Kaiseraugst
«Wer nichts sät, kann nichts ernten»

Kaiseraugst ist ein Zentrum der lukrativen Life-Science- und Biochemie. Dies kommt nicht von ungefähr: Die Gemeinde betreibt seit Jahren ein aktives Standortmarketing und ist Konkurrenzstandorten in der Planung oft einen Schritt voraus.

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«Wer nichts sät, kann nichts ernten»

«Wer nichts sät, kann nichts ernten»

PHA

Patricia Stehlin Hauri

«In Kaiseraugst könnte man jedes Hundehäuschen vermieten», sagt Max Heller. Der Gemeindeammann von Kaiseraugst hat gut lachen: Die in Kaiseraugst angesiedelten Unternehmen der internationalen Pharmachemie tragen wesentlich dazu bei, dass das Fricktal eine Wachstumsregion ist und bis jetzt von der Krise wenig betroffen ist.

Die Gemeinde ist schuldenfrei

Mit den Chemie- und Pharmariesen Roche und DSM hat Kaiseraugst zwei attraktive Konzerne im Dorf. Am kommenden Freitag weiht Roche einen neuen galenischen Produktionsbetrieb ein, in den 200 Millionen Franken investiert wurden. Zudem wird voraussichtlich Mitte 2010 die Solvias AG ihren Hauptsitz von Basel nach Kaiseraugst verlegen und bis zu 300 Arbeitsplätze nach Kaiseraugst bringen. Das Labor- und Bürogebäude für das in der Pharma-, Chemie- und Biotechnologie tätige Unternehmen ist derzeit im Bau.

Auf der Bauverwaltung Kaiseraugst gehen mehr Anfragen von attraktiven Firmen ein, als die Gemeinde bewilligen möchte. Kaiseraugst will nichts überstürzen mit der Überbauung der restlichen Arbeitszone - und die Gemeinde kann sich dies leisten. «Die Gemeinde Kaiseraugst hat keine Schulden», sagt Max Heller, seit bald 16 Jahren Gemeindeammann, nicht ohne Stolz. Die Gemeinde kann es sich sogar leisten, so genannte «Nice-to-have»-Projekte wie den Rückbau der Giebenacherstrasse für fast 2 Millionen Franken anzugehen.

Qualität vor Quantität

Der Erfolg kommt aber nicht von ungefähr. Kaiseraugst verfügt zwar über ein grosses Gebiet, das äusserst attraktiv an der Verkehrsachse Basel-Zürich und nahe am Grenzübergang Rheinfelden liegt. Dessen Entwicklung hat die Gemeinde aber von Beginn an sorgfältig begleitet und nie dem Zufall überlassen.

Eine nachhaltige Entwicklung unter der Maxime «Qualität vor Quantität» war von Beginn an das Ziel. Etwa die Hälfte dieses rund 60 Hektaren grossen so genannten Arbeitszonenareals ist überbaut. 28 Hektaren sind noch unbebaut. Dazu gehört das ganz im Osten gelegene, 9 Hektaren grosse Gebiet «Aurica», auf dem in den 70er- Jahren ein Atomkraftwerk geplant war. Pläne für eine Bebauung existieren nicht, das Areal ist fertig erschlossen, die Gemeinde könnte umgehend Baubewilligungen erteilen. Aber vorerst stehen die Zeichen auf Stillstand, es besteht ein Planungs- und Verkaufsstopp. «Uns ist das recht», sagt Heller.

Auch als Wohnort beliebt

Die Aktiensteuern vorab von Roche und DSM spülen jährlich Millionen in die Gemeindekasse (2008: Quellensteuereinnahmen 3,7 Mio. Franken, Aktiensteuereinnahmen 6,9 Mio. Franken). In den vergangenen Jahren konnte Kaiseraugst den Steuerfuss kontinuierlich senken, von 100 Prozent im Jahr 2004 auf aktuell 82 Prozent. Das macht Kaiseraugst auch als Wohnort attraktiv. Neben dem alten Dorfteil, in dem 1700 Einwohner leben, hat sich in den vergangenen Jahren auch das Arbeitszonenareal zu einem beliebten Wohngebiet entwickelt, in dem inzwischen rund 3500 Einwohner leben. Wenn der zweite Teil der Wohnbauprojekte Römergarten fertig ist, werden es noch mehr sein.

Die Überbauung des Römergartens ist ein Beispiel dafür, wie sich die Gemeinde für die Entwicklung ihres Standortes einsetzt. Lange bevor ein Investor für das Areal in Aussicht war, beschlossen ein Architekt, der Landbesitzer und die Gemeinde, je 250 000 Franken in einen Topf zu geben, um ein Überbauungs- und Nutzungskonzept zu erarbeiten. Als Solvias in Kaiseraugst einen Standort suchte, war die Gemeinde vorbereitet und die Baubewilligung konnte schnell erteilt werden. Die Gemeinde kostete die Ansiedlung dieses innovativen Unternehmens schliesslich nur 20 000 Franken.

«Wenn der Bauer nicht sät, kann er nicht ernten», umschreibt Heller die Vorwärtsstrategie, die seine Gemeinde verfolgt, und unterlässt es nicht, einige andere Gemeinden zu tadeln: «Es gibt Gemeinden, die nur jammern und nichts unternehmen.»

Master- statt Gestaltungsplan

Mit Landeigentümern und Investoren am Tisch zu sitzen und die Interessen der Gemeinde zu vertreten, hält Heller auch für wichtig, um nicht von den Wünschen der Investoren überrascht zu werden. Statt auf einen Gestaltungsplan setzt die Gemeinde lieber auf einen rechtlich weniger verbindlichen Masterplan, bei dem flexibler geplant werden kann. «Dazu braucht es aber zuverlässige Partner», erklärt Heller. Roche zum Beispiel konnte so innerhalb von nur sieben Monaten in Kaiseraugst 300 neue Büroarbeitsplätze bauen.

Nicht noch mehr Verkehr

Das ganze Arbeitszonenareal als Betonfläche - das entspricht nicht den Vorstellungen der Kaiseraugster. Gemäss Bau- und Nutzungsordnung ist das ganze Gebiet ökologisch vernetzt. Darin ist auch festgelegt, dass auf dem Areal keine Einkaufszentren und Logistikzentren gebaut werden dürfen. Firmen auf Standortsuche wie Ikea erhielten von der Gemeinde eine Absage.

Früher existierten auch Pläne für ein Erlebniscenter, ähnlich wie jetzt eines beim nahen Autobahnzubringer in Rheinfelden angedacht ist. Heller hält von den Rheinfelder Plänen nichts, vor allem nicht vom drohenden Verkehrsaufkommen. «Jahrelang haben wir in Kaiseraugst beim Verkehr Rücksicht genommen auf die Nachbargemeinden», sagt er. Heute fahren täglich 15 000 Autos durch Kaiseraugst, das reiche. «Grüssen lässt grüssen», pflegt Heller in Anspielung auf die verkehrsbelastete Einkaufs- und Gewerbezone in Pratteln zu sagen.