Weko-Direktor Patrik Ducrey: «Hayek hat uns zum Sündenbock gemacht»

Patrik Ducrey, Direktor der Wettbewerbskommission, über den Uhrwerk-Streit mit der Swatch Group von Nick Hayek: Worum es eigentlich geht, was die historischen Hintergründe sind, warum sich die Uhrenbranche mit dem Wettbewerb schwertut und wie es nun weitergeht.

Niklaus Vontobel
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Das Verhältnis zur Swatch Group habe sich plötzlich verhärtet, sagt Patrik Ducrey, Direktor der Wettbewerbskommission.

Das Verhältnis zur Swatch Group habe sich plötzlich verhärtet, sagt Patrik Ducrey, Direktor der Wettbewerbskommission.

Severin Bigler / WIR

Kurz vor Weihnachten hatte die Wettbewerbskommission (Weko) einen Entscheid über den Uhrwerkhersteller ETA veröffentlicht. Dieser wurde vom Mutter-Konzern Swatch Group scharf kritisiert. Nick Hayek sprach von einem Lieferverbot, die ETA könne 2020 keine mechanischen Uhrwerke mehr liefern. Derzeit prüft die Weko den Markt für Uhrwerke, ein Entscheid wird für Anfang Sommer erwartet.

Herr Ducrey, als Sie Ihre Karriere bei der Weko starteten, hätten Sie da gedacht, dass Sie einmal ein Lieferverbot verhängen würden?

Die Swatch Gruppe hat diesen Begriff vorgebracht, schon im Vorfeld unseres Entscheids. Für uns ist es kein Lieferverbot.

Sondern?

Wir haben die einvernehmliche Regelung verlängert, die wir im Jahr 2013 mit der Swatch Group beschlossen hatten. Diese Regel hatte zwei Elemente. Das eine war eine Lieferpflicht: die ETA musste weiterhin eine bestimmte Menge an mechanischen Uhrwerken an die Uhrenhersteller liefern. Damit wurden diese geschützt – sie sollten nicht plötzlich ohne Uhrwerke dastehen. Das andere Element war eine Lieferbeschränkung: ETA durfte nicht mehr Uhrwerke liefern, als mit uns vereinbart. So wurden die Konkurrenten der ETA geschützt, nämlich andere Hersteller von Uhrwerken. Sie sollten sich als Konkurrenten der ETA etablieren, damit ein Wettbewerb entstehen kann.

Und was genau haben Sie im Dezember entschieden?

Dass wir als vorsorgliche Massnahme die Lieferbeschränkung fortführen, bis die Marktanalyse abgeschlossen ist

Aber diese Lieferbeschränkung ist so strikt, dass sie auf ein Lieferverbot hinausläuft?

Nein, die ETA kann weiterhin Uhrwerke an kleine und mittlere Betriebe verkaufen, die nicht zu einem grossen Konzern gehören.

Hätte die ETA bestehende Kunden weiter beliefern dürfen?

Das wäre möglich gewesen. ETA hätte sagen können, wir verlängern die Lieferverpflichtung aus dem Jahr 2019 freiwillig um ein Jahr. Aber das wollten sie nicht.

Wie hat man Ihnen das begründet?

Der Markt habe sich entwickelt, wie es 2013 erwartet wurde. Deshalb laufe die Lieferverpflichtung Ende 2019 aus.

Die Swatch hatte gar nicht die Absicht, zu liefern?

Das war ja die Idee hinter der Regelung von 2013. Swatch sagte: Mechanische Uhrwerke, die wir selber hergestellt haben, wollen wir auch selber behalten. Wir beliefern höchstens noch einige ausgewählte Uhrenhersteller, aber nicht die grosse Masse. Die soll ihre Uhrwerke selber herstellen oder woanders beziehen.

Laut Swatch Group hat sie immer gesagt, man wolle die Kunden frei wählen können.

Im Vergleich zu bisher handelt es sich um eine geringe Zahl ausgewählter Kunden.

Haben Sie viele Beschwerden erhalten von Uhrenherstellern?

Ja, einige. Sie dachten, unser Eingriff sei schuld, dass sie keine ETA-Uhrwerke mehr erhielten. Aber die Allermeisten hätten so oder so nichts mehr bekommen. Sie mussten seit Oktober 2013 davon ausgehen, dass sie ab Januar 2020 keine mechanischen Uhrwerke mehr von ETA beziehen können.

Ihrer Ansicht nach hat die Swatch also eine Kehrtwende gemacht. Erst wollte sie nicht mehr liefern, dann klagt sie, sie dürfe nicht mehr liefern. Sie stehen vor einem Rätsel?

Es war so: Die ETA nahm keine Bestellungen mehr entgegen, worüber einige Kunden verärgert waren. Daraufhin hat sich die Swatch hinter uns versteckt. Gegenüber Kunden schob sie uns vor: wir würden ja gerne liefern, aber die Weko lässt uns nicht. Hayek hat die Weko zum Sündenbock gemacht.

Nick Hayek schiesst scharf gegen die Weko.

Nick Hayek schiesst scharf gegen die Weko.

Bild: Jean-Christophe Bott / EPA/KEYSTONE, Biel,
10. März 2016

Aber trifft es nicht dennoch zu, dass die Swatch schon lange sagt: wir wollen die Kunden frei wählen können?

Doch. Es gab ja 2009 auch das berühmte Interview von Nicolas Hayek Senior mit der Zeitung «Le Temps». Hayek sagte, wir wollen nicht länger der Supermarkt der Schweizer Uhrenindustrie sein. Es könne nicht sein, dass alle bei ihm Uhrwerke einkaufen – und sich damit als Hersteller teurer Uhren präsentieren, obschon sie nicht einmal Uhrwerke herstellen können. Darum gelangte die Swatch 2010 an die Weko. 2011 starteten wir ein Verfahren, das mit der Regelung von 2013 abgeschlossen wurde.

Die Ursprünge des aktuellen Streits liegen also weit zurück. Wie lange beschäftigen Sie persönlich sich schon damit?

Bald zwanzig Jahre. (Lacht) Es fing eigentlich 2002 an. Damals hat die Swatch via ETA noch viele Uhrenhersteller mit Ebauches beliefert. Das sind Rohwerke, auf die man das Assortiment montiert und weitere Komplikationen – voilà das fertige Uhrwerk. Damals schon wollte ETA andere Hersteller nicht mehr beliefern.

Die Weko griff erstmals ein.

Einen ersten Entscheid gab es 2004. Die ETA musste weiterhin liefern, bis Ende 2010. Wenn sie keine Ebauches liefern wollte, konnten es stattdessen fertige Uhrwerke sein. In der Folge bezogen alle Uhrenhersteller fertige ETA-Uhrwerke.

Knapp zwanzig Jahre ist das her. Und dennoch gehen die Wogen hoch. Sind die Probleme auch deswegen so vertrackt, weil die Schweizer Uhrenindustrie lange überhaupt keinen Wettbewerb kannte?

Das kann man so sehen. Ursprünglich war die Uhrenindustrie im sogenannten Uhrenstatut wie ein staatliches Kartell geregelt. Es war alles vorgeschrieben: es war genau festgelegt, wer welche Uhrenkomponenten herstellt, in welcher Menge, zu welchem Preis sie geliefert werden. Wollte jemand neu in den Markt einsteigen, musste er vom Staat eine Bewilligung einholen.

Aber die Herstellung von Uhrwerken war damals auf viele Betriebe verteilt. Wie konnte ETA später mehr oder weniger ein Monopol erreichen?

Das ist eine Folge der so genannten Uhrenkrise, die in den 60er- und 70er-Jahren ausbrach als Quarzuhren auf den Markt drängten. Davor wurden rund 50 Millionen mechanische Uhrenwerke hergestellt, danach 3 Millionen. Reihenweise gingen Hersteller ein. Dann raufte man sich zusammen. Die Herstellung von Uhrwerken wurde in der ETA konzentriert. Die Banken hatten Druck ausgeübt und natürlich der Bund, also das damalige Volkswirtschaftsdepartement.

Aus damaliger Sicht war das verständlich. War es rückblickend ein Fehler?

Es blieb nichts anders übrig. So konnte man die mechanischen Uhrwerke besser und günstiger herstellen. Später wurden in sie die Gewinne aus dem Verkauf der Plastik-Uhr Swatch investiert. So gelang es auch, die schweizerische mechanische Uhr weltweit als Luxusgut zu positionieren.

Eine Erfolgsgeschichte. Aber die Nebenwirkungen verfolgen die Branche bis heute?

Die Konzentration führte dazu, dass die Branche abhängig war von der ETA.

Und als Hayek senior sagte, er wolle nicht mehr alle beliefern, soll die Branche aufgeschrien habe. Die Swatch habe damals die Herstellung von Uhrwerken nur darum in der ETA vereinen dürfen, weil das Versprechen galt: die ETA würde immer die gesamte Branche beliefern. Können Sie das bestätigen? 

So wurde es von der Branche vorgetragen. Man hat auch behauptet, dies sei sogar vertraglich festgehalten worden. Aber bei uns wurde ein solcher Vertrag nie eingereicht.

Warum haben Sie der Regelung von 2013 überhaupt zugestimmt: also, dass die ETA ihre Lieferungen schrittweise senken darf?

Weil wir zum Schluss kamen: es ist möglich, dass andere Hersteller in die industrielle Fertigung von mechanischen Uhrwerken einsteigen. Es braucht nur vergleichsweise viel Zeit. Deshalb wollten wir neuen ETA-Konkurrenten die nötige Zeit geben, etwa neun Jahre.

Die Weko traf vor zwanzig Jahren auf eine Branche, die gar nie einen Wettbewerb gekannt hat. War das Neuland?

Es war so etwas wie die Umkehrung der Normalität. Normalerweise hat man einen Wettbewerb und ein Unternehmen behindert diesen in irgendeiner Weise. Dann büsst man dieses Unternehmen oder verordnet Massnahmen. Im Falle der ETA hatte man als Ausgangspunkt ein marktbeherrschendes Unternehmen. Die Swatch kam zu uns mit der Frage: welchen Verpflichtungen müssen wir uns unterziehen, um keine Lieferpflicht mehr zu haben. Der Wettbewerb musste erst hergestellt werden.

Ob es gelingt, bleibt offen?

Unsere Marktanalyse wird zeigen, wie weit wir sind. Ob es noch Lieferpflichten braucht oder Lieferbeschränkungen.

Man hat es nun knapp 20 Jahre probiert. Sie sind nicht entmutigt?

Es gibt Fortschritte. Immerhin kann man sagen, dass die ETA im Jahre 2019 im Prinzip noch 55 Prozent der ursprünglichen Menge liefern musste. Das heisst, die Uhrenhersteller haben sich anderswo eingedeckt. Wir hatten nie Signale erhalten, es habe zu wenige Uhrwerke. Einige Hersteller haben sich aus der Abhängigkeit gelöst. Oris ist ein Beispiel.

Was müssen Sie noch prüfen?

Wiederum zwei Dinge. Sind genug Uhrwerke auf dem Markt? Können die Konkurrenten bestehen im Wettbewerb mit der ETA, wenn diese von allen Pflichten befreit ist?

Wird die ETA nicht immer so mächtig sein, dass sie die Konkurrenz jederzeit an die Wand drücken kann?

Das ist ein Aspekt. Mit dem Coronavirus und der Hongkong-Krise wird der Absatz in China und die Nachfrage nach mechanischen Uhrwerken wohl einbrechen. ETA könnte Werke an den Markt bringen, die sie nicht für Swatch-Marken benötigt. Darum müssen die ETA-Konkurrenten stark genug sein. Ihre Kundenbeziehungen müssen so stabil sein, dass sie von der ETA nicht gleich wieder herausgedrückt werden. Solche Fragen klären wir gerade.

Was halten Sie von der freiwilligen Obergrenze, die Hayek vorgeschlagen hat?

Das wäre eine denkbare Massnahme. Das lassen wir allenfalls in unsere Erwägungen einfliessen.

Es gibt nun viel Ärger um die ETA. Doch noch viel grösser ist die Abhängigkeit von einer anderen Swatch-Tochter: Nivarox stellt Assortiments her, die wichtigsten Bestandteile einer mechanischen Uhr. Kommt da wiederum Arbeit auf Sie zu?

Das ist gut möglich. Nivarox ist unbestritten marktbeherrschend. Swatch hat durchblicken lassen, sich von der Lieferpflicht befreien zu wollen. Theoretisch denkbar wäre, dass es in eine ähnliche Richtung geht wie bei ETA.

Könnte das nochmals 20 Jahre dauern?

Das dürfte länger dauern als bei den Uhrwerken. Assortiments sind sehr heikle Produkte. Diese industriell herzustellen, also in grossen Mengen und zu gleichen Preisen wie Nivarox – das dürfte eine relativ grosse Herausforderung sein.

Kritiker behaupten, der Branche drohe zum Museum zu werden. Hat die Abhängigkeit von der ETA die Innovationen gehemmt?

Es war sicherlich nicht förderlich für die Innovation, denn ETA hatte keinen grossen Anreiz dazu, weil sie die Innovationen auch anderen zur Verfügung stellen musste. Dieser Umstand spielte schon in die Regelung von 2013 hinein. Die Überlegung war: wenn andere Uhrenhersteller ihre eigenen Werke produzieren müssen, sind sie zu Innovationen gezwungen, um im Wettbewerb zu bestehen. Damit entsteht ein Innovationswettbewerb und die Uhrenindustrie entwickelt sich weiter.

Hayek hat Ihnen sogar vorgeworfen, sich vom ETA-Konkurrenten Sellita beeinflussen zu lassen.

Uns geht es um den Wettbewerb. Wir unterstehen übrigens auch Ausstandsregeln. Man kann jederzeit verlangen, dass Mitarbeitende des Sekretariats oder Weko-Mitglieder in den Ausstand treten und dies wird geprüft. Aber wir haben kein solches Begehren erhalten.

Hayek ist nun an das Bundesverwaltungsgericht gelangt. Wo steht dieses Verfahren? 

Die Swatch Group hat am 20. Januar beim Bundesverwaltungsgericht eine Beschwerde gegen unsere vorsorgliche Massnahme eingereicht. In einem ersten Schritt verlangte sie, dass die aufschiebende Wirkung dieser Beschwerde wieder hergestellt wird. Denn diese aufschiebende Wirkung war mit unserem Entscheid weggefallen. Zu diesem Punkt mussten wir bis zum 24. Februar Stellung nehmen. Aber zur Beschwerde an sich haben wir dies noch nicht getan. Wir haben auch noch keine Frist gesetzt bekommen vom Bundesverwaltungsgericht.

Wie es klingt, wird Ihre Marktanalyse abgeschlossen sind, bis ein Entscheid des Bundesverwaltungsgerichtes vorliegt.

Unsere Planung sieht vor, dass wir unseren Entscheid vor den Sommerferien fällen. Damit würden auch die vorsorglichen Massnahmen aufgehoben. Wenn das Bundesverwaltungsgericht nicht vorher entscheidet, könnte die Beschwerde gegenstandslos werden.

Allzu viel Bedeutung hat die Beschwerde nicht?

Swatch wollte damit wohl signalisieren, dass sie nicht einverstanden sind mit unserer Massnahme. Das ist ihr gutes Recht.

Wie ist nun das weitere Vorgehen?

Die Marktanalyse ist weitgehend fertig. Auf dieser Grundlage wird derzeit ein Antrag erstellt. Und dieser wiederum wird ungefähr Anfang April der Swatch zugestellt. Spätestens dann sieht sie, in welche Richtung es geht. Danach wird der Antrag mit den Stellungnahmen von Swatch und Sellita der Kommission zum Entscheid vorgelegt. Den finalen Entscheid können wir wohl vor den Sommerferien kommunizieren.

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