Selbstfahrende Autos
Wenn die Nerds im Silicon Valley plötzlich Autos bauen

Kalifornien wird auch für deutsche Automobilfirmen immer wichtiger. Hier entwickeln sie ihre autonomen Autos.

Patrick Züst, San Francisco
Drucken
Teilen
Das neue Konzeptauto von Volkswagen: Sedric (kurz für Self Driving Car)
3 Bilder
VW-CEO Matthias Müller stellte das neue Konzeptauto am Montag am Genfer Autosalon vor.
Sedric Volkswagen self driving car

Das neue Konzeptauto von Volkswagen: Sedric (kurz für Self Driving Car)

AP/Keystone

Bereits vor der offiziellen Eröffnung des Autosalons hat Volkswagen sein neues Konzeptauto «Sedric» präsentiert (kurz für «Self Driving Car»). Es ist der Prototyp eines Fahrzeugs, welches komplett ohne Fahrer auskommt und zukünftig nur noch vom Computer gesteuert wird; Lenkrad, Schaltknüppel und Pedale gibt es nicht mehr.

Dass einer der weltweit grössten Automobilhersteller schon fast selbstverständlich ein futuristisch anmutendes, autonomes Fahrzeug präsentiert, ist ein eindrückliches Zeichen dafür, wie weit die Revolution der fahrerlosen Fahrzeuge schon fortgeschritten ist. Vor drei Jahren waren selbstfahrende Autos für viele nämlich reine Science-Fiction, ein Fiebertraum von den Nerds aus dem Silicon Valley: Als Google im Frühling 2014 das komplett computergesteuerte Auto «Waymo» präsentierte, wurde der Tech-Konzern von den etablierten Autofirmen noch belächelt.

Mit der unkonventionellen Erscheinung entsprach das Fahrzeug schlicht nicht jenem Standard, den man sich in der Branche gewöhnt war: «Kein deutscher Automobilhersteller hätte jemals gewagt, so eine hässliche Kartoffel öffentlich zu zeigen», sagte Professor Ulrich Weinberg damals in einem Interview, welches im Geschäftsbericht von Audi abgedruckt wurde. Für die traditionellen Autofirmen war das Google-Fahrzeug die Bestätigung dafür, dass autonomes Fahren eben doch nur ein Hobby von Informatikern ist.

Dass VW jetzt ein selbstfahrendes Auto präsentiert, das der «hässlichen Kartoffel» von Google gar nicht mal unähnlich sieht, zeigt eindrücklich, wie stark sich die Situation in den vergangenen drei Jahren gewandelt hat. Unterdessen kurven die Google-Autos ganz selbstverständlich und vor allem ganz selbstfahrend durch die Strassen von Mountain View, wo Google den Hauptsitz hat. Auch diverse andere Tech-Konzerne aus dem Silicon Valley, darunter Uber, Tesla, Apple und diverse Start-ups, arbeiten derzeit an eigenen Produkten in diesem Bereich. Die Technologie-Unternehmen werden damit zur ernstzunehmenden Konkurrenz für die traditionellen Automobilhersteller.

Denn dass die selbstfahrenden Personenwagen den Markt schon in wenigen Jahren komplett revolutionieren werden, davon sind heute alle Experten überzeugt. Sowohl Google als auch VW haben ihre autonomen Fahrzeuge beide im Silicon Valley entwickelt, nur wenige Kilometer voneinander entfernt.

Das erstaunt, liegt doch das Mekka der amerikanischen Autoindustrie seit Jahrzehnten in Detroit. Zwar haben auch heute noch viele Autofirmen ihren Hauptsitz in der Industriestadt, aber je bedeutender das autonome Fahren wird, desto wichtiger wird auch die Rolle von Kalifornien in der Branche. Unterdessen gibt es fast keine grosse Autofirma mehr, welche nicht auch einen Aussenposten im Silicon Valley hat und hier an autonomen Fahrzeugen arbeitet. Die Unternehmen wollen in der Region südlich von San Francisco einerseits die nötigen Fachpersonen für ihre Forschungsprojekte finden, andererseits aber auch in kalifornische Start-ups investieren. Zudem gibt es seit knapp einem Jahr auch immer wieder Kollaborationen zwischen Technologie- und Autofirmen.

Autonome Autos in fünf Jahren

Der Zeitplan sieht bei allen Unternehmen etwa ähnlich aus: In spätestens fünf Jahren sollen die ersten komplett autonomen Fahrzeuge verkauft werden. Auch wenn die staatlichen Regulierungen derzeit noch streng sind, laufen bereits in mehreren amerikanischen Städten verschiedene Tests mit selbstfahrenden Autos. Während Tech- Firmen wie Google und Uber vor allem an Komplettlösungen arbeiten, bei denen es überhaupt keinen Fahrer mehr braucht, lancieren fast alle Autofirmen stetig einzelne Features, welche das Fahren einfacher machen sollen. Bereits heute können diverse Wagen eigenständig auf der Autobahn fahren oder automatisch parkieren. Dabei muss aber noch immer jemand hinter dem Steuer sitzen, um notfalls eingreifen zu können.

Die Revolution der selbstfahrenden Autos ist wohl unvermeidbar. Unterdessen stellt sich vor allem die Frage, wann es so weit ist – und wer davon am meisten profitiert. Dank den immer billiger werdenden Sensoren, den Fortschritten im Bereich der künstlichen Intelligenz und dem monetären Druck in diesem globalen Wettrennen werden wir wohl schneller selbstfahrende Autos haben als bisher angenommen. Ob es sich dabei aber um Hightech-Boliden oder um «hässliche Kartoffeln» handeln wird, muss sich erst noch zeigen.