Weshalb Zürich seine Tourismusdaten allen zur Verfügung stellt

Als erste Tourismusorganisation hierzulande arbeitet Zürich Tourismus mit Open Data. Das soll falsche Darstellungen verhindern und Stratups die Möglichkeit bieten, neue Geschäfte zu entwickeln.

Andreas Lorenz-Meyer
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Eine Schifffahrt im Zürcher Seebecken steht bei Touristen hoch im Kurs. (Patrick B. Kraemer/Keystone)

Eine Schifffahrt im Zürcher Seebecken steht bei Touristen hoch im Kurs. (Patrick B. Kraemer/Keystone)

Im Sommer machte Zürich Tourismus seine Daten frei zugänglich. Daten zu Attraktionen, Restaurants, Hotels, Bars, Einkaufsläden, Ausflugszielen. Sie dürfen bearbeitet und kommerziell ­genutzt werden. Man will die Daten nicht nur in den eigenen Kanälen nutzen, erklärt Mediensprecher Ueli Heer. Sie sollen allen zur Verfügung stehen.

«Für uns ist es wichtig, dass die korrekten Informationen dort vorhanden sind, wo sich User ihre Informationen besorgen.» Zwar kommen jedes Jahr mehr Besucher auf die eigene Website. «Dieser Informationskanal deckt aber nur einen kleinen Teil der Informationsquellen ab.» Es geht auch darum, Verzerrungen zu vermeiden.

Wie schnell falsche Informationen im Netz kursieren, zeigte sich beim Lindenhof-Park, der auf der Plattform Arrival Guides aussah wie ein Friedhof. Dabei handelt es sich um einen Zürcher Hotspot mit wunderbarer Aussicht, so Heer. «Sind die Daten frei verfügbar, können wir das Bild von Zürich positiv beeinflussen. Wenn man bedenkt, dass diese Informationen bei vielen Airlines eingebunden sind, sieht man das Potenzial offener Daten.»

Die Entwicklung geht laut Heer immer mehr in Richtung datenbasiertes Tourismusmarketing. Das meint auch Jakub Samochowiec, Senior Researcher am Gottlieb-Duttweiler-­Institut, der die Digitalisierung im Tourismus beobachtet. «Destinationen stehen oft vor der ­Entscheidung, auf eigene Webseiten und Apps zu setzen oder alles von Booking.com, Tripadvisor oder Google verwalten zu lassen.»

Open Data als Ausweg

«Mit den grossen Plattformen ­erreicht man zwar mehr Menschen, macht sich von diesen ­digitalen Monopolen aber auch abhängig. Open Data bietet einen Ausweg aus diesem ­Dilemma.» Es schafft eine Situation, in der viele Akteure – ­Buchungsplattformen, Sprachassistenten, spezialisierte Apps – die Koordination von Destinationsdaten und Gästen übernehmen können. Die Destinationen machen sich so unabhängig von monopolistischen Plattformen. Ein zentrales Element ist für ­Samochowiec ein überregional einheitlicher Datenstandard. Will eine Destination mit Open Data für möglichst viele Apps und Assistenten sichtbar sein, muss sie sich mit anderen auf einen solchen Standard einigen. So, wie man sich bei Webseiten auf den HTML-Standard geeinigt hat, damit alle Browser die Seiten lesen können.

Die Einheitlichkeit erlaubt es Dritten, einfach neue Apps zu programmieren. Etwa eine App für Menschen mit Gehbehinderungen, die rollstuhlfreundliche Restaurants und Wanderwege anzeigt. Es geht bei Open Data immer um digitale Sichtbarkeit – und die wird laut Samochowiec auch wegen der Sprachassistenten noch wichtiger. Fragt ­jemand Siri, welche Badeseen in der Nähe über 18 Grad warm sind, dann ist es im Sinne der Destination, dass sie diese Information einfach findet.

Werden die Daten zum eigenen See nicht in einem einheitlichen Standard angeboten, empfehlen Sprachassistenten einen anderen Badesee. «Man ist dann für den Assistenten ­unsichtbar. Es ist, als ob man gar nicht existieren würde.» Offene Daten in einem gemeinsamen Standard sind auch in puncto Werbung nützlich. Werbebotschaften werden im digitalen Raum zunehmend auf den ­einzelnen Gast zugeschnitten. «Dieses genaue Targeting kann die Tourismusregion selbst nicht vornehmen, da sie die potenziellen Gäste in der Regel nicht kennt.» Je mehr Daten sie selbst zur Verfügung stellt, desto besser können Social-Media-Plattformen oder digitale Assistenten beurteilen, ob eine Destination für einen potenziellen Gast überhaupt in Frage kommt und sich die Bewerbung lohnt.

Das Reiseland Schweiz hat viel Nachholbedarf bei Open Data, findet Samochowiec. Man tue sich momentan schwer ­damit, auf nationaler oder gar internationaler Ebene gemeinsame Lösungen zu erarbeiten. «Zum einen ist das Thema komplex, und kleinere Tourismusorganisationen haben nicht die gleichen Kompetenzen wie grössere. Zum anderen ist in der Schweiz der Föderalismus ausgeprägt, was solche gemeinsamen Entwicklungen verlangsamt.» Letztlich profitieren bei Open Data die Destinationen, die mit anderen zusammenarbeiten.