Fall Hoeness
Wenn Erfolgs-Manager wie Uli Hoeness ihre Moral vergessen

Für den FC Bayern München hat Uli Hoeness kaum Vergleichbares geleistet, aber als moralische Autorität ist der Bayern-Präsident nach Bekanntwerden seines Steuerbetrugs gestorben.

Christoph Bopp
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Uli Hoeness machte als Fussball-Manager alles richtig, als Privatmann einiges falsch. Lackovic/imago

Uli Hoeness machte als Fussball-Manager alles richtig, als Privatmann einiges falsch. Lackovic/imago

Doppelmoral. Wasser und Wein. Predigen und Handeln. Sozial und gierig. Mitgefühl und Kapitalismus. Sportsgeist und der unbedingte Wille zum Erfolg. Die Auswüchse der Finanz- und Fussballbranche geisseln und Steuern hinterziehen. Alles Dinge, die auf dieser Welt nicht miteinander zu vereinbaren sind.

Auf Uli Hoeness, den Metzgerssohn aus Ulm, den Fussballer, der alles gewann, den Fussballmanager, der – selten in der Branche – unbeirrbares Erfolgsstreben mit kaufmännischer Bodenhaltung zu vereinbaren wusste, auf diesen Mann konzentrieren sich nun die Spots und lassen die Widersprüche aufleuchten. Und die Reaktionen folgen prompt: Von «Uli, wie konntest du nur?» bis zu «Und wieder ist ein Heuchler entlarvt.»

Kriminelle Tat?

Der Tatbestand scheint unbestritten und unbestreitbar. Hoeness hat sich selbst angezeigt, dass er Steuern hinterzogen hat. Und ihm musste klar sein, dass in Deutschland Steuerhinterziehung ohne Wenn und Aber ein Straftatbestand ist. Aber offenbar hoffte er lange, dass man ihm überhaupt nicht auf die Schliche kommen, und zuletzt, dass er noch glimpflich davonkommen würde, ohne dass der Fall öffentlich würde. Dumm ist Hoeness nicht.

Aber jetzt wird es wirklich böse, wie die Medien mutmassen. Alles habe angefangen mit einem Darlehen. Gewährt habe es Hoeness Jean-Louis Dreyfus, von 1993 bis 2001 Chef von «adidas», gefeiert damals als «der Retter» der Marke. Hoeness und Dreyfus waren Freunde; der Franzose ein Fussballfreund mit den entsprechenden irrationalen Anflügen: 200 Millionen soll er allein in Olympique Marseille gesteckt haben. Und eben, seinem Kumpel habe er auch «10 bis 15 Millionen Euro» geliehen, damit Letzterer an der Börse gamblen konnte.

Das sei der Grundstock gewesen des Geldes auf dem Vontobel-Konto, von dem Hoeness die Zinseinkünfte dem deutschen Fiskus verschwieg. Wie heisst der Ausrüster des FC Bayern München? Und wer hat den Vertrag abgeschlossen? Die Antworten: «Adidas» und Hoeness. Wenn Informationen fehlen, schiessen die Mutmassungen der Medien ins Kraut – oder in noch schlimmere Orte.

Sportlich unbestritten

Uli Hoeness war zweifellos ein mehr als talentierter Fussballer. Er spielte nicht nur im Team mit Beckenbauer, Breitner, Müller, Maier und Co., sondern leistete seinen erheblichen Beitrag zum Erfolg. Mit wehenden Locken der Linie entlang rasend liess er nicht nur die Fanherzen höher schlagen, wenn er unversehens in die Mitte zog. Weltmeister 1974, Europameister 1972 mit Deutschland, dreifacher Deutscher Meister, dreifacher Europacupsieger – leider war die Karriere mit 27 Jahren vorbei: Knieprobleme.

Es gab auch die dunkleren Stunden, an die Erinnerung daran dürfte sich bei einigen auch etwas Häme mischen: Wie Uli Hoeness seinen Penalty anlässlich des EM-Finals 1976 in den Belgrader Nachthimmel schiesst (mit seinem Kunstschuss machte Antonin Panenka die CSSR zum Europameister) oder wie Hoeness bei der WM 1974 in der Zwischenrunde am baumlangen polnischen Torhüter Tomaszewski vom Elfmeterpunkt aus scheitert. Im Finale durfte dann Kumpel Breitner ran und mit Penalty zum 1:1 ausgleichen.

Professionelles Super-Management

Als Hoeness 1979 zum FC Bayern zurückkam, fand er einen Verein vor, der bei einem Umsatz von 12 Millionen D-Mark 7 Millionen Schulden hatte. Vielleicht würde es den FC Bayern ohne Uli Hoeness auch heute noch geben, aber sicher nicht in dieser Form. Während die Konkurrenz in den Schulden ertrinkt (Barcelona soll mit 400 Millionen in der Kreide stehen, Real Madrid gar mit einer Milliarde, Manchester United wird von einer Heuschrecke ausgesaugt), sieht Bayern einer sorgenfreien Zukunft entgegen. 2020 wird auch das Stadion abbezahlt sein, an Liquidität werden sagenhafte 130 Millionen Euro kolportiert. Das ist das Werk von Uli Hoeness, dem erfolgreichsten Fussball-Manager der Welt.

Instanz. Zurück zur Moral. Uli Hoeness ist zweifellos eine Instanz, aber nicht unbedingt eine moralische. Er ist bekannt für kernige Voten, mit seinen Wortmeldungen schonte er weder die Konkurrenz noch sich selbst. Dass bei Bayern je mit Schwarzgeld lusche Geschäfte getrieben worden seien, stellte er vehement in Abrede: «Das lohnt sich doch nicht. Ins Gefängnis zu gehen, um einige Euro zu sparen.» Und 2005 sagte er «Bild»: «Ich weiss, das ist doof. Aber ich zahle volle Steuer.»

Scheinheiligkeit und Heuchlertum

Sie sind schwer zu ertragen. Und nicht zu entschuldigen. Schlitzohrigkeit unter einem moralischen Mäntelchen ebenfalls. Nur: Vielleicht ist es spitzfindig zu sagen, dass moralische Wahrheiten auch wahr bleiben, wenn sie aus unberufenem Mund kommen. Sagen wir es so: Als Manager des FC Bayern dürfen wir Uli Hoeness glauben, was er sagt. Er wird Gesetz und Anstand nicht ritzen, um einen Vorteil zu erhalten. Er darf Missstände im Business weiterhin benennen, aber als moralische Autorität ist es aus. Als Privatmann hat er einen Fehltritt gemacht. Für Bayern würde er nie riskieren, was Uli der Gambler (und Ex-Fussballer) wagt. Erfolgreich für die Allgemeinheit wirkende Männer (wer erinnert sich noch an Guido A. Zäch?) gehen oft erstaunlich leichtfertig mit ihrem moralischen Kapital um. Das mindert den Wert ihrer Taten nicht, aber es holt sie vom Sockel. Aber dorthin hat sich Uli Hoeness eigentlich selbst nie gestellt.