein wenig Anschauungsunterricht erhalten.

2018 läuft der Vertrag des WEF mit Davos aus. Auch Luzern hat eine hervorragende Infrastruktur für Kongresse. Könnte Luzern als Austragungsort für das WEF interessant werden?

Zwinggi:Ich kenne die Anzahl an Hotelbetten in Luzern zu wenig. Um einen Anlass wie das Jahrestreffen erfolgreich durchführen zu können, braucht man allein 2500 Betten in Vier- und Fünf­sternehotels. Zusätzlich sind eine Vielzahl von Unterkünften für Mitarbeiter nötig sowie Konferenzfazilitäten, in denen 2500 Menschen in einem Raum Platz haben. Derartige Kapazitäten gibt es nicht viele in der Schweiz. Davos ist hierfür ein idealer Ort.

HINWEIS
Der gebürtige Luzerner Alois Zwinggi (51) ist seit drei Jahren Direktor des WEF. Zuvor war er lange Zeit beim Zementkonzern Holcim als Personalchef tätig. Zwinggi ist in Horw aufgewachsen und hat an der Kantonsschule Alpenquai die Matura gemacht.