Interview

Wie das Corona-Virus die Arbeit verändert

Hunderttausende Angestellte arbeiten derzeit im Home-Office. Das wirft Fragen auf. Ein Arbeitsrechtsexperte beantwortet die wichtigsten.

Interview: Gabriela Jordan
Drucken
Teilen
Kleinkinder, Schüler, Eltern: viele von Ihnen sind momentan alle zu Hause.

Kleinkinder, Schüler, Eltern: viele von Ihnen sind momentan alle zu Hause.

Keystone

Für zahlreiche Arbeitgeber und Angestellte ist die aktuelle Arbeitssituation neu. Roger Rudolph, Professor für Arbeitsrecht an der Universität Zürich, gibt Antwort auf einige Fragen.

Darf mir mein Chef Home-Office verbieten oder anordnen?

Roger Rudolph: Das kommt darauf an. Generell gibt es eigentlich keinen Rechtsanspruch auf Home-Office. Aber: Wenn die Arbeit im Unternehmen wegen Gefährdung nicht mehr zumutbar oder sogar behördlich verboten ist, hat der Arbeitgeber selber ein Interesse daran, Home-Office zu ermöglichen, da er andernfalls akzeptieren muss, dass er trotz Lohnzahlung überhaupt keine Arbeitsleistung erhält. Gleichzeitig kann von Angestellten in der aktuellen Notsituation gestützt auf die Treuepflicht erwartet werden, dass sie mindestens vorübergehend im Home-Office arbeiten, auch wenn dies vertraglich nicht so vorgesehen ist.

Wie stark darf ich zu Hause kontrolliert werden? Muss ich die Arbeitszeit erfassen?

Ja, die Zeiterfassung ist eine gesetzliche Pflicht. Sie richtet sich primär an den Arbeitgeber, der aber von den Angestellten verlangen kann, dass sie die notwendigen Informationen liefern.

Kann mich mein Arbeitgeber zum Überstundenabbau verpflichten, wenn ich meine Arbeit nicht im Home-Office ausführen kann (zum Beispiel Coiffeure oder Lehrer)?

Roger Rudolph

Roger Rudolph

UZH

Die Rechtslage ist auch hier unklar. Es ist fraglich, ob ein Arbeitgeber in einer solchen Situation Überstundenkompensation oder kurzfristig Ferienbezug anordnen kann. Zu wenig Arbeit oder gar die Schliessung des Betriebs liegt in seiner Risikosphäre. Man kann dieses Risiko nicht einfach auf die Angestellten durch Opfern von Überstunden oder Ferien abwälzen. Kommt dazu, dass Überstundenkompensation das Einverständnis des Mitarbeiters voraussetzt. Allerdings ist in der aktuellen Notsituation gestützt auf die Treuepflicht der Angestellten auch eine etwas andere Sicht möglich. Eine Weigerung zur Überstundenkompensation, zu kurzfristigem Ferienbezug oder zum Nacharbeiten ausgefallener Stunden könnte je nach Umständen und Dauer der Notlage rechtsmissbräuchlich erscheinen. Rechtsprechung dazu ist aber praktisch inexistent.

Erhalte ich meinen Lohn weiterhin, wenn ich wegen der Kinderbetreuung nicht mehr voll arbeiten kann?

Die Frage ist ungeklärt. Das Arbeitsgericht Zürich hat im Nachzug zur Schweinegrippe vor zehn Jahren, als eine Kinderkrippe geschlossen wurde und eine Mutter ihr Kind deswegen zu Hause betreuen musste, den Lohnanspruch verneint, da eine seuchenähnliche Situation vorliege und es somit kein Fall von persönlicher Arbeitsverhinderung sei (Artikel 324a OR). Das kann man aber auch anders sehen. Der Ferienbezug kann so kurzfristig in der Regel nicht aufgezwungen werden. Der Angestellte riskiert aber, wenn er nicht Hand bietet, dass er keinen Lohn bekommt. Empfohlen wird, das Szenario transparent mit dem Arbeitgeber zu besprechen und die Arbeitsleistung, so gut es geht, von zu Hause aus zu erbringen.

Mehrere Arbeitskollegen fallen wegen der Pandemie aus. Kann mich mein Arbeitgeber zu Überstunden verpflichten?

Ja, der Arbeitgeber darf in einer solchen Situation seine Mitarbeiter im zumutbaren Rahmen zu Überstunden verpflichten.

Gibt es für Lehrerinnen, Kinderbetreuer etc., die nun nicht mehr beschäftigt werden können, eine Lohnfortzahlung?

Das lässt sich nicht pauschal sagen. Lehrpersonen sind meist nicht nach Obligationenrecht angestellt, sondern nach kantonalen oder kommunalen Vorschriften. Diese können sich unterscheiden. Ginge es nach OR, müsste man den Lohnanspruch bejahen, da die Schliessung der Betriebsstätte in der Regel im unternehmerischen Risiko des Arbeitgebers liegt. Man könnte aber wohl in dieser Situation aus der Treuepflicht der Angestellten ableiten, dass sie etwa auf kürzere Frist Ferien beziehen, andere Tätigkeiten ausüben oder im beschränkten Rahmen einen Teil der Zeit nacharbeiten. Das sind rechtlich noch ungeklärte Fragen.