Kolumne

Wenn Faustregeln besser sind als die Wahrscheinlichkeitstheorie

Wir sollten in dieser unsicheren Welt mittels Faustregeln, die ein ausreichend gutes Ergebnis zulassen, an Entscheidungen herangehen.

Edy Portmann
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Edy Portmann.

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In Krisenzeiten stützen sich zahlreiche Experten auf die Wahrscheinlichkeitstheorie als Antwort auf Ungewissheit. Dies sei für eine Entscheidungsfindung aber ein untauglicher Ansatz, schreiben die Ökonomen John Kay und Mervyn King in ihrem jüngsten Buch «Radikale Ungewissheit». Darin setzen sie sich für Entscheidungsverfahren ein, die nicht (bloss) auf Zahlen basieren. Ihrer Ansicht nach treten Wahrscheinlichkeiten nämlich nur bei stabilen und sich wiederholenden Ereignissen auf. Bei allen anderen Ereignissen gibt es entweder keine Wahrscheinlichkeit, sie ist nicht bekannt oder beides zusammen.

Alles, was die Theorie in der Krise – also dann, wenn gute Entscheidungen wichtig sind– bewirke, sei ein falsches Gefühl von Präzision. Zu diesem Zweck decken die beiden Autoren auf, dass viel zu viele Experten mit vermeintlicher Genauigkeit, die zu erreichen jedoch weit ausserhalb ihrer Möglichkeiten liegt, «evidenzbasierte Politik mit politikbasierter Evidenz verwechseln». Dies zeigen sie etwa anhand des Beispiels eines Managers von Goldman Sachs, der dachte, dass die Markteinbrüche, wie sie während der Finanzkrise vorkamen, ein «25-Sigma-Ereignis» seien – und damit so wahrscheinlich, wie ein 22-maliger Gewinn im Lotto in Folge.

Was vorher sicher war, ist in der heutigen Zeit unsicher geworden. Das zeigt uns die Coronakrise. Nun sollen in der Hitze des Gefechts schnellstmöglich Lösungen für die neuen, dringlichen Probleme entwickelt werden. Dabei sind wir mit radikaler Ungewissheit konfrontiert: Daten zu den Fällen sind vage und kaschieren (zu) vieles. Berechnungen in einem genau definierten Bereich sind nicht (mehr) möglich, wir müssen neu lernen, mit Ungewissheit umzugehen.

In einer Krise brauchen wir robuste, antifragile Entscheidungen. Dabei sollten uns schwarze Schwäne in unserem Denken nicht (be-)hindern, denn Schwarz-Weiss-Denken hilft uns hier nicht weiter. Deshalb schlagen Kay und King vor, dass wir in dieser unsicheren Welt mittels Faustregeln, die ein ausreichend gutes Ergebnis zulassen, an Entscheidungen herangehen. Wir sollten uns demzufolge viel öfter die Frage stellen, so die Autoren, «was vor sich geht». Im Moment wissen wir nur, dass uns Covid-19 zutiefst getroffen hat – und zwar unsere Gesundheit als auch Wirtschaft. Aber in beiden Systemen gibt es wohl (noch) keine wirklich festen und solid fassbaren Korrelationen und so können uns die Experten auch keine exakten Kausalzusammenhänge nachweisen.

Mit zunehmender Komplexität der Sachlage nimmt unsere Fähigkeit, präzise und dennoch bedeutende Aussagen machen zu können, nämlich so stark ab, dass sich Präzision und Relevanz gegenseitig ausschliessen. All unsere im Raum stehenden Fragen zur Krise lassen also keine belastbaren Abwägungen mehr zu, wenn sie nur auf Wahrscheinlichkeit beruhen. Das «enfant terrible» der Ingenieurwissenschaften, Bart Kosko, präsentierte schon vor 30 Jahren die «Fuzzytheorie» als denkbare Alternative zu Bewertungen auf der Basis von Wahrscheinlichkeiten. Sie zielt darauf ab, das Unpräzise präzise zu erfassen. Unpräzise Informationen können so als Grundlagen für präzise Entscheidungen dienen. Auf diese Weise können wir umgangssprachliche, meist vage Angaben sowie «Common Sense» in unsere Entscheidungen miteinbeziehen und so wirklich robuste (und hoffentlich antifragilere) Lösungen für Problemstellungen mit radikaler Ungewissheit finden.

Dabei kann die Theorie leicht auch Faustregeln mitberücksichtigen, was bei Unsicherheit äusserst hilfreich sein kann. In der von Unsicherheit geprägten Krisenzeit sollte also nicht vorgegaukelt werden, dass wir exakte Antworten haben, vielmehr sollten wir uns eingestehen, dass wir nicht alles wissen – und das okay ist. Die Hoffnung ist, dass uns die Unsicherheit weiter anspornt, kreativ zu sein sowie Neues auszuprobieren.

Der gebürtige Luzerner Edy Portmann ist Informatikprofessor und Förderprofessor der Schweizerischen Post am Human-IST- Institut der Universität Freiburg.