Corona-Krise: Wenn die Lösung wieder Auto heisst

Vor allem Auto-Abos sind in der Corona-Krise als Alternative zum ÖV gefragt. Autovermieter profitieren weniger.

Christopher Gilb
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Autos auf der Stationsstrasse in Rothenburg: Anbieter von Auto-Abos spüren die höhere Nachfrage.

Autos auf der Stationsstrasse in Rothenburg: Anbieter von Auto-Abos spüren die höhere Nachfrage.

Bild: Pius Amrein (16. März 2020)

Es ist eine Aussage, die man von ihm wohl nie erwartet hätte: «Nehmt Rücksicht auf Kunden und Mitarbeitende im ÖV – meidet stark belastete Züge, nutzt andere Verkehrsmittel», forderte SBB-CEO Andreas Meyer am Sonntagmorgen auf Twitter die Bevölkerung auf und schloss sich damit der Botschaft des Bundesrats von Freitag an: Der öffentliche Verkehr – aus dem Leben vieler Schweizer nicht wegzudenken – ist bei der Einschränkung der Ausbreitung des Corona-Virus zum echten Hindernis geworden. Und wer vergleicht, wie viel Leute zur gleichen Zeit am Freitag- und am Montagmorgen in einem Bus sassen, konnte feststellen, dass diese Botschaft die Bevölkerung wohl erreicht hat.

Doch nicht jeder kann Home-Office machen und deshalb suchen manche Leute nach Mobilitätsalternativen: Womit das zuvor teils verpönte Auto wieder ins Spiel kommt. «Durchschnittlich verzeichnen wir rund doppelt so viele Anfragen, in den letzten Stunden und Tagen sogar tendenziell noch mehr», sagt Sergio Studer. Er ist Mitbegründer des Start-ups Carify aus Zürich, das sogenannte Auto-Abos im Monatspaket anbietet. Bei diesen sind alle Leistungen wie eine Versicherung inbegriffen. Dabei hat die Firma keine eigene Flotte, sondern arbeitet mit lokalen Garagisten zusammen. Sowohl Privatkunden wie auch Geschäftskunden würden sich melden, vor allem in den grossen Ballungszentren auch auf der Achse Luzern-Zug, so Studer «Es sind Leute, die auf die Mobilität weiter angewiesen sind.»

Carify-Mitbegründer: Sergio Studer

Carify-Mitbegründer: Sergio Studer

Bild: PD

Um die Hürde für Kunden zu senken, wie Studer es sagt, liefert das Start-up nun seit dem Wochenende die Autos gratis zu den Kunden nach Hause, davor war nur die Abholung gratis, die Lieferung kostete etwas. Ein Abo-Modell bietet auch der Importeur Amag mit Sitz in Cham an. «Wir spüren eine steigende Tendenz bei den Abos», schreibt Amag-Sprecherin Roswitha Brunner auf Anfrage. Es sei jedoch schwierig, zu sagen, ob dies alleine auf Corona zurückzuführen sei, da es in letzter Zeit auch Anpassungen bei der Kommunikation und dem Preis gegeben habe.

Mobility und Europcar profitieren nicht

Keine erhöhte Nachfrage stellt man hingegen beim Carsharing-Anbieter Mobility in Rotkreuz fest. «Die Mobility-Autos werden gleich häufig gebucht wie sonst auch. Ob und wie sich die Gesamtsituation entwickeln wird, können wir nicht vorhersagen», schreibt Mobility-Sprecher Patrick Eigenmann. Doch kön­nte Mobility überhaupt kurzfristig mehr Autos zur Verfügung stellen? «Da wir bei unserem Fahrzeugangebot generell auf eine hohe Verfügbarkeit achten, gäbe es Spielraum, mit der bestehenden Flotte eine höhere Nachfrage abzufangen», so Eigenmann. Noch mehr Autos zu stellen, sei hingegen nur schwer möglich. «Schliesslich bräuchte es nicht nur zusätzliche, neue Fahrzeuge, sondern auch die entsprechenden Parkplätze.»

Gehandelt hat Mobility bei der Autoreinigung: «In der aktuellen Situation achten wir speziell darauf, die Reinigung des Innenraums intensiver und mit noch effektiveren Reinigungsmitteln durchzuführen.» Zudem sei Personal, das sich ansonsten primär um technische Arbeiten kümmere, instruiert, ebenfalls Reinigungen vorzunehmen. Der grosse Autovermieter Europcar, der unter anderem einen Standort beim Bahnhof Luzern betreibt, stellt sogar einen Rückgang der Nachfrage fest: «Die Nachfrage im internationalen Geschäft ist aufgrund der getroffenen Mas­snahmen gegen das Corona-Virus stark rückläufig. Im Lokalmarkt sind die erlassenen Reiserestriktionen von Firmen spürbar», so Sprecher Martin Helg. Ansonsten sei heute die Nachfrage im Lokalmarkt stabil. Auch Helg schreibt, dass die Fahrzeuge bei jeder Reinigung gründlich desinfiziert würden.

Wieso profitieren Anbieter von Auto-Abos anscheinend eher von der Krise als klassische Autovermieter? Sergio Studer von Carify glaubt, dass die Angst vor Ansteckungen ein Hauptgrund dafür ist. «Denn beim Abo-Gedanken spielt das Gefühl vom eigenen Auto eine grosse Rolle», so Studer. «Der Abo-Besitzer weiss, wer das Auto gestern gefahren hat und wer es morgen fahren wird, das gibt in Bezug auf die Ansteckungsgefahr Sicherheit.»

Carify hat nun bei Garagen, mit denen sie zusammenarbeiten, proaktiv nachgefragt, ob sie noch mehr Autos zur Verfügung hätten. «Das ist auch für die Garagisten erfreulich, diese leiden stark unter den abgesagten Frühlingsausstellungen und der fehlenden Resonanz in ihren Showrooms», so Studer.