Weil der Boom von Billig-Produkten aus Asien weiterhin anhält, nimmt die Post bald eine neue Anlage in Betrieb

Günstige Waren von chinesischen Händlern sind auch im Corona-Jahr sehr beliebt. Auf die grosse Menge an Onlinebestellungen antwortet die Post mit einer neuen Sortiermaschine. Sie soll ab Sommer 2021 im Briefzentrum Zürich-Mülligen eingesetzt werden.

Sarah Kunz
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Im vergangenen Jahr erhielt die Post 24 Millionen solcher Kleinwarensendungen aus China.

Im vergangenen Jahr erhielt die Post 24 Millionen solcher Kleinwarensendungen aus China.

ZVG/Post

Die flauschige Winterjacke für zehn Franken, die neue Bettdecke für fünf: Billig-Produkte aus Asien sind bei Schweizerinnen und Schweizern beliebt. Wie beliebt, das veröffentlichen weder die chinesischen Onlinehändler noch die Post in genauen Zahlen. Klar ist nur: Im vergangenen Jahr wurden allein aus Asien rund 24 Millionen Kleinwarensendungen – vergleichbar mit dickeren Briefen – bearbeitet.

«Der grösste Teil stammt dabei von Onlinehändlern wie Alibaba oder Wish», sagt eine Sprecherin der Post. Um diese Menge künftig noch effizienter bearbeiten zu können, nimmt die Post voraussichtlich ab Sommer 2021 eine neue Anlage in Betrieb.

Die sogenannte Mix-Mail-Anlage im Briefzentrum Zürich-Mülligen wird Kleinwarensendungen aus dem Ausland wie auch Inland-Kleinpakete vollautomatisch verarbeiten, teilt die Post am Mittwoch mit. 19’000 Sendungen pro Stunde schafft sie.

Laut der Mitteilung eine Weltneuheit. Kostenpunkt: 70 Millionen Franken. Mit der Anlage sollen nun einerseits die Sortierkapazität verdoppelt und andererseits die Paketzentren entlastet werden. Es ist die Antwort der Post darauf, dass immer mehr online bestellt wird. Der Trend hat sich jetzt durch Corona sogar noch verstärkt.

In diesem Video zeigt die Post, wie die neue Anlage funktioniert:

Eine neue Anlage hauptsächlich wegen Sendungen aus dem Ausland. Ein Schlag ins Gesicht für den Schweizer Handel? «Wenn wir auch von dieser Investition profitieren können, ist diese Anlage eine gute Sache», sagt Patrick Kessler, Präsident des Schweizer Handelsverbands. «Wird so viel Geld aber nur ausgegeben, um Verpflichtungen aus internationalen Verträgen zu erfüllen, ist die Investition aus meiner Sicht fragwürdig.»

Der Schweizer Handelsverband fordere schon lange ein Kleinpaket in der Form, wie die Sendungen aus beispielsweise China in der Schweiz ankommen. Mit der neuen Anlage keimt bei Kessler deshalb die Hoffnung auf, dass solche Kleinwarensendungen nun auch in der Schweiz verfügbar werden.

Wachstum des Asien-Trends verlangsamt sich

Bislang wurden die weichen und unförmigen Pakete von Hand sortiert. Während es im Jahr 2014 noch gut 15 Millionen Stück waren, ist die Anzahl solcher Kleinwarensendungen aus dem Ausland im vergangenen Jahr auf über 30 Millionen angestiegen. Auch in diesem Jahr sind die Zahlen gemäss der Post-Sprecherin konstant. Einzig im April und im Mai sei die Nachfrage aufgrund fehlender Transportmöglichkeiten eingebrochen. Diese Rückgänge seien dann aber durch sehr hohe Volumen von Juni bis August kompensiert worden.

Und es werden noch mehr: Für die Zukunft rechnet die Post mit einer weiteren Zunahme der Sendungen vor allem aus Asien. Wenn auch in kleineren Wachstumsraten als noch in den letzten fünf Jahren. «Es scheint, dass eine gewisse Sättigung erreicht ist», sagt die Sprecherin. Bei der Post sind solche Kleinwarensendungen übrigens gerne gesehen: Sie würden helfen, die Rückgänge der Briefmengen teilweise zu kompensieren und die Sortierung und Zustellung besser auszulasten.

Alibaba macht am Single's Day rekordhohen Umsatz

Von jetzt an bis an Weihnachten rechnet die Post mit mindestens 20 Prozent mehr Paketen als im Vorjahr. Dies einerseits durch allgemein die starke Zunahme von Onlinebestellungen. Andererseits auch, weil im November die drei beliebtesten Rabatt-Tage des Jahres stattfinden. Der umsatzstärkste der drei Events ging am Mittwoch bereits über die Bühne. Anders als die beiden Anlässe Ende November, ist der Single's Day in der Schweiz noch relativ unbekannt.

Nicht so aber in China, wo der Trend ursprünglich als Anti-Valentinstag seine Anfänge nahm. Dort verzeichnete der chinesische Onlinehändler Alibaba am Mittwoch gleich einen neuen Rekord: In der Spitze wurden 583'000 Bestellungen pro Sekunde verarbeitet. Bereits eine halbe Stunde nach dem Start des eigentlichen Single's Day hat Alibaba nach eigenen Angaben Waren im Wert von 47,7 Milliarden US-Dollar verkauft.

Anders als in den Vorjahren lockte der chinesische Onlinehändler dieses Mal allerdings schon seit Anfang November mit Sonderaktionen, die in das Ergebnis einfliessen. Der Rekord ist deshalb nicht direkt mit dem Ergebnis des Vorjahres vergleichbar, als der Konzern 38,4 Milliarden US-Dollar umsetzte.

Bald folgen nun auch die in der Schweiz beliebteren Rabatt-Tage Black Friday und Cyber Monday, an denen sich zahlreiche hiesige Unternehmen beteiligen. Der Kampf mit den Konkurrenten aus dem Ausland wird aber erbittert: Auch die Billig-Händler halten für diese Tage wieder diverse Aktionen parat.

Ein weiterer Schnäppchen-Händler kämpft sich vor

Seit diesem Jahr buhlt ein weiterer chinesischer Billig-Anbieter um Schweizer Schnäppchenjäger. Das Modelabel Shein wurde zwar bereits 2008 gegründet, erst zwölf Jahre später findet der Einzelhändler für Fast-Fashion aber auch nach Europa. Mittlerweile bietet Shein auch hierzulande Mode zu Spottpreisen. So kostet beispielsweise ein gewöhnlicher Rollkragenpullover bei Shein etwa drei Mal weniger als zum Beispiel bei H&M.

Während ein Rollkragenpulli bei Shein nur gerade 15 Franken kostet, muss man bei H&M für ein ähnliches Modell knapp 45 Franken bezahlen.
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Eine Stoffhose kostet bei Shein etwa 10 Franken. Bei H&M kostet eine ähnliche Hose mit 25 Franken über das Doppelte.
Auch für Stiefel bezahlt man bei Shein nur die Hälfte: Das Modell der Billig-Website kostet umgerechnet 24 Franken, bei H&M 48 Franken.

Während ein Rollkragenpulli bei Shein nur gerade 15 Franken kostet, muss man bei H&M für ein ähnliches Modell knapp 45 Franken bezahlen.

Screenshot

Die drei asiatischen Billig-Anbieter Wish, Alibaba und nun auch Shein locken alle mit modischer Kleidung und aussergewöhnlichen Accessoires zu Schnäppchen-Preisen. Die Qualität lässt allerdings oftmals zu wünschen übrig – nicht selten weichen die Produkte auch entweder in Material oder Aussehen erheblich von der angepriesenen Ware ab.

Auch die Fragen wo und unter welchen Bedingungen die Produkte produziert werden, lassen die Anbieter seit Jahren unbeantwortet. Diese Antwort müssen sich Kunden wohl selbst geben.