Rüstungsindustrie
Weniger Munition für kleinere Armeen

Ruag Ammotec klagt über eine «verzögerte Auftragslage». Mit dem Ende des Irakkriegs hat die US-Armee Aufträge gestoppt.

Niklaus Ramseyer
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Limmattaler Zeitung

Die Amerikaner seien sehr nett gewesen und hätten sich für das feine Essen bedankt, erzählt ein Thuner, der die dortige Munitionsfabrik Ruag Ammotec gut kennt. Beim Kaffee aber hätten die Gäste ihren Schweizer Geschäftspartnern von der Ammotec bedauernd mitgeteilt: Mit dem Abzug der Besatzungstruppen aus dem Irak gehe natürlich auch der Munitionsbedarf zurück. Zuvor in Aussicht gestellte Aufträge für Ammotec würden darum zurückgestellt – oder kämen gar nicht zustande.

Bei der Ruag Amotec in Thun würden «im Kleinkaliberbereich» tatsächlich «gewisse Aufträge hinausgeschoben oder bestehende Optionen nicht eingelöst», bestätigt die Ruag-Konzernzentrale in Bern auf Nachfrage. Über konkrete Aufträge von Armeen und Behörden gebe man aber keine Auskunft. Ruag-Sprecher Jiri Paukert versichert immerhin, der Rückzug der US-Armee aus dem Irak habe mit den Auftragsrückgängen bei Ammotec Thun «in keiner Weise» etwas zu tun. Er betont: «Unsere Geschäfte mit der US-Armee sind marginal.»

Als Grund für die Auftragsverzögerungen bei der Kleinkalibermunition sieht Paukert vielmehr «die Finanzkrise und deren Auswirkungen auf die öffentlichen Haushalte». In jedem Fall habe Ammotec in Thun «mit der Reduktion von Schichten und dem Abbau von Temporärmitarbeitenden» darauf reagiert. Dank gutem Geschäftsgang in den Sparten Sport- und Jagd-Munition sowie beim Bedarf an Sprengpatronen für die Industrie hoffe man, den Rückgang im Bereich Armee wettzumachen. Die Ruag gibt sich zuversichtlich: Im Bereich Defence (Sicherheits- und Wehrtechnik) gehe man «heute nicht von einem grösseren Stellenabbau aus».

Seit einem Jahr auch in den USA

Ruag Ammotec beschäftigt in Thun rund 270 Leute. In ihrer Fabrik an der Uttigenstrasse fertigen sie Patronen für Gewehre fast aller Kaliber von 4,6 Millimeter über die Nato-Kaliber 5.56 und 7.65 bis zu Halbzoll (12,7 Millimeter), die mit schweren Maschinengewehren verschossen werden.

Ammotec zählt nach raschem Ausbau und Expansion ins Ausland inzwischen zu den führenden Munitionsherstellern Europas. Das Unternehmen fertigt auch Handgranaten und Spezialmunition, die «bleifrei» und auch sonst «besonders umweltfreundlich» sei. Inzwischen hat Ammotec Filialen in Deutschland, Schweden, Frankreich, Österreich, Belgien, England, Ungarn – und seit letztem Jahr auch in den USA. Der Umsatz belief sich bei insgesamt 1700 Beschäftigten per 2009 auf 336 Millionen Franken.

Rüstung schlechter, Ruag besser

Nach dem letztjährigen Rekord von 722 Millionen, verzeichnen die Bewilligungsbehörden in Bern bei Rüstungsgütern dieses Jahr generell eher wieder einen Rückgang: Im ersten Halbjahr 2010 schrumpfte der Waffenexport im Vergleich zum Vorjahr um 12 Prozent auf noch 292 Millionen. Die zuständigen Funktionäre im Departement Leuthard betonen indes, letztes Jahr seien Rüstungsexport-Bewilligungen im Wert von insgesamt über 1,5 Milliarden erteilt worden.

Während jedoch das Rüstungsgeschäft eher schlechter läuft, geht es dem bundeseigenen Technologiekonzern deutlich besser: Die Ruag ist jetzt wieder in den schwarzen Zahlen und konnte ihren Halbjahres-Umsatz um 6 Prozent auf 836 Millionen steigern. Und sie wird friedlicher: 2009 hatte sie noch mehr als die Hälfte ihres Geschäfts im Bereich Wehrtechnik gemacht. Jetzt ist es umgekehrt: Der Umsatz mit Ziviltechnologie macht 52 Prozent aus.