WEITERBILDUNG: Weiterlernen bis zur Rente

Die Gewerkschaft Travailsuisse fordert eine Bildungsoffensive für ältere Mitarbeiter. Eine Expertin zweifelt, ob sich ­Weiterbildung verordnen lässt.

Rainer Rickenbach
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Geht es nach dem Willen der Gewerkschaft Travailsuisse sollen sich ältere Mitarbeitende mit Hilfe des Bundes zu Fachkräften ausbilden lassen. (Bild: Keystone/Christian Beutler)

Geht es nach dem Willen der Gewerkschaft Travailsuisse sollen sich ältere Mitarbeitende mit Hilfe des Bundes zu Fachkräften ausbilden lassen. (Bild: Keystone/Christian Beutler)

Einen blinden Fleck stellten die älteren Arbeitnehmenden in der schweizerischen Bildungspolitik dar. Das findet Martin Flügel, Präsident des Arbeitnehmenden-Dachverbandes Travailsuisse. «Die politische Diskussion hat sich bisher vor allem auf die Sozialversicherungen konzentriert. In der Bildungspolitik hingegen sind die älteren Arbeitnehmenden bis jetzt nicht beachtet worden», kritisierte er gestern an einem Medientermin der Gewerkschaft.

Mittel gegen Fachkräftemangel

Dabei liefern nach seiner Einschätzung der Fachkräftemangel und die demografische Entwicklung hinreichend Gründe, die erfahrenen Angestellten im Alter von 50 und mehr zu fördern – damit sie länger der Arbeitswelt erhalten bleiben. Eine Studie des Bundes ortet bei den 55- bis 64-Jährigen ein Potenzial von rund 93 000 Fachkräften, die heute dem Arbeitsprozess entzogen sind. Zum einen handelt es sich um Frauen, die nach einer Familienpause den Weg zurück in die Arbeitswelt nicht oder nur mässig optimal gefunden haben. Zum anderen ist in erster Linie ein Teil der Geringqualifizierten nicht in der Lage, in der hoch technisierten Arbeitswelt mitzuhalten. Gesundheitliche Probleme und schwindende Motivation sind die Folgen davon und münden oft in einem vorzeitigen Abschied aus der Berufstätigkeit.

Das heutige Verhältnis zu den älteren Arbeitnehmenden bedarf nach Meinung von Travailsuisse dringend einer Korrektur. Der Bund müsse dafür sorgen, dass Laufbahnberatungen für alle Angestellten über 40 Jahre zum Standard werden. So könnten sich die Berufstätigen für die zweite Hälfte des Arbeitslebens neu positionieren und wären auch nach 50 oder 55 Jahren noch voll arbeitsmarktfähig. Die Gewerkschafter bezeichnen zudem eine Weiterbildungspolitik für ältere Arbeitnehmende als notwendig. Sie fordern vom Bund, in den Schulen eine Bildungsoffensive für Arbeitnehmende ab dem Alter 40 ins Rollen zu bringen. Für die nächsten zehn Jahre sollen dafür total 800 Millionen Franken bereitgestellt werden.

Mitarbeitende müssen mitziehen

Bei den Bildungspraktikern rennt Travailsuisse mit ihren Bildungsforderungen nur halb offene Türen ein. «Ich bin überzeugt, dass Weiterbildung immer zur Entwicklung von Menschen und als Folge davon auch von Unternehmen beiträgt. Dafür sind auf allen Bildungsstufen zwar schon viele gute Angebote vorhanden», sagt Verena Glanzmann. Sie ist Professorin am Institut für Betriebs- und Regionalökonomie (IBR) der Hochschule Luzern und verfügt über Erfahrung in der Beratung und Begleitung von Personen in verschiedensten Berufen.

Nur: Der Bund und die Kantone werden es allein kaum richten können. Die Unternehmen und die Mitarbeitenden selbst müssten, so Glanzmann, ebenfalls ihren Teil dazu beitragen. Erstere, indem sie ihren weiterbildungswilligen Angestellten finanziell unter die Arme greifen. Letztere, indem sie gegenüber Neuem offen sind. «Es ist nicht damit erledigt, einen Kurs zu belegen. Vielmehr müssen die Mitarbeitenden unabhängig von ihrem Alter bereit sein, das Gelernte umzusetzen und damit zur Entwicklung ihres Unternehmens beizutragen», weiss Glanzmann.

Es fällt auf, dass Angestellte mit tiefem Bildungsniveau sich wesentlich seltener weiterbilden lassen als Hochschul- oder gar Universitätsabgänger. Nicht einmal jeder Dritte, der nach der obligatorischen Schulzeit direkt ins Berufsleben einstieg, nahm an weiterbildenden Kursen teil. Bei den Hochschulabsolventen und Leuten mit einer höheren Berufsbildung halten sich vier von fünf nach dem Studienabschluss beruflich auf dem Laufenden. Das geht aus Zahlen des Bundesamtes für Statistik hervor. Liegt es am mangelnden Angebot für Berufe, die keine Studienabschlüsse voraussetzen? Obwohl auch viele von ihnen zu Fachleuten geworden sind?

Glanzmann: «Wir haben in der Schweiz ein sehr breites Angebot an Aus- und Weiterbildung. Sei es an den Universitäten und Fachhochschulen oder bei der höheren Berufsbildung. Wer sich als Fachperson weiterbilden will, kann das also auf verschiedene Weise tun.» Dabei könne es Sinn machen, gezielt Kurse für ältere Berufsleute anzubieten. Doch für zwingend notwendig hält es Glanzmann nicht. «Eine gute Altersdurchmischung eröffnet in den Weiterbildungen die Chance, voneinander zu lernen.»