WEINGÜTER: Bordeaux lockt reiche Schweizer

Einheimische kaufen scharenweise renommierte Güter im französischen Bordeaux. Mit der Faszination für Rotwein-Klassiker sind sie nicht allein – doch sie sind deutlich diskreter als andere Investoren.

Gerhard Bläske
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Der vom Architekten Mario Botta errichtete Weinkeller in Saint-Émilion, von ihm «Kathedrale des Weines» genannt. (Bild: Philippe Roy/AFP)

Der vom Architekten Mario Botta errichtete Weinkeller in Saint-Émilion, von ihm «Kathedrale des Weines» genannt. (Bild: Philippe Roy/AFP)

Gerhard Bläske

 

Ein Weingut in Bordeaux ist in der Wein- und Wirtschaftswelt immer noch das Nonplusultra. Unternehmen wie Axa, Bou­ygues und Dassault verfügen dort über ein oder mehrere Châteaux. Auch reiche Unternehmer wie der Chinese Jack Ma (Alibaba), François Pinault, Albert Frère oder Bernard Arnault (Luxusgüterkonzern LVMH) haben sich teilweise exklusive Güter zugelegt. Chinesische Investoren besitzen etwa 120 der immerhin 11000 Güter, und auch Belgier sind sehr aktiv. Diskreter sind da die Schweizer. Doch es gibt etliche Eidgenossen, die sich dort eingekauft haben.

Allen voran Silvio Denz. Nach dem Verkauf seiner Parfümeriekette Alrodo für angeblich 150 Millionen Franken an die französische Marionnaud-Gruppe im Jahr 2000 hat der heute 60-Jährige Sammler exklusiver Weine und Kunstwerke ganz gezielt in Weingüter investiert. In seinen mittlerweile fünf Châteaux um Bordeaux herum baut er auf 120 Hektaren Wein an, darunter sehr edle Tropfen.

Der Weinkeller kommt vom Stararchitekten

2005 erwarb der Basler die renommierten Güter Château ­Faugères und das wesentlich ­kleinere Péby Faugères in Saint-Émi­lion. Nach umfangreichen Investitionen in die Technik und unter Wahrung traditioneller Methoden sowie mit Hilfe des weltbekannten Önologen Michel Rolland wurden beide Güter 2012 in den Rang der Spitzenweine Grand Cru Classé erhoben. Der Schweizer Architekt Mario Botta errichtete auf Château Faugères einen spektakulären Weinkeller, der wie eine Burg aus den grünen Weinbergen in den oft blauen Himmel ragt. Der Architekt spricht von einer «Kathedrale des Weins».

Damit hatte der laut der ­Zeitschrift «Bilanz» mit einem ­geschätzten Vermögen von 300 Millionen Franken zu den 300 vermögendsten Schweizern gehörende Denz jedoch noch lange nicht genug. 2007 kaufte er das Château de Chambrun (La­lande-de-Pomérol). Mit einem Freund, dem dänischen Önologen Peter Sisseck, dem das renommierte Dominio de Pingus in Spanien mit dem Kultwein Pingus gehört, erwarb er in Saint-Émilion das kleine Château Rocheyron, und 201 4 kaufte er von dem französischen Grosskonzern GDF Suez (heute: Engie) ein echtes Juwel: Château Lafaurie-Peyraguey ist ein Premier Cru de Sauternes, ein Süsswein der absoluten Spitzenklasse.

Schweizer Liebe zum Bordeaux ist keine Seltenheit

Denz hat auch noch ein Weingut in der Toskana und in Spanien, zwei Weinhandelshäuser in der Schweiz und kontrolliert über die seit 2007 in Bern kotierte Holding Art & Fragrance seit 2008 die französische Kristallmanufaktur Lalique, die seinerzeit völlig darniederlag. Der Sammler von Vintage-Parfümflacons brachte Lalique wieder auf Kurs. Mit Hilfe Bottas richtete Denz am Firmensitz im elsässischen Wingen-sur-Moder ein exklusives Restaurant und Hotel mit riesigem Weinkeller und ein Museum ein.

Doch Denz, der zwischen London und Zürich pendelt, ist nicht der einzige Schweizer, der seine Liebe zu den Bordeaux-Weinen entdeckt hat. Die Aaraue­rin Madelyne Meyer, welche die fünfte Generation des Logistik-Dienstleisters Lagerhäuser der Centralschweiz AG repräsentiert, zu der das Weinhandelshaus Weinkellereien Aarau gehört, hat ihr Handwerk in Kalifornien und Bordeaux gelernt. Bevor sie die Verantwortung für Marketing und Kommunikation bei der Weinkellerei Aarau übernommen hat, arbeitete die leidenschaftliche Bloggerin bei dem grossen französischen Weinhändler L. D. Vins.

Luzerner mischt seit 40 Jahren mit

Ein passionierter Weinliebhaber ist auch der Franko-Schweizer Jean-Jacques Frey, der sein Vermögen vor allem mit dem Bau grosser Retail-Parks an der Peripherie französischer Städte gemacht hat, die er an Einzelhandelsketten vermietet. 2015 erwarb er auch die Mehrheit an der auf Mietkautionen spezia­lisierten Versicherungsgruppe Firstcau­tion. Zu den grossen Leidenschaften des in Reims geborenen Geschäftsmannes mit Schweizer Pass, dessen Vorfahren teilweise aus Basel stammen und der seinen Wohnsitz im Berner Oberland hat, gehören ausserdem das Fahrradfahren und gute Tropfen. Allein in der Champagne nennt er etwa 100 Hektaren sein Eigen. Der Mann, dessen Vermögen die französische Wirtschaftszeitung «Challenges» auf 400 Millionen Euro schätzt, hat Weingüter im Burgund (Corton André), an der Rhone (Paul Jaboulet Ainé) und in Bordeaux, wo ihm das renommierte La Lagune, ein Troisième Cru Classé im Haut-Médoc, gehört. Die Verantwortung für das Weingeschäft hat er an seine jüngste Tochter Caro­line, eine studierte Önologin, übertragen, die in Lutry im Waadt lebt.

«Ein komplett fertiges Gut interessiert mich nicht»

Wie gross die Liebe vieler vermögender Schweizer Geschäftsmänner zu Bordeaux ist, zeigt auch Armand Schuster de Ballwil. Der Luzerner hat schon vor mehr als 40 Jahren das Château Montlau, hoch über dem Tal der Dordogne im Entre-Deux-Mers gelegen, gekauft. Auf 25 Hektaren werden überwiegend Rotweine angebaut. Sein Sohn leitet das Gut, das mit grossen Investitionen modernisiert wurde, wobei der Reiz des Alten erhalten blieb. Karl-Friedrich Scheufele stammt eigentlich aus dem deutschen Pforzheim. Der Spross eines Uhrmacher- und Juweliergeschlechts und Co-Präsident der angesehenen Genfer Uhren- und Schmuckmarke Chopard lebt am Genfersee und schätzt klassische Automobile sowie gute Weine. Er ist Eigentümer von Weinhandlungen in Genf, Lausanne und Gstaad (Caveau de Bacchus) und hat ein Weinhandelshaus (La Galerie des Arts du Vin).

Nach langer Suche hat er 2012 seinen Traum realisiert und ein Weingut erworben, allerdings nicht in Bordeaux, sondern im unmittelbar benachbarten Bergerac: das Château Monestier La Tour. Auf 24,5 Hektaren werden rote, weisse und Rosé-Weine biologisch oder biodynamisch angebaut. Scheufele hat viel Geld in Monestier hineingesteckt. «Ich betrachte Monestier als Opportunität. Ein komplett fertiges Gut zu kaufen, hat mich nicht interessiert. Ich baue gern etwas auf», vertraute er kürzlich der französischen Zeitschrift «Paris Match» an. Scheufele hat Weinstöcke herausreissen und neue pflanzen lassen. Der Architekt Alain de La Ville wurde mit der behutsamen Restaurierung und Erneuerung des Weinkellers und der ganzen Anlage beauftragt.

Der Milliardär Scheufele, der Kunst von Albrecht Dürer bis Damien Hirst sammelt, sieht es als grosses Glück an, dass er sich mit den schönen Dingen des Lebens beschäftigen darf.

Einheimische Investoren rechnen langfristig

Auch der Franzose Michel Reybier, der seit langem in der Schweiz wohnt und Eigentümer des Genfer Hotels La Réserve ist, hat neben Gütern in der Champagne und in Ungarn mit Le Cos d’Estournel, einem Deuxième Cru de Saint-Estèphe, ein schönes Château in Bordeaux erworben und den Architekten Jean-Michel Wilmotte mit umfangreichen Arbeiten betraut.

Andere Franzosen, die seit langem in der Schweiz leben, sind in Sachen Wein ebenfalls Frankreich und Bordeaux treu geblieben: Pierre Castel, Chef des grössten europäischen Weinproduzenten (unter anderem Bey­chevelle, d’Arcins, Montlabert, Ferrande, Tour Prignac), der Bankier Benjamin de Rothschild (Château des Laurets, Puisse­guin-Saint-Émilion) sowie die Chanel-Erben Gérard und Alain Wertheimer (Château Rauzan-Ségla, ein Deuxième Cru Classé aus Margaux).

Auch in der Schweiz gehört es in den entsprechenden Kreisen zum guten Stil, sich ein renommiertes Gut in Bordeaux zuzulegen. Doch anders als Investoren aus anderen Ländern spricht man darüber nicht laut, sondern handelt und bleibt meist langfristig.