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WETTBEWERBSFÄHIGKEIT: Auf der Suche nach dem Erfolgsmodell

Die Schweiz belegt zum neunten Mal in Folge den Spitzenplatz im WEF-Ranking der wettbewerbsfähigsten Länder. Doch daraus ein Rezept für wirtschaftlichen Erfolg abzuleiten, ist gar nicht so einfach.
Daniel Zulauf
Föderalismus birgt oft volkswirtschaftliche Vorteile. Im Bild das Schloss Chillon, beleuchtet von Lichtkünstler Gerry Hofstetter. (Bild: Dominic Favre/Keystone (Montreux, 3. März 2008))

Föderalismus birgt oft volkswirtschaftliche Vorteile. Im Bild das Schloss Chillon, beleuchtet von Lichtkünstler Gerry Hofstetter. (Bild: Dominic Favre/Keystone (Montreux, 3. März 2008))

Daniel Zulauf

Jeder ist seines Glückes eigener Schmied, finden die Befürworter einer Abspaltung Kataloniens vom spanischen Zentralstaat. In Madrider Regierungskreisen sieht man die Absetzungsbestrebungen der Region selbstredend ganz anders: Die Katalanen seien unsolidarisch mit dem Rest des Landes und ­Rosinenpicker dazu. Fakt ist: Der wirtschaftliche Erfolg Kataloniens liegt weit über dem spanischen Durchschnitt. Es ist eine der reichsten Regionen in der Europäischen Union und nicht die einzige dieser Art, die sich die politische Unabhängigkeit wünscht.

Der emeritierte St. Galler Wirtschaftsprofessor Franz Jaeger hat grosse Sympathien für den Widerstand der Wohlhabenden gegen das zentralistische Diktat des Binnenmarktes. Seine vermutlich primär politischen Motive unterfüttert er mit einer wirtschaftlichen ­Erklärung, die er in einem vor wenigen Monaten unter dem Titel «Kleinstaat Schweiz – Auslauf- oder Erfolgsmodell» erschienenen Aufsatzband (NZZ Libro, 2017) niedergeschrieben hat. Jaeger vertritt darin die Ansicht, dass Kleinstaaten «genuin gute Karten haben, um im wohlfahrtsökonomischen Wettbewerb mit den Grossstaaten die Nasen vorn zu ­haben». Die politische Entscheidungsfindung sei effizienter – mindestens in demokratisch organisierten Kleinstaaten –, die urbanen Strukturen produktivitätsfördernd und die universelle Offenheit wohlstandstreibend.

Kleine Volkswirtschaft, grosser Vorteil?

Kleine offene Volkswirtschaften hätten auch genuine Vorteile im internationalen Wettbewerb, weil sie sich naturgemäss stärker an der Konkurrenz aus dem Ausland zu orientieren hätten, argumentiert Jaeger. Zum Beweis seiner Aussagen verweist er auf den Index der wettbewerbsstärksten Länder der Welt, wie ihn der ökonomische Think-Tank des Davoser Wirtschaftsforums (WEF) seit mehr als 30 Jahren nachzeichnet. In der aktuellen Rangliste, die in der vergangenen Woche veröffentlicht wurde, steht die Schweiz zum neunten Mal in Folge an der Spitze der 137 untersuchten Länder. In Sachen Innovationsfähigkeit, betriebliche Standortattraktivität und Arbeitsmarktflexibilität ist die Schweiz laut WEF-Index Weltspitze – das sind drei von zwölf Hauptkriterien. In anderen Bereichen wie Bildung, Infrastruktur, Staatshaushalt und technologischer Entwicklungsgrad steht das Land ebenfalls in den vordersten Rängen.

Der Befund ist natürlich erfreulich und plausibel dazu. Schliesslich sind die Schweizerinnen und Schweizer mit einem Netto-Geldvermögen von durchschnittlich gegen 170000 Franken pro Kopf die Reichsten der Welt, wenn man dem soeben publizierten «Global Wealth Report» des Allianz-Konzerns Glauben schenken will.

Eine zweifelsfreie Herleitung der Gründe für die Spitzenstellung der Schweiz im Wettbewerbsindex lässt der «Global Competitiveness Report» des WEF aber nicht zu. Ein bekanntes Problem ist die Messmethode, die stark auf Befragungen von Managern abstützt. So ist zum Beispiel nicht eindeutig feststellbar, ob und wie die positiven Bewertungen der Schweiz mit der hiesigen Wirtschaftspolitik zusammenhängen. Führt der wirtschaftliche Erfolg zu einem Spitzenplatz im Wettbewerbsindex, oder ist die Kausalität genau umgekehrt?

Jaeger sieht seine These unter anderem darin bestätigt, dass in der Wett­bewerbsrangliste einige andere Kleinstaaten neben der Schweiz Spitzenränge belegen. Singapur steht auf dem 3. Rang, die Niederlande sind auf dem 4., Hongkong ist auf dem 6. und Finnland auf dem 10. Platz vertreten. Doch die schlechteren Platzierungen anderer Kleinstaaten wie Malta (37.), Luxemburg (19.) oder Island (28.) stehen diesem Rückschluss entgegen.

Föderalistische Staaten können punkten

Einen anderen Ansatz verfolgen die ­beiden Wirtschaftsprofessoren Lars P. Feld (Universität Freiburg i. Br.) und Christoph Schaltegger (Universität Luzern). Die beiden haben sich ebenfalls das WEF-Ranking angesehen und dabei festgestellt, dass sich dort auffallend viele Bundesstaaten mit föderalistischen Strukturen auf guten Plätzen finden. So figurieren hinter der Schweiz die USA auf dem 2., die Bundesrepublik Deutschland auf dem 5. und Kanada auf dem 14. Rang. Zentralistische Staaten wie Spanien (34.), Frankreich (22.) oder Italien (14.) liegen dagegen weit zurück. Doch auch hier ist das Bild gar nicht einheitlich. Grossbritannien hätte nach der These, dass föderalistische Länder zwingend eine bessere Wettbewerbsfähigkeit erreichen müssen als zentralistische Staaten, nichts auf dem 7. Ranglistenplatz verloren.

Mindestens theoretisch liegen die Vorteile des Föderalismus auf der Hand. Schaltegger und Feld erklären: «Der Föderalismus erlaubt erstens die dezentrale Erfüllung von Staatsaufgaben, sodass öffentliche Leistungen an regional unterschiedliche Bedürfnisse angepasst werden können. Die daraus resultierenden Unterschiede im Leistungsangebot stärken zweitens die Innovationsfreude und den interkantonalen Wettbewerb, der wiederum die wirtschaftliche Entwicklung begünstigt. Drittens bedeutet ­Dezentralisierung und Fragmentierung Machtteilung und stärkt damit die Checks and Balances im Bundesstaat.»

Einer unlängst von Schaltegger und Feld in Buchform veröffentlichten Studie über «Föderalismus und Wett­bewerbsfähigkeit in der Schweiz» (NZZ Libro, 2017) fällt es allerdings nicht ganz leicht, diese Vorzüge in der Schweiz nachzuweisen. Die wirtschaftlichen Vorteile für die gesamte Volkswirtschaft aus dem interkantonalen Steuerwettbewerb werden durch den Finanzausgleich mindestens teilweise wieder vernichtet. Die Fragmentierung der Gebietskörperschaften in allzu kleine Einheiten (Gemeinden, Kantone) kann hohe Kosten verursachen. Dafür scheint sich der Föderalismus eindeutig positiv auf die Staatsfinanzen auszuwirken.

Schaltegger und Feld forschen in einem wichtigen Bereich im Wissen darum, dass sie niemals eine abschliessende Erklärung für das wirtschaftliche Erfolgsmodell der Schweiz finden werden. Das ist eine gute Nachricht, denn letztlich kann jedes Modell nur so gut sein wie seine Anwender. Deshalb koexistieren wettbewerbsfähige Gross- neben erfolgreichen Kleinstaaten und erfolgreiche Bundesstaaten neben leistungsstarken Zentralstaaten. Und deshalb können sich auch die Katalanen nicht sicher sein, dass sie im Alleingang erfolgreicher sein werden denn als Teil Spaniens.

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