Baselworld
Wer will noch nach Basel? Die Zukunft der Uhrenmesse steht auf dem Spiel

Die diesjährige Baselworld steht im Zeichen ihrer Krise. Die Uhrenhersteller liebäugeln mit anderen Messen. Und die könnten Basel den Rang ablaufen.

Stefan Schuppli
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Kleinere Messe heisst leere Flächen: Die Reduktion der Baselworld drückt auf den Geschäftsverlauf der gesamten MCH Group AG.

Kleinere Messe heisst leere Flächen: Die Reduktion der Baselworld drückt auf den Geschäftsverlauf der gesamten MCH Group AG.

Keystone

Es bläst eine eiskalte Bise über den Messeplatz in Basel. Das stimmt wörtlich. Und sprichwörtlich. Die Baselworld, Weltmesse für Uhren und Schmuck, erleidet in diesem Jahr einen noch nie da gewesenen Einbruch. Die Zahl der Aussteller hat sich gegenüber dem Vorjahr von 1300 auf 650 Firmen halbiert.

Vor fünf Jahren, als mit Glanz und Gloria das neue Messegebäude eröffnet wurde, schien die Welt noch in Ordnung. Freilich gab es schon damals Anzeichen, dass es möglicherweise nicht immer so erfolgreich weitergeht. Bereits 2017 blieben 200 Aussteller der Messe fern. Die Reaktion der Baselwolrd, die Messe um zwei Tage zu verkürzen, begrüssten die Aussteller zwar einhellig. Allzu viel jedoch scheint es nicht geholfen zu haben.

Eindrücke von der Baselworld:

Baselworld 2018 Impressionen
26 Bilder
Baselworld 2018 Blick in eines der Schaufenster von Rolex
Baselworld Press Day 2018
Baselworld 2018 Ein Aquarium des deutschen Uhrenherstellers Sinn, in dem Wasserdichte und Entspiegelung der Uhren unter Wasser gezeigt werden.
Baselworld 2018 Volker Wiegmann vom deutschen Uhrenhersteller Sinn
Baselworld 2018 Ein Montageroboter bei der Firma Rebellion
Baselworld 2018 Der Stand von Louis Moinet
Baselworld 2018 ...
Baselworld 2018 Pflanzentransport...
Baselworld 2018 Einräumen bei Arnold&Son
Baselworld 2018 Swarovski
Baselworld 2018 ...
Baselworld 2018 ...
Baselworld 2018 Rebellion hat vor dem Eingang zu Les Ateliers in einem Container ein Rennauto stehen
Baselworld 2018 Blumendekoration beim Stand von Messika
Baselworld 2018 Blick in Richtung Swarovski
Baselworld 2018 Selbst am Pressetag gab es Trommeln zur Eröffnung
Baselworld 2018 Bei Roberto Coin werden die Schaufenster noch dekoriert
Baselworld 2018 Blick in die Auslage von Patek Philippe
Baselworld 2018 ...
Baselworld 2018 Impressionen
Baselworld 2018 ...
Baselworld 2018 Der Stand von Tudor
Baselworld 2018 ...
Baselworld 2018 ...
Baselworld 2018 Blick in eines der Schaufenster von Rolex

Baselworld 2018 Impressionen

Kenneth Nars

Krise als Erfolgsgeschichte

Was ist da nur passiert? An der Medienkonferenz am Mittwoch gab sich die Messeleitung wortkarg. Die Branche sei weltweit im Umbruch, sagte Messeleiterin Sylvie Ritter. Besonders die nicht so gut positionierten Firmen befänden sich in Schwierigkeiten. «Es ist ein Konzentrationsprozess im Markt zu beobachten, sowohl bei den Produzenten als auch im Handel», sagte sie in einem Gespräch mit der «Nordwestschweiz». Auch die zunehmende Digitalisierung wirke als Katalysator.

Sylvie Ritter versucht, dem Debakel positive Seiten abzugewinnen: «Wenn man als Messe mit einem solchen Prozess konfrontiert ist, gibt es zwei Arten, wie man reagieren kann: Entweder gehen Sie in die Breite, das heisst Sie versuchen, möglichst viele Aussteller zu gewinnen.» Dann habe man aber kein klares Konzept mehr und verlöre allenfalls das Vertrauen der weltbekannten Marktleader. «Oder aber Sie setzen kompromisslos auf Qualität und versuchen, die Besten der Branche aus allen Bereichen zu versammeln.»

Uhrenexporte ziehen an

Dass es der Baselworld wegen des Zustands der Branche schlecht gehen soll, erstaunt trotzdem. Die Weltkonjunktur ist derzeit weltweit in einem synchronen Aufschwung, von dem auch die Uhren- und Schmuckindustrie profitiert. In der Schweiz hat sich das bereits in positiven Exportzahlen niedergeschlagen. Diese haben im Januar und Februar um 12,8 Prozent zugelegt, nach einer Zunahme von immerhin 2,7 Prozent im Jahr 2017. «Die Uhrenindustrie wird dieses Jahr zwischen fünf und sieben Prozent wachsen», prophezeit Jean-Claude Biver, Chef der Uhrensparte im französischen Luxuskonzern LVMH (Hublot, TAG Heuer, Zenith). «Der Aufschwung hat gerade erst begonnen», so Biver im «Handelsblatt».

Wirtschaftliche Schwierigkeiten? Fragt man Aussteller, bekommt man vielfach andere Geschichten zu hören. Schon vor Jahren klagten sie über exorbitante Standmieten und überrissene Hotelpreise. Doch im Banne des Erfolgs der Messe wurden sie nicht ernst genommen. In den Aussagen der Aussteller schwingt viel Frustration über mangelndes «Servicebewusstsein» mit. Zusammen mit dem bestehenden Preisdruck ergibt das einen giftigen Cocktail.

Gleichzeitig legt die Genfer Uhrenmesse SIHH um etwa einen Drittel zu. Gelten für diese – allerdings viel kleinere – Messe nicht die gleichen wirtschaftlichen Realitäten? Dazu Baselworld-Leiterin Sylvie Ritter: Auf dem SIHH zeige die Richemont-Gruppe ihre Neuheiten, gemeinsam mit wenigen anderen Marken, «während die Baselworld die Branche in ihrer ganzen Vielfalt präsentiert – anhand der erfolgreichsten und begehrtesten Marken ihres jeweiligen Segments.»

Abgewendet von der Baselworld hat sich zum Beispiel die Uhrenmarke de Witt. «Es ist ein enormes Investment und es wurde zu verstreut, zu gross und zu hektisch. Man wird dauernd von Leuten belästigt, die verkaufen wollen, während man ja selbst verkaufen will», sagen Viviane und Jérome de Witt von der gleichnamigen Uhrenfirma. Der Umzug nach Genf sei teuer gewesen, aber habe sich gelohnt: «Genf war ein riesiger Erfolg. Das ist der Ort ‹to be›, nicht mehr Basel», sagen die Besitzer Viviane und Jérome de Witt.

Biver rüttelt wach

Jean-Marc Biver ist im Prinzip ein Baselworld-Fan und hat in der Vergangenheit immer wieder die Wichtigkeit der Baselworld hervorgehoben. «Da kommen Menschen zusammen, es braucht diese persönlichen Kontakte», sagt er. Doch Saftwurzel Biver nimmt auch kein Blatt vor den Mund, wenn es um Missstände geht: «Die Messe muss sich etwas einfallen lassen. Man kann nicht alles so machen, wie man es immer gemacht hat», so Biver. Die Tatsache, dass Firmen der Ausstellung fernblieben, sei eine Warnung. «Heute ist es noch nicht dramatisch. Es wird dramatisch, wenn die Messe nichts dagegen tut. Und wenn grosse Aussteller wegbleiben, die im Markt sehr wichtig sind und einen grossen Marktanteil haben – wie die Swatch Group. Oder wenn Rolex oder Patek Philippe fernbleiben: «Dann haben wir ein echtes Problem.» Und Biver sagt das, was die Uhrenindustrie und die Aussteller schon längst und immer wieder verlangen: Die Baselworld soll mehr oder weniger gleichzeitig zur Genfer SIHH stattfinden. «So, dass der Kunde nur einmal in die Schweiz reisen muss. Sind wir so arrogant, dass wir sagen, der Kunde muss zweimal kommen? Aus China? Zweimal nacheinander? Das geht doch nicht? Das sind einfach Dinge, da muss man sich anpassen.» Auch im Handel hört man kritische Stimmen.

Ernst Adam, Juwelier in Olten und langjähriger Einkäufer an der Baselworld, sagt: «Das hat sich über Jahre angebahnt. Ich bin enttäuscht von dieser Messeleitung, dass man nicht fähig gewesen ist, das Ruder herumzureissen. Ich habe auch den Quervergleich, ich besuche die Inhorgenta-Messe in München. Die Zuvorkommenheit gegenüber dem Einkäufer und die gebotenen Leistungen stehen in krassem Kontrast zu dem, was in Basel geschieht. Ich habe hier keine Efforts gesehen.» Was sich geändert habe: Die Eintritte seien höher geworden.
Ähnlich negative Feedbacks hat Adam von seinen Lieferanten erhalten. Standwünsche wurden über Jahre nicht berücksichtigt, die Standgebühren wurden verteuert, die Kreativen wurden vertrieben.» Jetzt hafte der Leitung der Ruf der Arroganz und Überheblichkeit an.

Das Argument, dass der Wegzug mit dem Online-Handel zu tun habe, kann der Detaillist Adam in keiner Art und Weise nachvollziehen. «Jeder bedeutende Uhren- oder Schmuckhersteller wünscht sich, in dieser komprimierten Art so viele Kunden aus der ganzen Welt zu sehen, seine Produktion zu steuern und den Puls zu fühlen.» Ganz unabhängig davon, über welche Vertriebskanäle er seine Produkte absetzt. «Ja, warum nicht Genf?», fragt er sich. Er würde dort letztlich auch auf de Witt treffen. «Ich sehe eine Chance, dass Genf noch mehr Marken aufnehmen kann. Ich persönlich würde es begrüssen, wenn alles in Genf integriert würde», sagt Adam. Ja, die Bise, die derzeit über Basel bläst, ist wirklich kalt.