Wer in der Krise Chancen findet, gewinnt

Helbling-CEO Reto Müller aus Dietikon erklärt, wie die Schweiz aus der Wirtschaftskrise herausfindet.

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Schweiz am Sonntag

Von Jürg Krebs

Herr Müller, als VR-Präsident und CEO von Helbling, einem Innovations- und Beratungsunternehmen, kennen Sie sicher den Weg aus der Wirtschaftskrise.

Reto Müller: Vier Punkte sind für mich entscheidend, um die Krise zu überwinden: Erstens, die Schweiz soll die nach wie vor bestehenden Wachstumschancen auf dem Weltmarkt nutzen. Zweitens gilt es, die Refinanzierung der Realwirtschaft zu garantieren. Ich hoffe, die Banken bieten Hand dazu, ansonsten wird es mehr und mehr Firmen geben, deren Finanzierung gefährdet ist. Tun die Banken dies nicht, wird die Zahl der Konkurse und in der Folge jene der Arbeitslosen steigen. Das ist zu vermeiden. Drittens muss der inländische Konsum stimuliert werden. Und viertens gilt es, ein Konjunkturpaket zu schnüren.

Ein Konjunkturpaket? Der Bund verweigerte sich bislang als eines der wenigen Industrieländer dieser Option.

Obwohl ich ein liberal denkender Mensch bin, denke ich, dass in dieser grossen Krise ein Konjunkturprogramm für unser Land besser ist, als nichts zu tun und die Lösung allein der marktwirtschaftlichen Entwicklung zu überlassen. Ein Konjunkturpaket muss viele Wirtschaftszweige erfassen und soll langfristige positive Impulse auslösen.

Was schlagen Sie vor? Steuersenkungen?

Nein, gerade nicht.

Warum nicht, sie gelten doch als bewährtes Mittel in der Krise?

Steuersenkungen animieren heute wohl eher zum Sparen, dabei muss mehr Geld in den Wirtschaftskreislauf gelangen. Der verschuldungslose Konsum darf nicht weiter zurückgehen. Bislang war er von der Krise nicht betroffen, doch nun ist er im letzten Monat erstmals um 6 Prozent gesunken. Es muss wieder «in» sein, zu konsumieren. Dafür wird eindeutig zu wenig gemacht.

Reto Müller

Der 57-jährige promovierte Ökonom lebt seit mehr als 20 Jahren in Dietikon und ist seit 2000 Verwaltungsratspräsident und CEO der Helbling-Gruppe. Dazu gehören die Unternehmensbereiche Technik (Innovations- und Produktentwicklung), Corporate Finance, Management Consulting, Beratung und Bauplanung und IT Solutions. Die Firma mit Hauptsitz in Zürich Altstetten beschäftigt über 400 Mitarbeitende und erzielte 2008 einen Umsatz von über 100 Millionen Franken.
Reto Müller ist zudem Vorsitzender des Regionalen Wirtschaftsbeirates der Schweizerischen Nationalbank, Vorstandsmitglied von Swissmem, aktiver Verwaltungsrat in Industriefirmen und Berater von Verwaltungsräten.
Reto Müller ist verheiratet mit der Grenztierärztin Elisabeth Müller-Forrer. Sie haben drei Kinder: Liliane (1980), Caroline (1982) und Felix (1989).

Denken Sie an die Idee der Gutscheine für die Bevölkerung?

Die Massnahme steht für mich nicht im Vordergrund. Psychologisch könnte sie aber durchaus eine positive Wirkung haben.

200, 300 oder 500 Franken - das Geld ist aber schnell ausgegeben.

Richtig, das Geld ist schnell weg. Doch man darf die Psychologie nicht unterschätzen. Ein Gutschein wäre als Signal, als Aufforderung zum Konsum zu verstehen. Die Leute beginnen aus Angst, das Geld werde knapp, zu sparen, werden zurückhaltend und kaufen von allem etwas weniger. Das hat verheerende Auswirkungen auf die Gesamtnachfrage. Wer in der Krise kauft, begeht tatsächlich eine gute Tat. Er lindert so die harten Auswirkungen der Krise, denen wir entgegensteuern.

Wie animiert man die Leute aber letztlich zum Konsumieren?

Die Schweizer Haushalte können durch günstige Hypothekarzinsen, Verbilligung von wichtigen Importgütern, Einschränkungen von Gebühren und Abgaben und Weiteres mehr entlastet werden. Sie haben dann mehr Geld zum Ausgeben übrig. Zudem sind sie kauflustig, wenn sie neue Produkte «made in Switzerland» sehen, zum Beispiel im Bereich neue Medien und Kommunikationstechnologie. Die Schweizer Industrie verfügt über ein hohes Innovationspotenzial, das gefördert werden kann, um Schweizer Konsumenten anzusprechen und so neue Märkte zu schaffen.

Die Bewältigung der Krise ist also in erster Linie ein psychologisches Unterfangen, kein wirtschaftliches?

Die Krise basiert auf Realitäten, die man nicht verdrängen darf und denen man ins Auge blicken muss. Die Psychologie ist aber Teil der Krise, gerade im Bereich Konsum, also dort, wo jeder Einzelne Einfluss auf die Wirtschaft hat, und deshalb ist sie auch Teil der Lösung.

Welchen Bereich gilt es sonst noch zu fördern?

Möglich sind Förderungsmassnahmen im Bereich Energieeinsparungen, zum Beispiel bei Gebäude- und Bahntechnik. Ferner sollten neue Technologien wie die Umwelttechnologie gefördert werden, die auch im Ausland vermarktet werden können. Schweizer Firmen sollten zu mehr Export animiert und dabei unterstützt werden und auch als KMU etwa vermehrt im bevölkerungsreichsten Land mit der höchsten Wachstumsrate, nämlich in China, Fuss fassen.

In China ist längst nicht mehr alles Gold, was glänzt. Seine Wirtschaft ist zwar nicht gefallen, aber dennoch ins Straucheln geraten.

Trotzdem: China ist mit 8 Prozent Wachstum nach wie vor ein grosser funktionierender Markt, und dies in einer Rezessionsphase der Weltwirtschaft. Das ist eine gewaltige Leistung. Bedenken Sie, dass die europäische Wirtschaft gleichzeitig um 4 bis 6 Prozent schrumpft. In China gibt es folglich Märkte und Beschäftigung, das ist eine Chance für die Schweiz.

Der Bund hat bereits Exportrisikogarantien gesprochen.

Ja, es ist aber mehr möglich. Die Exportindustrie hat es derzeit schwer, wie im Besonderen die Uhren- und die Maschinenindustrie oder der Anlagenbau zeigen, wo die Auftragseingänge enorm eingebrochen sind. Bis diese Unternehmen wieder zu 80, 90 Prozent ausgelastet sind, wird es dauern. Gut laufen hingegen Medizinaltechnik, Energie, Lebensmittel, Pharma, Bahntechnik und Infrastruktur.

Wie geht es aus Ihrer Sicht der Schweizer Binnenwirtschaft?

Diese macht zum guten Teil der Staat aus, der seine Aktivitäten zur Förderung der Wirtschaft wohl ausbauen wird. Die Bauwirtschaft wird verzögert von der Krise betroffen sein. Dann lebt die Binnenwirtschaft zu einem weiteren Teil von der Exportwirtschaft, die, wie gesagt, gefördert werden sollte.

Sie haben die Chancen des Weltmarktes angesprochen. Die Finanzkrise hat gezeigt, dass dieser mangels Kontrollmechanismen aber auch ein enormes Risiko darstellen kann.

Ich glaube nicht, dass mehr Kontrollen durch staatliche Regulierung viel bringen. Ich bin überzeugt, eine nächste Krise wird uns wieder genauso überraschend treffen wie die jetzige.

«Der Spiegel» titelte vor kurzem sinngemäss, der Kapitalismus sei nicht lernfähig. Stimmen Sie dem zu?

Das könnte sein.

Warum denn eigentlich? In der Wirtschaft gibt es doch viele schlaue Köpfe in einflussreichen Positionen?

Diese Frage beschäftigt mich auch. Die Verantwortlichen müssen ihre Geschäfte, Mechaniken und Zusammenhänge wieder fundiert verstehen. Das war in der Finanzbranche zum Teil nicht der Fall, wie wir jetzt wissen. Das ganze Konstrukt war für die Akteure offensichtlich zu komplex. Ganz verheerend war letztlich aber die Multiplikation von Faktoren wie zu hohe Immobilienbelehnung, komplexe Finanzprodukte, falsche Ratings, Herdentrieb in der Anlagepolitik, falsche Anreizsysteme oder zu aggressive Marktanteilsstrategien. Diese Multiplikatoren haben aus einer Branchenkrise eine Weltwirtschaftskrise gemacht. Ein Fehler allein hätte nicht genügt.

Sind die marktwirtschaftlichen Grundsätze durch die Krise nicht infrage gestellt?

Nein. Das grosse Verdienst unserer Marktwirtschaft ist der hohe Wohlstand. Kein anderes System hat sich besser bewährt. Die Marktwirtschaft braucht allerdings politische Stabilität und gesunde Sozialwerke.

Letztere sind in Gefahr, nicht zuletzt wegen Fehlern, die zur Krise führten.

Ich sehe den Lösungsansatz weniger bei der Wirtschaft als vielmehr bei der Förderung von Familien. Das würde die Bevölkerungsstruktur und damit die Finanzierung der Sozialwerke positiv verändern. Zudem werden wir in Zukunft über das jetzige Pensionsalter von 65 Jahren hinaus arbeiten müssen. Ich weiss, das ist nicht populär, doch es geht finanziell nicht anders. Zudem kenne ich viele, die auch im Pensionsalter gerne arbeiten würden, vielleicht im Teilzeitpensum.

Erstaunlich ist: Die Schweiz hatte eine der tiefsten Arbeitslosenquoten und das trotz bescheidenem Wirtschaftswachstum. Ist die Schweizer Wirtschaft gesünder, als man denkt?

Für mich liegt der Grund in einem weit überdurchschnittlichen Arbeitsethos und einem sehr flexiblen Arbeitsmarkt.

Welche Erkenntnis haben Sie aus den letzten eineinhalb Jahren gezogen?

Ausgangspunkt war die Immobilienblase in den USA, das ist bekannt. Damit verknüpft ist, dass die Verantwortlichen keine wirkliche Transparenz für die Geschäftsvorgänge aufzeigen konnten und diese selber teilweise nicht verstanden und zu wenig kontrolliert hatten. Die erwähnten Multiplikatoren sind eine neue Risikokategorie. Das ist in dieser Form auch für mich eine neue Erkenntnis. Für die Zukunft ist deshalb ganz wichtig, dass nicht nur Branchenvertreter mitdenken. Querdenker sind gefragt.

An wen denken Sie?

An ein sehr intelligentes, innovativ denkendes, interdisziplinär und international zusammengesetztes Gremium.

Ist eine der Lehren nicht auch, dass Unternehmen nicht nur für sich und ihre Aktionäre schauen dürfen, sondern mehr soziale Verantwortung tragen und die Gesamtwirtschaft im Auge behalten müssen?

Das würde ich voll unterstützen. Von einer gesamtheitlicheren Sicht würde die ganze Volkswirtschaft profitieren.

Was bedeutet die Krise für das Unternehmen Helbling?

Helbling geht es gut. Der Geschäftsgang liegt sogar leicht über dem Vorjahr, die Beschäftigtenzahl soll auf rund 420 gehalten werden. Damit wird auch ein kleiner Beitrag an die Stabilisierung der Wirtschaft geleistet.

Was ist Ihre Strategie für Helbling in diesem schwierigen Umfeld?

Wir bauen sie auf vier Pfeiler auf: erstens die bestehenden Kundenpartnerschaften pflegen; zweitens im Bereich Innovationsdienstleistungen auf wachsende Segmente fokussieren wie etwa Pharma, Medizinaltechnik, Hausgeräte, Energie, Bahntechnik oder Lebensmittel; drittens setzen wir auf die stärkere Wahrnehmung der Chancen in den grossen Märkten wie Deutschland, USA und China; viertens helfen wir Firmen in schwierigen Situationen mit geeigneten Strategien und Massnahmen, den Konkurs abzuwenden und das Überleben mit einer gesunden Substanz zu sichern. Gerade im letzten Bereich werden wir aktuell von vielen Firmen angefragt.

Es gibt zwei Wege für ein Unternehmen in der Krise: sich einigeln und Personal abbauen oder offensiv neue Wege beschreiten.

Für Helbling wählen wir klar die offensive Variante. Es gibt Vertrauen, wenn man sieht, dass Helbling den Mut hat, die Krise zu attackieren. Das können wir tun, weil Helbling eine sehr solide finanzielle Basis hat und wir aus einer Situation der Stärke heraus agieren können. Personal abzubauen, ist keine kreative Massnahme. Damit geht immer auch ein Kompetenzverlust einher.

Was also ist zu tun?

Zuerst gilt es als Unternehmen, die sich bietenden Chancen zu nutzen. Der Rat an unsere Kunden hängt natürlich von deren Situation ab. Soweit möglich, versuchen wir aber auch dort, Marketing und Innovationen zu beschleunigen. Dadurch sollen Firmen möglichst schnell Erträge erwirtschaften können, was ihre Lage verbessert. Natürlich sind auch in verschiedenen Fällen Kostensenkungsmassnahmen unabdingbar.

Sie glauben an gute Möglichkeiten trotz Krise. Sind Sie nicht etwas zu optimistisch?

Nein. Ich glaube an die Chancen. Was viele vergessen: Selbst in schrumpfenden Märkten und Volkswirtschaften gibt es Wachstumsbereiche - wie jetzt etwa die Kleinwagen. Diese Chancen gilt es zu erkennen und zu nutzen, dann gehört man zu den Gewinnern. Insofern ist auch die Lernunfähigkeit des Kapitalismus zu relativieren: Diese mag das System als Ganzes betreffen. Doch einzelne Unternehmen werden in der Krise durchaus klüger und kommen schliesslich gestärkt aus ihr heraus. Unsere Aufgabe ist es, sie dabei zu unterstützen.

Wie lange wird die Krise Ihrer Meinung nach dauern?

Das ist schwer zu prognostizieren. Wir kämpfen derzeit mit Dominoeffekten der in den USA ausgelösten Krise. Die Krise wird wohl noch eine Zeitlang andauern. Um sie zu lindern, befürworte ich ein Konjunkturpaket.

Können Sie einen solchen Dominoeffekt aufzeigen?

Ein Beispiel: Die Finanzkrise in den USA führte zu gewaltigen Rückgängen der US-Konsumgüterimporte aus China, was dort zu gewaltigen Überkapazitäten und zu einem Schrumpfen der schweizerischen Investitionsgüter-Exporte führte. Dies wiederum führte in diesen Branchen in der Schweiz zu Überkapazitäten und Kostendruck. Die Folgen waren und sind immer noch Entlassungen, steigende Arbeitslosenzahlen und als Ergebnis davon schliesslich sinkender Konsum. Sobald die Nachfrage nach Konsumgütern sinkt, kommt es zu Umsatzrückgängen bei der Konsumgüterindustrie, und es resultieren weitere Entlassungen und noch mehr Arbeitslose, was wiederum den Konsumrückgang verstärkt. Und bis der Konsum nicht deutlich angezogen hat, sind die Produktionskapazitäten nicht ausgelastet, so dass dann auch noch nicht investiert wird.

Ein Teufelskreis.

Ja, und einer der vorläufig bestehen bleibt. Um ihn zu durchbrechen, muss der Konsum gefördert, die Finanzierung der Realwirtschaft weiterhin sichergestellt und ein wirkungsvolles Konjunkturpaket lanciert werden. Das grosse Paket von China zum Beispiel zeigt schon Wirkung.

Wie wird die Schweiz nach der Krise dastehen?

Da bin ich relativ optimistisch. Die Schweiz beweist eine grosse Agilität, gerade bei den Arbeitsmärkten und beim Entwickeln von Innovationen. Allerdings muss sie mehr Mut zeigen und stärker in die wachsenden asiatischen Märkte einsteigen, um die Innovationen auch erfolgreich zu vermarkten. Tut sie dies, wird es uns besser gehen.