Der Wettbewerb um Fachkräfte spitzt sich zu

Die Schweizer Unternehmen haben volle Auftragsbücher. Doch um all die bestellten Güter herzustellen, fehlt es vielen an ausreichendem Personal. Es hagelt Stelleninserate für IT-Spezialisten.

Rainer Rickenbach
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Auf ihren eigenen Internetseiten suchen die Unternehmen händeringend nach Fachkräften. Das Personalberatungsbüro Michael Page zählt diese Stelleninserate in eigener Sache auf den Firmenseiten seit sechs Jahren und kommt zum Schluss, dass die Rekrutierungsbemühungen auf einem neuen Höhepunkt sind. «Die Nachfrage nach Spezialisten hat einen Punkt erreicht, an dem Topkandidaten mit den gefragtesten Fähigkeiten mehrere Angebote erhalten», sagt Nicolai Mikkelsen, Chef von Michael Page in Zürich.

Das gelte insbesondere für Berufsleute mit Fachkenntnissen in den Bereichen Pharma und Spezialitätenchemie, Transport, Logistik, Informationstechnologie (IT) und Vertrieb. Auch Treuhänder und Hausabwarte können zwischen Jobangeboten wählen.

Hochkonjunktur erreicht neue Regionen

Die Stellenausschreibungen auf den Firmen-Webpages nahmen während des Zeitraumes vom 15. Oktober bis 15. November im Vergleich zum Frühherbst um 3,7 Prozent zu (siehe Grafik). Die Ausschreibungen auf den eigenen Sites sind aussagekräftiger als diejenigen der Jobportale, da die meisten Unternehmen dort sämtliche freie Stellen aufschalten.

Die Suche nach Fachkräften steigert sich indes regional unterschiedlich. Dass in erster Linie in der Ostschweiz, der Zentralschweiz und im Mittelland Leute fehlen und ausgerechnet in den Wirtschaftszentren Zürich, Basel und Genf die Zunahme der Stellenausschreibungen vergleichsweise gering oder gar rückläufig ausfällt, dürfte den Wellenbewegungen der Konjunktur geschuldet sein. «Eine mögliche Erklärung dafür könnte sein, dass die seit 2017 anziehende Konjunktur in Wirtschaftszentren wie Zürich oder Basel auf dem Arbeitsmarkt zuerst spürbar ist. Dort werden schon länger zahlreiche Jobinserate geschaltet. Inzwischen ist der Engpass auch in peripheren Gebieten angekommen», sagt Simon Wey, stellvertretender Leiter des Ressorts Arbeitsmarkt beim Schweizerischen Arbeitgeberverband. Für ihn kommt die Zuspitzung des Fachkräftemangels nicht überraschend. «Dieser Engpass hat sich abgezeichnet, denn der Schweizer Wirtschaft geht es zunehmend besser.»

«Besonders eindrücklich ist der Rückgang der Zuwanderung aus Deutschland.»

Im benachbarten Ausland, von wo bis vor ein paar Jahren zahlreiche gut ausgebildete Berufsleute in die Schweiz strömten, entstanden ebenfalls zahlreiche attraktive Stellen. Viele der bisherigen Zuwanderungsländer sehen sich selbst mit einem akuten Fachkräftemangel konfrontiert. «Besonders eindrücklich ist der Rückgang der Zuwanderung aus Deutschland», so Wey. Mit der alleinigen Zuwanderung aus EU-Ländern lasse sich der Mangel ohnehin nicht meistern. Den Unternehmen blieben zwei Auswege offen: Die Automation voranzutreiben und das Arbeitskräftepotenzial im Inland besser auszuschöpfen. Er denkt an die älteren Arbeitskräfte und die vielen gut qualifizierten Mütter, die gerne mehr arbeiten würden, es aber wegen ungenügender Kinderbetreuungsangebote nicht täten.

Wie stark zum Beispiel Industrieunternehmen unter Druck stehen, machte kürzlich Schindler-Schweiz-CEO Patrick Hess in einem Interview in dieser Zeitung deutlich (Ausgabe vom 17. November). «Insbesondere in der Montage finden wir nicht genug Leute. Aktuell haben wir rund 40 offene Stellen. In den letzten zwei Jahren hat sich der Fachkräftemangel für uns verschärft.»

Der Wettbewerb um Arbeitskräfte widerspiegelt sich auch in der Arbeitslosenstatistik des Seco. Die Quote verharrt in diesem Herbst bei tiefen 2,4 Prozent, obwohl sie in dieser Jahreszeit üblicherweise wächst.