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Berggebiete müssen sich laut einer Studie vom Schneesport emanzipieren

Weil das Skifahren einst kaum noch als Breitensport gelten wird, muss der Wintertourismus auch ohne Skisport funktionieren, sagt eine neue Studie. Schweiz Tourismus versucht trotzdem, Familien wieder fürs Skifahren zu begeistern.
Niklaus Vontobel
Kinder von heute werden nicht mehr mit den Skiferien gross. (Bild: Gabriele Putzu/Keystone (29. Dezember 2017))

Kinder von heute werden nicht mehr mit den Skiferien gross. (Bild: Gabriele Putzu/Keystone (29. Dezember 2017))

Es war der Skisport, der dem Wintertourismus eine Wachstumsexplosion ermöglichte. Nach den Fünfzigerjahren schienen Ski und Winter ohne einander nicht mehr denkbar. Alles fuhr Ski in den Sechzigern, die Zahl der Seilbahnen vervielfachte sich, in den Neunzigern wurden in den Alpen acht von zehn Tourismusfranken im Winter verdient. Doch 2018 behaupten Professoren von der Universität St. Gallen Unerhörtes: Wintertourismus geht ohne Ski, es muss sogar ohne gehen.

Diese These stellt der St. Galler Professor Pietro Beritelli in einer Studie auf, die gestern von der Marketingorganisation Schweiz Tourismus veröffentlicht wurde. «Der Berg» – also die Schweizer Alpenlandschaft – sei eine «touristische Destination, die sich unabhängig vom Wintersport vermarkten lässt». Wintersport und Wintertourismus seien bis jetzt Synonyme gewesen, nun brauche es ein Umdenken. «Auch wenn die Assoziation zwischen Winter und Skisport heute noch dominiert», sagt Beritelli – wohl weil er weiss, dass er trennt, was sich in den Köpfen über Jahrzehnte verknüpft hat.

Lieber Sandstrand als Pulverschnee

Seine These begründet Beritelli mit einer gesellschaftlichen Entwöhnung vom Wintersport. Diese werde sich in den einzelnen Familien über künftige Generationen hinweg nur noch beschleunigen und in den nächsten Jahrzehnten erst richtig «schmerzhaft in den Wintersportgebieten durchschlagen». Beritelli hat sich für seine Studie auf 42 vertiefte Interviews gestützt und 636 ergänzende Onlinebefragungen. Dereinst wachse in der Schweiz eine Generation heran, bei der das Skifahren kaum noch als Breitensport gelte.

Eine oder zwei Wochen Skiferien gehörten in den Achtzigern und Neunzigern für die meisten Kinder und Jugendlichen zu ihrem Winter dazu. Dieser Generation war der Wintersport jedoch oft verleidet, als sie erwachsen wurde: Es muss Pulverschnee und Sonne sein, sonst bleibt man lieber daheim; die Ausrüstung ist zu teuer, zu umständlich; so viele Ferien dafür hergeben mag man nicht. Mancher sonnt sich lieber an thailändischen Stränden.

Diese Entwöhnung vom Wintersport greift in der Folge auch auf die nächsten Generationen über. Und die Kinder von heute werden vielleicht nur mit winterlichen Städtereisen oder Strandurlaub gross. Verknüpft mit der Entwöhnung über Generationen hinweg ist der Klimawandel. Die Schweiz sei wie der übrige Alpenraum überdurchschnittlich von der globalen Erderwärmung betroffen. So sind die durchschnittlichen Temperaturen seit 1850 in der Schweiz um 1,8 Grad gestiegen, weltweit hingegen «nur» um 0,85 Prozent. Dadurch würden schneearme Winter häufiger in tieferen Lagen. Weiter oben verkürze sich die Schneesaison. Im Vergleich zu 1970 fängt die Schneesaison bereits zwölf Tage später an, 25 Tage früher hört sie auf. Im Unterland werden die Nebeltage weniger, die Nebelflucht in die Berge wird seltener.

Diesen Trends wird der Wintertourismus irgendwie begegnen müssen. Gegen die Entwöhnung vom Wintersport werden jedoch Schullager und Skisportlager wenig helfen, so die St. Galler Studie. Diese Erkenntnis dürfte den Bergbahnen nicht gefallen. Mit der Initiative «Gosnow» versuchen sie, Skilager wieder populärer zu machen. Schweiz Tourismus probiert es mit einer neuen Kampagne, die direkt auf die Familien zielt. Rund 12000 Wochenskipässe sollen gratis an Kinder verlost werden. «Kids4free» heisst die Aktion. «Wir müssen die Kinder für den Skisport gewinnen», sagte Direktor Martin Nydegger dazu. Ungleich bedeutender dürfte langfristig sein, dass die St. Galler Studie gerade tiefgelegenen Winterdestinationen zum Umsatteln rät: Wandern oder Biken in den Vordergrund stellen; Gesundheits- oder Bildungstouristen ansprechen. Die Bergbahnen sollen sich als «Zubringer zu Erlebnissen» verstehen.

Abwärtstrend wurde gestoppt

Dass der Wintertourismus sich derart von St. Galler Professoren hinterfragen lässt, hat mit unschönen Langfristtrends zu tun. In den Berggebieten liegt die Zahl der Übernachtungen noch immer zehn Prozent tiefer als in der Wintersaison 2008/2009. Das ist ein verlorenes Jahrzehnt. Indessen boomt der Tourismus weltweit, und manche Destinationen kämpfen gar mit einen Überfluss an Gästen. Geht man noch weiter zurück in der Zeit, zeigt sich: Der Schweizer Wintertourismus hat schon zwei verlorene Jahrzehnte hinter sich. Selbst in den kriselnden Neunzigerjahren wurden mehr Logiernächte verzeichnet. Noch härter als die Hotels traf es die Bergbahnen: An sogenannten «Skierdays» – Ersteintritte in ein Skigebiet – hatte es zuletzt gar 23 Prozent weniger als im Winter 2008/2009.

Immerhin wurde zuletzt der Abwärtstrend der letzten Jahre gestoppt. Dem Schweizer Wintertourismus geht es nicht mehr ganz so schlecht wie ein oder zwei Jahre zuvor. Gemäss den Zahlen des Bundesamts für Statistik verbuchte die Hotellerie in den Berggebieten dank eines schneereichen Winters über 5 Prozent mehr Logiernächte als in der Vorsaison. Und für den kommenden Winter sind die Aussichten nicht schlecht, wenn das Wetter einigermassen mitspielt. Ein Zuwachs von 1,6 Prozent wird für die kommende Saison vorhergesagt. Dabei hilft dem hiesigen Wintertourismus, dass die Konkurrenten in Österreich zuletzt ihre Preise kräftig erhöht haben. Die Schweiz ist preislich konkurrenzfähiger als auch schon.

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