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WEITERBILDUNG: Ein Dilemma: Schulthema Geld ist ohne Praxiserfahrung nutzlos

Die Jugend weiss wenig über Geld, obwohl sie es so nötig hätte wie noch nie. Die Schulen sollen Finanzwissen vermitteln, am wirkungsvollsten ist jedoch die eigene Praxiserfahrung.
Daniel Zulauf
Wie geht man mit dem eigenen Geld um? Eine Frage, die sich viele Jugendliche erst ab der Lehre stellen. (Bild: Getty)

Wie geht man mit dem eigenen Geld um? Eine Frage, die sich viele Jugendliche erst ab der Lehre stellen. (Bild: Getty)

Daniel Zulauf

Für rund 140000 Jugendliche geht in diesen Tagen die obligatorische Schulpflicht zu Ende. Eine Mehrheit nimmt nach den Sommerferien eine Berufslehre in Angriff. Vielen winkt erstmals im Leben ein regelmässiges Einkommen. Je nach Beruf kann dieses im ersten Lehrjahr 800 Franken im Monat betragen. Der Eintritt in die Arbeitswelt ist zweifellos ein grosser Schritt ins Erwachsenenleben.

Doch wie gut sind die Jugendlichen auf den Umgang mit Geld vorbereitet? Wie steht es um ihr Finanzwissen? Repräsentative Untersuchungen dazu gibt es kaum. Finanzwissen ist noch kein zwingender Bestandteil der Schulbildung. Erst mit der schrittweisen Einführung des Lehrplanes 21 beginnt sich das zu ändern. Bis zum Abschluss dieses bildungspolitischen Grossprojektes, das landesweit noch einige Jahre in Anspruch nehmen dürfte, sollen die Schülerinnen und Schüler in der Schweiz mit ihrem Finanzwissen nicht an den internationalen Pisa-Vergleichstests teilnehmen, wie sie dies in der Mathematik und in anderen Fächern längst tun. Dies wird gemäss Beschluss der Konferenz kantonaler Erziehungsdirektoren auch bei der nächsten Testreihe im Jahr 2018 so bleiben.

Minderheit der Jugendlichen kennt sich in Basis-Finanzfragen aus

Die Ergebnisse der jüngsten Pisa-Befragung zum Thema Finanzwissen hat die Organisation für Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) erst vor wenigen Wochen veröffentlicht. Die Resultate sind wenig berauschend: Obwohl zwei von drei befragten Schülerinnen oder Schülern schon im Alter von 15 Jahren regelmässig etwas Geld verdienen und mehr als die Hälfte ein Bankkonto be­sitzen, verfügt nur ein Drittel über die Kompetenzen, die für das Verwalten eines eigenen Bankkontos oder für Transaktionen von ähnlicher Komplexität notwendig sind. Eine Aufgabe aus dem Pisa-Test zur Erreichung dieses zweithöchsten Kompetenzniveaus (Stufe 4) besteht zum Beispiel darin, einen Lohnausweis zu lesen und den Nettolohn vom Bruttolohn zu unterscheiden.

Von den 47000 befragten Jugendlichen aus 15 Ländern gelang dies nur einer Minderheit. Auf der höchsten Niveaustufe sollten die Schüler in der Lage sein, gewisse Risiken zu erkennen und beispielsweise keine persönlichen Kontodaten auf entsprechende Mail-Anfragen herausgeben, ohne vorgängig die Bank konsultiert zu haben. Diese Aufgabe meisterten noch weniger erfolgreich. Dabei ist klar, dass mit der fortschreitenden Digitalisierung die Anforderungen an das Finanzwissen zunehmen. Einerseits vereinfacht die Elektronik den Zutritt der Jugendlichen zur Kreditwirtschaft. Und anderseits nehmen die Sicherheitsrisiken zu. Vor diesem Hintergrund verheisst das Finanzwissen der Jugendlichen in den am Pisa-Test beteiligten OECD-Ländern wenig Gutes. Unter den beteiligten Staaten befinden sich Industrieländer wie die USA, Italien, Spanien, Niederlande, Belgien, Australien oder Kanada neben Schwellenländern wie China, Brasilien Peru oder Russland.

Seit dem ersten Test im Jahr 2012 haben sich lediglich Italien und Russland verbessert, während alle anderen Teilnehmer schlechtere Ergebnisse vorweisen konnten. Diese Statistik wird am Wochenende in Hamburg auch unter den Regierungschefs der G20-Länder zu reden geben. Immerhin steht das Thema Finanzwissen seit fünf Jahren auf der Prioritätenliste der G20.

Zunehmende Bedeutung erlangt das Finanzwissen auch mit Blick auf die in vielen Ländern knappen Staatsfinanzen und die demografische Entwicklung, die in der Altersvorsorge mehr Eigenverantwortung zwingend nötig machen werden. Im Urteil der OECD ist dies umso wichtiger, als der Bildungsstand der Jugendlichen in Sachen Finanzen ähnlich wie in der Allgemeinbildung stark vom sozialen Umfeld abzuhängen scheint. Doch ob ein Schulsystem allein diese Chancengleichheit herstellen kann, ist mehr als fraglich. Die Ausprägung der Finanzbildung lasse sich zu zwei Fünfteln nicht mit dem allgemeinen Bildungsniveau in Verbindung bringen, sondern sei «sehr individuell», heisst es bei der OECD. So sind zum Beispiel die Pisa-Resultate in Sachen Finanzbildung in Belgien, China, Russland und Kanada klar besser als jene in Mathematik. Das zeigt, dass es neben der Schulbildung noch andere Einflussfaktoren geben muss.

Erfahrung hat eine wichtige Bedeutung

Eine empirische Untersuchung der Universität Luzern aus dem Jahr 2013 über die Wirkung der Schuldenprävention zeigt zum Beispiel, dass ein gutes Finanzwissen erst dann präventiv gegen Schulden wirkt, wenn die Einstellung zu Geld und Konsum positiv beeinflusst werden kann. «Besonders Jugendliche und junge Erwachsene, die einen Statusverlust erlitten haben, können dazu neigen, diesen mit übermässigem Konsum auszugleichen», schreiben die Autoren der Studie. Finanzwissen und finanzielle Bildung haben in diesen Situationen «keinen direkten Einfluss auf Ver- und Überschuldungsrisiken».

Diese empirischen Erkenntnisse decken sich erstaunlich präzis mit den individuellen Erfahrungen einzelner Lehrpersonen. Nicole Hauser, Lehrerin einer 3. Sekundarklasse in der Zürcher Gemeinde Wädenswil, sagt am Ende eines Themenschwerpunktes zum Thema Geld: «Nach meiner Beobachtung ist der Wissensstand stark abhängig davon, ob eine Schülerin oder ein Schüler im täglichen Leben schon Geld zur Verfügung hat und den Umgang damit lernt.» Unabhängig vom Lehrplan scheint Geld an den Schweizer Schulen zunehmend thematisiert zu werden. «MoneyFit», ein Lehrmittel, das die Postfinance den Schulen seit 2015 gratis zur Verfügung stellt, wurde nach Angaben des Unternehmens bis heute schon über 100000-mal bestellt.

Am Mittwoch veröffentlichen Credit Suisse und Pro Juventute die bislang grösste empirische Untersuchung in der Schweiz zum Themen Taschengeld.

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