Kolumne

Wenn CEOs den Markt testen (könnten)

Die Löhne von CEOs kotierter Schweizer Unternehmen rufen regelmässig Kritiker auf den Plan. In den USA verdienen Basketballspieler jedoch ein Vielfaches. Wie würden die Topmanager handeln, wenn sie sich – wie die Athleten – alle paar Jahre neu orientieren könnten oder müssten?

Livio Brandenberg
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Livio Brandenberg

Es ist ein jährliches Ritual: Immer im Frühling enervieren sich 
Vertreter von Anlagestiftungen, Gewerkschaften sowie Politiker über die hohen Löhne der CEOs von Schweizer Unternehmen. In den Medien finden sich dann knackige Titel, aufwendig gestaltete Tabellen oder Bildergalerien mit den «Sündigern». Eigentlich immer mit dabei (eine Auswahl): UBS-Chef Sergio Ermotti mit seinem Gesamtjahreslohn von 14 Millionen Franken (2018), Tidjane Thiam, CEO der Credit Suisse, mit seinem Salär von um die 12 Millionen, Severin Schwan von Roche mit ebenfalls rund 12 Millionen oder Nestlé-CEO Mark Schneider, der im letzten Jahr alles in allem ungefähr 9,5 Millionen Franken verdient hat.

Sze­nen­wech­sel: Kennen Sie Tobias Harris? Keine Sorge, ein Nein als Antwort ist keine Schande. Der junge Mann ist Basketballer in den USA. Er hat soeben einen Fünfjahresvertrag mit den Philadelphia 76ers im Gegenwert von 180 Millionen Dollar – also 179 Millionen Franken – unterzeichnet. Das sind rund 36 Millionen pro Jahr. Damit verdient der 26-Jährige das Dreifache von CS-CEO Thiam. Das ist speziell (nicht die Zahlen, die sind es sowieso), denn Harris ist kein Superstar. Ein grundsolider Flügelspieler mit Potenzial, absolut. Und im besten Alter, klar. Aber 180 Millionen?

Und es geht noch besser: Damian Lillard, ausserhalb der USA und China ebenfalls eher unbekannt, hat soeben seinen Vertrag mit den Portland Trail Blazers frühzeitig verlängert – um vier Jahre, für 196 Millionen. Im letzten Jahr des Kontrakts wird der Spielmacher – er ist einer der Topstars – 
54 Millionen verdienen.

Zu verdanken haben die Spieler diese astronomischen Summen einem TV-Deal, den die National Basketball Association (NBA) vor drei Jahren abgeschlossen hat und der der Liga über neun Jahre 24 Milliarden Dollar einbringt. Das eingenommene Geld will ausgegeben werden. Ein jährliches Ritual – wir erinnern uns an den Schweizerischen Aufreger-Frühling – ist darum die «Free Agency Period» im Sommer, also das Zeitfenster, in dem Spieler mit auslaufendem Vertrag den Markt testen und mit anderen Teams verhandeln können. Am ersten Tag der «Free Agency» vor einer Woche gaben die 30 NBA-Teams zusammen über 3 Milliarden (!) Dollar aus.

Ob ein Chef oder ein einzelner Spieler dermassen viel Geld wert ist, ist eine Frage, die kritisch gestellt werden darf, aber kaum zu beantworten ist. Ob Schweizer Unternehmen in gleichem Masse um die Topmanager (oder die vermeintlichen Stars der Szene) buhlen würden wie dies NBA-Teams tun, wäre aber durchaus ein Experiment wert. Was wäre, wenn hierzulande ebenfalls eine, von mir aus branchenspezifische, «Free Agency Period» eingeführt würde? Alle vier oder fünf Jahre kämen die Topkader auf den freien Markt, könnten sich mit Firmen treffen und dann das beste Angebot unterschreiben. Es wäre interessant zu sehen, welche Rolle Geld spielen würde. Denn: Wer schon viel Geld hat, will sich in seinem Job etwa auf keinen Fall langweilen. Wichtig ist auch ein gutes Team oder dass sich die Familie im jeweiligen Setting wohlfühlt. Dies hat der inzwischen zurückgetretene Superstar Dirk Nowitzki unter Beweis gestellt, der 21 Jahre bei der gleichen «Firma» spielte und sich in den letzten beiden Jahren 
bei den Dallas Mavericks mit 
5 Millionen Dollar begnügte.