Schweinegrippe
Wenig fehlt zum «Worst Case»

Spezialisten raten hiesigen Firmen und Unternehmen, schleunigst ihre Vorkehrungen für den Pandemiefall an die neuen Gefahren anzupassen.

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Bojan Stula

Genau zwei Wochen nach den ersten Meldungen über den Schweinegrippeausbruch in Mexiko ist der H1N1-Virus im Blätterwald untergetaucht. Auch in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit scheint die Pandemiegefahr abgehakt zu sein: Schweinegrippe ist Schnee von gestern; ein typischer Fall von Medienhysterie eben.

Versorgung gewährleisten Iris Wahlen, Public Relations: «Novartis verfolgt eine klare Strategie, die von drei Hauptzielen geprägt ist: Schutz der Mitarbeitenden, Schutz der Patienten und Aufrechterhalten der Geschäftstätigkeit. Die Aufrechterhaltung der Geschäftstätigkeit ist ein Schwerpunkt für Novartis, um die Auslieferung und Versorgung lebenswichtiger Medikamente an Patienten in der ganzen Welt auch im Falle einer Pandemie zu gewährleisten. Novartis hat auf Unternehmensebene ein Managementteam gebildet, das verantwortlich ist für die Entwicklung und Koordination von Aktivitäten und Empfehlungen im Pandemiefall.» (bos)

Versorgung gewährleisten Iris Wahlen, Public Relations: «Novartis verfolgt eine klare Strategie, die von drei Hauptzielen geprägt ist: Schutz der Mitarbeitenden, Schutz der Patienten und Aufrechterhalten der Geschäftstätigkeit. Die Aufrechterhaltung der Geschäftstätigkeit ist ein Schwerpunkt für Novartis, um die Auslieferung und Versorgung lebenswichtiger Medikamente an Patienten in der ganzen Welt auch im Falle einer Pandemie zu gewährleisten. Novartis hat auf Unternehmensebene ein Managementteam gebildet, das verantwortlich ist für die Entwicklung und Koordination von Aktivitäten und Empfehlungen im Pandemiefall.» (bos)

Solche Ansichten stossen beim Experten auf Skepsis. Andreas Juchli ist Arzt und Geschäftsführer der im zürcherischen Kollbrunn beheimateten Firma JDMT Medical Services. Diese ist als eine der wenigen des Landes darauf spezialisert, Unternehmen und Anlässe in medizinischen Fragen zu beraten und entsprechend auszurüsten. «Vor wenigen Wochen wäre es noch undenkbar gewesen, dass die Weltgesundheitsorganisation WHO je einmal die Pandemiestufe 5 ausruft, die zweithöchste überhaupt», stellt Juchli fest.

Situation beobachten Thomas Konrad, Mediensprecher: «Wir beobachten die Entwicklung der Schweinegrippe sehr genau und informieren unsere Mitarbeitenden entsprechend in Bezug auf vorbeugende Massnahmen. Wichtig ist beispielsweise das richtige Verhalten bei Kundenkontakten in besonders betroffenen Gebieten. Details zu den internen Pandemieplänen kann ich keine bekannt geben, diese sind nicht öffentlich.» (bos)

Situation beobachten Thomas Konrad, Mediensprecher: «Wir beobachten die Entwicklung der Schweinegrippe sehr genau und informieren unsere Mitarbeitenden entsprechend in Bezug auf vorbeugende Massnahmen. Wichtig ist beispielsweise das richtige Verhalten bei Kundenkontakten in besonders betroffenen Gebieten. Details zu den internen Pandemieplänen kann ich keine bekannt geben, diese sind nicht öffentlich.» (bos)

«Nun ist es so weit, und trotzdem herrscht fast überall in der Schweiz der Courant normal.» Einst hätten gewisse Planungen vorgesehen, dass bei Stufe-5-Pandemiealarm nur noch diejenigen zur Arbeit erscheinen, die wirklich unabkömmlich sind, und überall chirugische Schutzmasken getragen werden müssen.

Pandemie-Set Andreas Kern, Mediensprecher: «Wir haben uns für den Fall einer Pandemie vorbereitet. Wir verfügen über einen globalen Ausschuss sowie regionale Pandemie-Stäbe, die zum Teil täglich tagen. Wir haben für jede Region Pandemiepläne ausgearbeitet, deren Details wir aber nicht bekannt geben. Im Rahmen der Vogelgrippe haben bereits 2007 alle UBS-Mitarbeitenden ein Pandemie-Set erhalten, das sie zuhause aufbewahren müssen. Von der Materialseite her sind wir also bereits sehr gut vorbereitet. Bei der Mitarbeiterinformation halten wir uns an die Vorgaben der WHO und der lokalen Behörden.» (bos)

Pandemie-Set Andreas Kern, Mediensprecher: «Wir haben uns für den Fall einer Pandemie vorbereitet. Wir verfügen über einen globalen Ausschuss sowie regionale Pandemie-Stäbe, die zum Teil täglich tagen. Wir haben für jede Region Pandemiepläne ausgearbeitet, deren Details wir aber nicht bekannt geben. Im Rahmen der Vogelgrippe haben bereits 2007 alle UBS-Mitarbeitenden ein Pandemie-Set erhalten, das sie zuhause aufbewahren müssen. Von der Materialseite her sind wir also bereits sehr gut vorbereitet. Bei der Mitarbeiterinformation halten wir uns an die Vorgaben der WHO und der lokalen Behörden.» (bos)

Heimarbeit. Zwar haben in den letzten Tagen einige regionale Betriebe an ihre Angestellten teilweise umfangreiche Empfehlungen abgegeben. So weist etwa die Novartis ihre Mitarbeitenden an, alle Reisen abzusagen, die nicht absolut unabdingbar sind, und alternative Kommunikationsmittel wie Video- oder Telefonkonferenz zu benutzen. Auch seien «grössere Versammlungen zu vermeiden», wie Mediensprecherin Iris Wahlen bestätigt.

Stufenplan Claudia Schmitt, Mediensprecherin: «Wir haben unsere Pandemievorsorge weit vorangetrieben und sind für den Ereignisfall gut gerüstet. Wir handeln bereits jetzt nach einem Stufenplan, der sowohl für die Vorstufen als auch für den Pandemiefall selbst massgebend ist. Unsere Vorsorge umfasst den Schutz unserer Mitarbeitenden und der im selben Haushalt lebenden Angehörigen sowie die Sicherung der weltweiten Versorgung unserer Patientinnen und Patienten mit lebenswichtigen Medikamenten und Diagnostika, wozu auch das Grippemedikament Tamiflu gehört.» (bos)

Stufenplan Claudia Schmitt, Mediensprecherin: «Wir haben unsere Pandemievorsorge weit vorangetrieben und sind für den Ereignisfall gut gerüstet. Wir handeln bereits jetzt nach einem Stufenplan, der sowohl für die Vorstufen als auch für den Pandemiefall selbst massgebend ist. Unsere Vorsorge umfasst den Schutz unserer Mitarbeitenden und der im selben Haushalt lebenden Angehörigen sowie die Sicherung der weltweiten Versorgung unserer Patientinnen und Patienten mit lebenswichtigen Medikamenten und Diagnostika, wozu auch das Grippemedikament Tamiflu gehört.» (bos)

Nicht zuletzt wurden Mitarbeitende, die nach dem 27. April aus Mexiko zurückgekehrt sind, angewiesen, während sieben Tagen zu Hause zu arbeiten. Doch stellen solche Massnahmen bereits das Maximum dessen dar, was Geschäftsleitungen ihren Angestellten zumuten wollen.

Dämmerzustand. Ein Unternehmenssprecher sagt hinter vorgehaltener Hand, was viele denken: «Wir reden bisher von einem einzigen Krankheitsfall in der Schweiz. Da sollte man in Bezug auf getroffene Massnahmen einen gewissen gesunden Menschenverstand walten lassen.» Falsch, entgegnet Experte Andreas Juchli. Man dürfe nicht die relativ ruhige Lage in der Schweiz zum Massstab nehmen. «Wenn man gesehen hat, wie schnell sich der Virus weltweit verbreiten kann, dann muss man die Gesamtentwicklung im Auge behalten. Der H1N1-Virus hält sich leider nicht an Landesgrenzen.» Und gemessen an dieser Vorgabe befänden sich Schweizer Unternehmen momentan in einer Art Dämmerzustand. «Was sagen die Betriebe ihren Mitarbeitenden, wenn morgen plötzlich Stufe VI ausgerufen wird?»
Juchli empfiehlt deshalb allen Firmen, sich bei der Pandemieplanung nicht etwa an jene Massnahmenpakete zu klammern, die bereits im Zuge der Vogelgrippe vorbereitet worden sind, sondern Krisenszenarien an die neue Bedrohung anzupassen - sofern überhaupt irgendwelche Pandemiepläne vorliegen. Priorität geniesse dabei die Identifikation von Schlüsselpersonen innerhalb des eigenen Unternehmens und die Regelung der Stellvertretungen. Dann die tagesaktuelle Lagebeurteilung und die entsprechende Mitarbeiterinformation.

Noch umfangreicher werden die Vorsorgemassnahmen, wenn es um die Bereitstellung des nötigen Materials geht. Ist genügend Schutzbekleidung vorrätig? Juchli hat die Erfahrung gemacht, dass gerade in Bezug auf die Mundschutzmasken zu knauserig kalkuliert wird: «Täglich benötigt ein Mitarbeitender vier bis fünf chirurgische Schutzmasken plus eine entsprechende Reserve für die Angehörigen zuhause.» Da komme man mit einem Paket von 50 Masken nicht weit. Und wie steht es um die Vorräte an Taschentüchern, Desinfektionsmitteln oder auch Absperrtafeln für Sperrzonen? Wie wird im Pandemiefall der Abfall entsorgt, und wie die Verpflegung für die Mitarbeitenden sichergestellt? Solche und zahlreiche andere Fragen müssten sich Unternehmen stellen, die ihre Notfallplanung auch nur einigermassen ernst nehmen.

AKW-Ausfall. All das diene letztlich der Weiterführung der existenziell wichtigen Unternehmensbereiche im «Worst Case». «Dabei gibt es natürlich Abstufungen. Wenn bei einer Zeitung eine Ausgabe nicht erscheint, ist dies weniger tragisch, als wenn im Atomkraftwerk die gesamte Kontrollmannschaft krankheitsbedingt ausfällt», vermutet Andreas Juchli. Überhaupt sind laut JDMT-Geschäftsführer grosse, weltweit vernetzte Unternehmen momentan wesentlich besser auf den Pandemiefall vorbereitet als regionale Betriebe.