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Interview

Ökonom Klaus Wellershoff: «Wenn man ständig falsch liegt, fehlt der Mut»

Klaus Wellershoff fordert von seiner Zunft mehr Bescheidenheit. Die vielen Wachstumsprognosen seien wenig treffsicher und führten zu falschen Entscheiden, sagt der Ökonom.
Roman Schenkel
Der Ökonom Klaus Wellershoff. (Bild: PD)

Der Ökonom Klaus Wellershoff. (Bild: PD)

Klaus Wellershoff, wer wird ­Fussballweltmeister?

Wenn ich das wüsste. Ich habe keine Ahnung. Ich glaube, Deutschland wird’s nicht.

Sie wagen keine Prognose?

Nein, der Prognosefehler bei so viel möglichen guten Mannschaften ist ex­trem gross. Ich versuche nur Prognosen zu machen, wenn der Prognosefehler kleiner ist als bei einer Fussball-WM.

Da sind wir schon mitten in Ihrem Thema. Sie hätten die Schnauze voll, Prognosen abgeben zu müssen, haben Sie vor kurzem am Radio gesagt. Weshalb?

Es ist nur mit jugendlichem Leichtsinn zu verstehen, dass es immer noch Leute gibt, die uns Mitte Jahr erklären wollen, wie das Wachstum im nächsten Jahr in der Schweiz oder in Europa werden wird. Es gibt eine überwältigende empirische Literatur dafür, dass die Genauigkeit dieser Prognosen so gering ist, dass sie quasi wertlos sind.

Wie weit liegen die Prognosen denn daneben?

Wenn Ihnen jemand heute sagt, die Schweiz wächst 2019 mit 1,5 Prozent, dann wissen Sie mit 95 Prozent Wahrscheinlichkeit, dass das Wachstum zwischen minus 1,5 Prozent und plus 4,5 Prozent zu liegen kommt. Das kann es ja nicht sein.

Solche Prognosen haben Sie als Chefökonom einer Grossbank jahrelang selber auch gemacht.

Eben, mit jugendlichem Leichtsinn.

Eine Ihrer Fehlprognosen?

Ich dachte, ich hätte im Sommer 2003 die US-Zinswende vorausgesehen. Es gab viele Anzeichen, die darauf hindeuteten. Für eine Finanzpublikation habe ich darauf einen Beitrag geschrieben. Dieser wurde dann aus irgendwelchen Gründen verschoben, und ich habe mich sehr geärgert. Dabei hatte ich Glück: Die Zinsen sanken in der Finanzkrise noch auf viel tiefere Niveaus. Das hätte ich mir nie vorstellen können.

Wieso liegt man so weit daneben?

Man kann es einfach nicht viel besser. Das ist keine Kritik an den Fähigkeiten der Ökonomen. Man kann es nicht besser, weil zu viele Dinge passieren können. Die Weltwirtschaft ist komplex, es gibt politische Einflussgrössen, Umweltfragen können eine Rolle spielen. Diese Dinge können uns vom anvisierten Wachstumspfad abbringen. Wenn man etwas nicht kann, muss man die Demut haben zu sagen, dass man es nicht kann. Dazu sind viele Ökonomen aber nicht bereit.

Letzte Woche haben die Ökonomen des Bundes die guten Konjunkturprognosen für 2018/2019 präsentiert, die Ökonomen der Credit Suisse sprachen in ihrer Prognose von einem «Mini-Boom». Auf der anderen Seite warnten gleichentags die Auguren vom deutschen Ifo-In­stitut, dass sich am deutschen Konjunkturhimmel kräftige Gewitterwolken zusammenbrauen. Wem sollen wir glauben?

Niemandem. Es lohnt sich zu schauen, wie gut die Prognosen in der Vergangenheit waren. Das gibt eine gute Indikation, wie sie in der Zukunft sein werden. In der Vergangenheit hat sich gezeigt, dass wir Ökonomen bei Wachstumsprognosen die kurzfristigen Sachen ganz gut machen können – also von heute an bis Weihnachten. Dann aber kommt der grosse Nebel, wo wir sehr unwissend sind. Wo wir aber wieder sehr gut sind, das ist das durchschnittliche Wachstum über einen Zyklus. Wenn man das Trendwachstum nimmt, sieht man, dass wir da die tiefsten Prognosefehler haben.

Sie schreiben, «grosse Teile meiner Zunft leiden an einem gewaltigen Mangel an Bescheidenheit». ­Bezeichnet man Sie nun als ­Nestbeschmutzer?

Die Reaktionen waren bis jetzt eher im Tenor: «Du hast ja recht, aber wir können ja nicht anders.»

Weshalb nicht?

Es gibt institutionelle Zwänge. Wenn Sie Chefökonom einer Grossbank sind, dann wollen die Chefs, dass Sie Prognosen fürs Wachstum machen. Wenn Sie beim Staatssekretariat für Wirtschaft für die Prognosen verantwortlich sind, dann wissen Sie, dass die anderen Departemente eine Grundlage für die Planung wollen. Da liegt viel Verantwortung nicht nur bei den Ökonomen, die diese Nachfrage bedienen. Sondern auch bei denjenigen, welche diese Nachfrage auslösen.

Man soll auf Prognosen verzichten?

Auf gewisse Studien ja. Die Verantwortlichen sollten realistischer sein.

Wir wollen aber alles ganz genau wissen, insbesondere die Zukunft.

Wer will das nicht, das ist menschlich. Ich schaue mir auch jeden Morgen den Wetterbericht an.

Sind denn schlechte Prognosen nicht besser als keine Prognose?

Nein, dann wägt man sich in falscher ­Sicherheit und fällt die falschen Entscheide.

An irgendetwas müssen sich Staaten, Unternehmen oder Anleger doch orientieren können.

Es ist sehr gut, sich einzugestehen, dass man etwas nicht kann. Dann geht man keine Risiken ein. Eine Konsequenz daraus könnte sein, dass man sich defensiver aufstellt. Als Anleger beispielsweise würde man sagen, wenn ich nicht weiss, was die besten Anlageinstrumente sind, dann tu ich gleichviel in jeden Topf. Ich diversifiziere, ohne Prognosen zu machen. Das führt langfristig zu deutlich höherem Erfolg, das zeigen unsere umfassenden Auswertungen.

Das tönt nach einer ziemlichen Katastrophe für die Finanzindustrie.

Das ist es auch. Wir haben Daten seit den 1990er-Jahren durchgerechnet: Ein Anfänger ohne Finanz- und Ökonomiewissen erzielt in 73 Prozent der Fälle höhere Erträge, wenn er zu gleichen Anteilen in die gängigen Anlagekategorien investiert, als wenn er in die Strategiefonds der Banken investiert hätte. Das muss den Banken gehörig zu denken geben.

Wieso haben Ökonomen Mühe, Trendwenden oder gar Einbrüche vorauszusagen?

Das hat eine Reihe von Gründen. Ein wichtiger Grund ist, dass Prognosen nie extrem sind. Man weiss, dass man nur im kurzen und im ganz langen Bereich genaue Aussagen machen kann. Dazwischen ist es schwammig. Wer unsicher ist, macht auch weniger schnell eine extreme Prognose. Der andere Grund ist, dass Ökonomen in der Regel langsam arbeiten. Die Vorwarnzeit vor Krisen ist aber relativ kurz. Eine Krise kann man nicht ein Jahr zum Voraus erkennen, sondern eher drei bis sechs Monate zuvor. Wenn man da nicht sehr schnell ist, dann ist die Rezession meist schon da, bevor man gesagt hat, dass sie kommt.

Fehlt der Mut?

Wenn man ständig falsch liegt, dann fehlt einem der Mut. Wir begrenzen uns in unserer Firma deshalb auf die Dinge, bei denen wir etwas sagen können. Die sagen wir dann mit Überzeugung. Dann wird man manchmal aber falsch ver­standen.

Zum Beispiel?

Viele Leute glauben, dass wir sehr kritisch mit der Schweizer Nationalbank sind. Uns fällt einfach auf, dass sich das jetzige Direktorium ganz anders verhält als alle früheren.

Inwiefern?

Aktuell haben wir das tiefste Zinsniveau aller Zeiten. Und das in einem Zustand mit Vollbeschäftigung, mit Wachstum, mit normalisiertem Wechselkurs und mit der Aussicht auf weiteres Wachstum. Ein viel positiveres Konjunkturbild kann ich gar nicht zeichnen.

Sie hätten also mit einem Zins­anstieg beziehungsweise mit dem Aufheben des Negativzinses ­gerechnet.

Wenn sich das heutige Direktorium ähnlich verhielte wie ihre Vorgänger, dann hätten wir heute keine Negativzinsen mehr. Wir hatten schon einmal fast ähnlich tiefe Zinsen wie heute, nämlich Anfang der 1980er-Jahre. Das war aber mitten in einer tiefen Rezession. Da war es ökonomisch nachvollziehbar, dass man sagt: Jetzt müssen wir tiefe Zinsen haben, um Investitionen und Konsum anzukurbeln oder um die Währung zu schwächen. Aber wenn wie heute die Wirtschaft läuft, ist es nicht erklärbar.

Die SNB wartet auf eine Zins­bewegung der Europäischen ­Zentralbank EZB.

Diese Interpretation ist meines Erachtens falsch und wird von der SNB seltsamerweise auch bewusst gepflegt. In der Vergangenheit hat die SNB in Zinsfragen ganz unabhängig gehandelt. Die EZB hat ja gerade jetzt entschieden, die Geldschwemme Ende Jahr zu stoppen, die SNB hat das schon im letzten Mai getan. Auch die Negativzinsen hat die SNB vor der EZB eingeführt. Regelmässig ­entscheidet doch die SNB losgelöst von der EZB!

Gehen Sie davon aus, dass die SNB noch dieses Jahr die Zinsen anheben wird?

Zinsprognosen sind extrem schwierig. Nationalbanken sagen einem natürlich auch nicht immer das, was sie denken. Es ist bei der SNB aber schon auffällig, dass sie sich ein ums andere Mal beklagt hat, dass die Immobilienpreise steigen und steigen. Dabei weiss jeder, dass der Grund dafür die tiefe Zinspolitik der SNB ist.

Klaus W. Wellershoff wurde in Wilhelmshaven (D) geboren. Fürs Studium an der Hochschule St. Gallen kam er in die Schweiz. Bis 2009 war er UBS-Chefökonom. Danach machte er sich selbstständig und gründete das Beratungsunternehmen Wellershoff & Partners. Der 54-Jährige ist verheiratet und hat vier Söhne. Kürzlich ist sein Buch «Plädoyer für eine bescheidenere Ökonomie» erschienen. (red)

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