Geldpolitik

Wegen «Brexit»: Experten befürchten massive Stärkung des Schweizer Frankens

Am 23. Juni stimmt Grossbritannien über seinen Verbleib in der EU ab. «Brexit»-Experten fürchten indes massive Turbulenzen beim Schweizer Franken, sollten die Briten tatsächlich den historischen Schritt wagen.

Andreas Schaffner
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Brexit-Gegner beim Big Ben in London

Brexit-Gegner beim Big Ben in London

Keystone

An den Finanzmärkten steigt die Angst vor dem Brexit. Das britische Pfund schwächte sich gegenüber anderen Währungen schon in den letzten Wochen ab. Auch gegenüber dem Schweizer Franken. Und schliesslich verlor letzte Woche auch der Euro gegenüber dem Franken wieder an Wert.

Immer mehr Börsianer sichern sich darum in grossem Stil gegen einen Pfund-Crash ab. Das sieht man an den entsprechenden Terminkontrakten für das Pfund. Diese Finanzprodukte mit einer Laufzeit von einer Woche waren bis zum Freitag auf ein Rekordhoch von 50,7 Punkten gestiegen. Devisenexperte James Butterfill vom Finanzprodukte-Anbieter ETF Securities, der mit solchen Produkten handelt, weist im Interview mit der «Nordwestschweiz» darauf hin, dass sich das Volumen in seinem eigenen Finanzprodukt, das sogenannte Short-Positionen auf Pfund hält, seit Anfang Jahr verdoppelt hat.

Brexit führt zu Absicherungen

Noch sind vorab kurzfristige Absicherungsgeschäfte zu vermelden. Kommt
es aber zum Austritt Grossbritanniens, wird das Währungsgefüge einen heftigen Schub erleiden. Ein Bericht des Internationalen Währungsfonds (IWF) über den wirtschaftlichen Zustand des Vereinigten Königreichs geht davon aus, dass die Wirtschaftleistung langfristig um bis zu 4,5 Prozentpunkte niedriger liegen würde als bei einem Verbleib in der EU. Für 2017 sehen die Szenarien des IWF sogar einen Rückgang der Wirtschaftsleistung vor, sollte der Brexit kommen.

Für die Wirtschaft und die Aktienmärkte stellt die Volksbefragung ein enormes Risiko dar. Sie trifft auf ein Umfeld, das von Unsicherheiten geprägt ist. Kommt es zum Brexit, sind sicher britische Firmen, die im Ausland tätig sind, die grössten Verlierer. Gegen diese Unternehmen finden derzeit denn auch im grossen Stile Wetten statt.

Aufgrund der Turbulenzen, die nach einem Brexit erwartet werden, steigen
jedoch auch die Risiken für andere Firmen. Wer die aktuellen Kursausschläge bereits für hoch halte, werde überrascht sein, warnt Andrew Edwards, Chef des Brokerhauses ETX Capital. «Es wird noch viel schlimmer, wenn Grossbritannien für den Brexit stimmt.»

Kursparität zum Euro droht

Aus Sicht der Eidgenossenschaft steht der Schweizer Franken im Fokus. Die Währungsexperten der US-Bank Morgan Stanley haben dazu am Freitag eine
Studie publiziert, die nichts Gutes ahnen lässt. Sie schätzen, dass der Franken kurzfristig auf unter die Marke von 1.05 zum Euro fallen könnte. Die Schweizerische Nationalbank (SNB) würde, so die Experten, deshalb noch in der Nacht vom Donnerstag auf den Freitag stark intervenieren und die Negativzinsen noch stärker senken. Entsprechende Andeutungen machte auch die SNB-Spitze bereits in der vergangenen Woche.

Diese Interventionen der SNB werden jedoch nur das Schlimmste abwenden können, so die Experten der US-Grossbank: Bis Ende Jahr würde der Franken noch stärker werden. Morgan Stanley rechnet im schlimmsten Fall mit einem Kurs von 1.02. Andere Experten rechnen sogar mit der Euro-Franken-Parität. Für die Schweizer Exportindustrie, die sich vom Frankenschock des vergangenen Jahres längst noch nicht erholt hat, ein Horror-Szenario. Ein Euro-Mindestkurs, wie es die Gewerkschaften fordern, wird dann möglicherweise wieder ein Thema.

Auch ohne Brexit ein Thema

Doch auch ohne Brexit bleibt es aus Sicht der Schweiz düster. Für den Fall, dass sich die Briten kommenden Donnerstag dafür entscheiden, EU-Mitglied zu bleiben, sehen Währungsanalysten ebenfalls ein Erstarken des Frankens im Lauf des Jahres. Per Ende Jahr könnte der Kurs sodann bei 1.06 zum Euro liegen. Auch das sind wahrlich keine schönen Aussichten für die hiesige Exportbranche.

Den Grund für diese Entwicklungen sehen Experten darin, dass sich in der Weltwirtschaft keine rasche Erholung abzeichne. Insbesondere die wirtschaftliche Erholung in den USA lässt auf sich warten, die Verschuldungssituation in China wird auch zunehmend als kritisch beobachtet. Aber auch das Wachstum in Europa lässt trotz Verbesserungen auf sich warten.