WELTWIRTSCHAFTSFORUM: Die Neubesinnung des «Davos Man»

Am Dienstag beginnt das WEF in Davos. Jenseits von Angebot und Nachfrage sinniert die Wirtschaftselite dort über ihre politische Verantwortung.

Daniel Zulauf
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Ab Türöffnung – hier am ersten Tag des letztjährigen Weltwirtschaftsforums – herrscht im Kongresszentrum Davos reges Treiben. (Bild: Jean-Christophe Bott/Keystone (Davos, 20. Januar 2016))

Ab Türöffnung – hier am ersten Tag des letztjährigen Weltwirtschaftsforums – herrscht im Kongresszentrum Davos reges Treiben. (Bild: Jean-Christophe Bott/Keystone (Davos, 20. Januar 2016))

Daniel Zulauf

Das World Economic Forum (WEF) ist ein Erfolgsunternehmen. Eines, wie man es in der Schweizer KMU-Landschaft oft antrifft. Seit 1971 arbeitet Klaus Schwab unermüdlich am Aufbau und an der Weiterentwicklung seiner Organisation. Bravourös hat er die Internationalisierung und sehr früh auch die Globalisierung gemeistert. Mit Fleiss, Talent und Weitsicht hat der Patron sein Unternehmen auch in schwierigen Zeiten auf Kurs gehalten. Gleich wie vielen anderen Gründern scheint dem 79-Jährigen nun auch das Abschiednehmen von der grossen Bühne zunehmend schwerzufallen. In einem Punkt aber will das WEF ganz und gar nicht ins Bild eines Schweizer KMU passen. Wenn Klaus Schwab in die Linsen der Kamaras lächelt, sieht man im Hintergrund zwar fast immer das Logo des Weltwirtschaftsforums, das mit einem unfertigen Kreis den offenbar noch längst nicht abgeschlossenen Prozess der Globalisierung andeutet. Nirgends aber findet sich ein Schweizer Kreuz, das auf die Heimat dieser in Genf ansässigen Organisation hindeuten würde.

Die Politikphilosophin Katja Gentinetta sieht darin nichts Erstaunliches. «Ich vermute, dass Klaus Schwab die ganze Welt als Heimat des WEF bezeichnen würde», sagt sie im Gespräch. Verfechtern einer liberalen Wirtschaftspolitik, zu denen sich die ehemalige Vize­direktorin von Avenir Suisse selber zählt, käme die Frage nach der Heimat von Unternehmen kaum spontan über die Lippen. Schliesslich müssen marktwirtschaftlich gesteuerte Unternehmen stets dort sein, wo auch ihre Märkte sind.

Trotzdem ist Gentinetta zusammen mit der Sozialwissenschaftlerin und früheren Economisuisse-Kampagnenleiterin, Heike Scholten, genau dieser Frage nachgegangen. Das Interesse wurde akut im Nachgang zum Urnengang vom 9. Februar 2014, als sich 50,3 Prozent der Schweizer Stimmbürgerinnen und Stimmbürger für die Masseneinwanderungsinitiative ausgesprochen hatten. Herausgekommen ist ein Buch, das vor bald einem Jahr unter dem Titel «Haben Unternehmen eine Heimat?» herausgekommen ist und seither weiter an Aktualität gewonnen hat.

«Krasse Fehleinschätzung seitens der Wirtschaft»

Wie war es möglich, dass sich mehr oder weniger die ganze Schweizer Wirtschaftselite – wie auch der grösste Teil der politischen Akteure – von diesem Volksentscheid überraschen liess? Warum blieben die eindringlichen Mahnungen der Wirtschaftsverbände ungehört? Weshalb diese Entscheidung, wo die Schweizer an der Urne in wirtschaftlichen Fragen doch stets so pragmatisch abstimmen? Professor Peter Forstmoser, Aktienrechtsspezialist und während vieler Jahre einer der einflussreichsten Wirtschaftsanwälte im Land, spricht im Vorwort von einer «krassen Fehleinschätzung seitens der Wirtschaft» und von einem «schlagenden Beispiel für den Mangel einer Aussensicht». Gentinetta und Scholten befragten landauf, landab 25 Führungspersönlichkeiten unter der Hypothese, dass Unternehmen tatsächlich so etwas wie eine Heimat hätten, wenn sie – zumal in der direktdemokratischen Schweiz – anerkennen würden, dass sie für die im Land geltende Wirtschaftspolitik, die Regulierung und die lokalen Standortbedingungen eine politische Mitverantwortung anerkennen würden. «Dieses Bewusstsein war in der Wirtschaft ganz einfach nicht vorhanden», sagt Gentinetta. «Es war klar: die Heimat ist der Markt.» Der Brexit und die Wahl Donald Trumps haben den Firmenchefs in allen anderen Industrieländern jäh in Erinnerung gerufen, dass die nationalen Grenzen trotz aller Globalisierung geblieben sind.

Das WEF hat sich als Inbegriff einer globalisierten Veranstaltung schnell, aber auch notgedrungen auf die neue Situation eingestellt. «Responsive and responsible leadership» – das diesjährige Motto trägt dem veränderten politischen Klima Rechnung. Hinter dem Begriff «responsiveness» verbirgt sich ein Perspektivenwechsel. Das Wort kann mit Empfänglichkeit, Reaktions- oder Anpassungsbereitschaft übersetzt werden.

Es sind Anzeichen dafür, dass sich der Geist von Davos in den nächsten Jahren stark verändern wird. 40 Jahre ungebrochene Globalisierung haben das Selbstverständnis der Wirtschaftselite geprägt. Samuel Huntington, der vor acht Jahren verstorbene Politikwissenschaftler, prägte den Begriff des «Davos Man» mit der Beschreibung eines neuen Managertyps: Dieser sehe keine Notwendigkeit darin, dem eigenen Land die Treue zu halten, nationale Grenzen seien ihm ein Hindernis, das am besten abgeschafft werde, und nationale Regierungen sind für ihn ein Überbleibsel aus alten Zeiten, deren alleinige Funktion noch darin besteht, der globalen Elite den Betrieb ihrer Geschäfte zu ermöglichen.

Hinuntersteigen in die politische Arena als Vorteil

Gentinetta sieht in Übereinstimmung mit dem wirtschaftsliberalen Lager keinen Gewinn darin, das Rad der Globalisierung zurückzudrehen. Doch sie erhebt keinen Einspruch auf die Bemerkung, dass sich manche globale Unternehmen in den letzten Jahren etwas gar viele Freiheiten zu nehmen wagten. «Es gibt Wirtschaftsführer, die gar nicht mehr richtig wissen, wo auf dem Globus sie sich gerade befinden, und die auch nicht glauben, dass dieses Wissen eine Relevanz für sie hat.»

Dass eine solche Haltung viel Konfliktpotenzial birgt, ist logisch. Schliesslich sind die nationalstaatliche Politik und die nationale Regulierung auch in Zeiten der grossen G-20-Beschlüsse immer noch die dominierende Realität. «Das Konfliktpotenzial wird offensichtlich, wenn ein einzelnes Land eine globale Bank retten muss», sagt die Autorin und meint natürlich auch die UBS. Noch vor wenigen Jahren hatte die Bank mit der Drohung kokettiert, bei einer allzu strengen Regulierung in der Schweiz den Hauptsitz ins Ausland zu verlegen.

Solche Stimmen sind inzwischen gänzlich verstummt – es gab sie nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Grossbritannien und in vielen anderen Industrieländern. Es waren erste zynische und vor allem hilflose Versuche einer Industrie, sich gegen die zwangsweise Rückführung in die «Heimat» zu stemmen. «Man kann drohen, lobbyieren oder auch einer breiten Öffentlichkeit erklären, was man als Unternehmen braucht, damit ein Standort im Wettbewerb ein Vorteil bleibt», sagt Gentinetta. Diese Bereitschaft, in die politische Arena hinunterzusteigen und im demokratischen Prozess Verantwortung für die eigene unternehmerische Umwelt, also für die Heimat, zu übernehmen, ist das, was sie und ihre Kollegin «citoyen» nennen und sich unter «responsive leadership» vorstellen und wünschen.

Die Schweizer Wirtschaftselite wurde aufgrund der direktdemokratischen Entscheidungsprozesse im eigenen Land viel früher mit den politischen Befindlichkeiten der eigenen Bevölkerung konfrontiert als die Wirtschaftsführer in anderen Ländern. «Responsiveness» stand bei den Schweizer Managern zwar lange Zeit nicht hoch oben auf der Agenda – daran hatte auch das Ja zur Abzocker­initiative 2013 wenig geändert, das der Wirtschaft ein erstes Mal die von Forstmoser diagnostizierte mangelnde Aussensicht hätte vor Augen führen müssen. Doch seit dem 9. Februar 2014 hat sich die Einstellung der Manager gegenüber der Politik gründlich verändert, haben die Autorinnen erfahren.

Wenn das WEF ein Seismograf für wichtige wirtschaftspolitische Entwicklungen sein will, dann ist es in der Schweiz vielleicht doch genau am richtigen Ort.