Wie das Zentralschweizer Fernsehen Tele 1 gegen Youtube, Facebook und Netflix kämpft

Tele 1 wird am Samstag zehn Jahre alt. Der regionale Fernsehsender befindet sich gerade im Umbruch – einmal mehr.

Maurizio Minetti
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Blick in die Regie des Zentralschweizer Fernsehens Tele 1.

Blick in die Regie des Zentralschweizer Fernsehens Tele 1.

Nadia Schärli (Luzern, 28. Januar 2020)

Es war eine Premiere für die Zentralschweizer Fasnacht. Zum ersten Mal konnten Zuschauerinnen und Zuschauer vor zehn Jahren sowohl den Fritschi-­Umzug am Schmutzigen Donnerstag als auch den Monstercorso am Güdisdienstag live am Fernsehen mitverfolgen. Und zwar auf dem wenige Tage zuvor neu gegründeten Zentralschweizer Fernsehsender Tele 1. Der Live-Event ist die Königsdisziplin im TV-Geschäft. Hier muss jeder Handgriff sitzen, Techniker und Moderatoren müssen auf Unwägbarkeiten vorbereitet sein. Für den frisch gegründeten regionalen TV-Sender mit begrenztem Budget und kleinem Team war das keine Selbstverständlichkeit.

Dabei war Tele 1 vor zehn Jahren nicht auf der grünen Wiese entstanden; die Ursprünge des Zentralschweizer Fernsehens reichen bis in die Neunzigerjahre zurück. Dieser Tage feiert Tele 1 zwar das zehnjährige Bestehen, aber man könnte auch deren 26 Lenzen zählen.

Tag der offenen Tür

Am 1. Februar wird Tele 1 zehn Jahre alt. Zum Jubiläum lädt der Fernsehsender das Publikum am nächsten Samstag ab 11 Uhr an der Maihofstrasse 76 in Luzern hinter die Kulissen ein. Dort kann man sehen, wie Tele 1 Nachrichten, Hintergrundsendungen und Live-Events produziert, wie die Redaktion die Konvergenz mit Radio und Online gestaltet und wie die Zusammenarbeit mit anderen TV-Sendern funktioniert. Das ganze Programm gibt es hier.

Mehrstündige Live-Übertragungen gehören mittlerweile zum Standardrepertoire des Zentralschweizer Fernsehens. An den beiden Live-Tagen der Fasnacht 2019 erreichte Tele 1 fast eine halbe Million Zuschauer. Zum Vergleich: Im Schnitt schalten in der Deutschschweiz täglich rund 100'000 Personen Tele 1 ein. Auch andere Live-Events wie Jodlerfest oder Schwingen lockten letztes Jahr viele Menschen vor die Bildschirme, so dass die Zuschauerzahlen 2019 bei Tele 1 insgesamt um 5 Prozent angestiegen sind. «Wir werten dies als Zeichen, dass unser eingeschlagener Weg richtig ist», sagt Tele1-Chefredaktor Matthias Oetterli.

Medienwissenschafter sieht Aufholpotenzial bei den Jungen

Doch wohin steuert das regionale Fernsehen? Sind Live-Events genug, um die junge Generation bei der Stange zu halten? Und überhaupt: Ist Fernsehen noch zeitgemäss? Matthias Künzler ist Medienwissenschafter und Professor an der Fachhochschule Graubünden in Chur. Sein Fazit zur Schweizer Regional-TV-Landschaft: «Die Sender beschäftigen sich zu wenig mit der Zukunft und sind in einem starren Programmkorsett gefangen.» Was Künzler meint: Regionale TV-Sender leben vor allem von den Nachrichten, die sich gegen Abend stündlich wiederholen. Dazwischen gibt’s Wetter, Talk-Formate und Hintergrundsendungen. Dieses seit Jahrzehnten etablierte Konzept gehört seiner Meinung nach angepasst.

«Im Vergleich zu den Nullerjahren sind die Zuschauerzahlen der regionalen Sender rückläufig, vor allem die jüngere Generation lässt sich mit regionalen Nachrichten nicht mehr vor den TV locken», sagt Künzler. Er anerkennt zwar, dass die Sender solide Arbeit abliefern, aber: «Es entspricht einfach nicht dem, was die Jungen interessiert.» Seine Forschung habe gezeigt, dass neue Generationen es zwar wichtig finden, dass Service-public-Medien (Private und SRG) existieren. «Allerdings finden sie, dass diese Sender für sie nicht genügend attraktiv sind und ihre Interessen nicht genügend wahrnehmen.» In dieser Hinsicht kämen alle Service-public-Medien schlecht weg, sagt Künzler.

Die erste Tele-1-Crew vor zehn Jahren.

Die erste Tele-1-Crew vor zehn Jahren.

Boris Bürgisser

Neues Portal mit Radio Pilatus geht im Frühling online

Tele1-Chefredaktor Matthias Oetterli glaubt hingegen nicht, dass sich jüngere Generationen weniger für lokale Inhalte interessieren – «aber sie verlangen eine andere Form», so Oetterli. Stichwort Live-Events: Es gibt Übertragungen, die zu einem Drittel über die Tele1-Website oder Facebook verfolgt werden. «Wir wissen, dass vor allem die jüngeren Zuschauer Videos online konsumieren und nicht unbedingt am Abend den TV einschalten», sagt Oetterli. «So gesehen, stehen wir in direkter Konkurrenz mit Youtube, Facebook, Netflix oder auch anderen Newsportalen.» Die Zeit sei nun einmal beschränkt und Tele 1 müsse mit den anderen Video-Anbietern um den Platz auf dem Smartphone oder Tablet kämpfen. Oetterli: «Dass Bewegtbild immer wichtiger wird, ist eigentlich gut, denn das ist unser Metier.»

Nun will Tele 1 die Verbreitung seiner Inhalte besser in den Griff bekommen. «Wir müssen uns konsequenter nach dem Digital-First-Prinzip ausrichten, ohne den klassischen Kanal zu vernachlässigen», sagt Oetterli. Dieser Wandel soll unter anderem in Zusammenarbeit mit dem neuen regionalen Online-News­portal «Pilatus Today» gelingen, welches die Inhalte von Radio Pilatus und Tele 1 für ein vorwiegend junges Publikum aufbereiten soll. Das Portal soll noch im Frühling online gehen.

«Wir beobachten, dass der Abruf unserer Videos über das Internet in den letzten Jahren zugenommen hat. Mit ‹Pilatus Today› wollen wir unser Publikum erweitern. Wir richten aber auch die eigene Website neu aus», sagt Oetterli weiter. Das Online-Archiv eines TV-Senders sei wichtig und werde in Zukunft immer wichtiger, ist er überzeugt. «Wir werden unsere Inhalte nutzergerecht präsentieren», verspricht Oetterli.

Geplant sind in den nächsten Monaten auch neue Sendungen, wobei sich Oetterli aber nicht in die Karten blicken lässt. Eines sei aber klar: «Unsere Messungen zeigen, dass Nachrichten nach wie vor am stärksten nachgefragt werden. Die regionale Information ist unser Kerngeschäft, und das wird auch in Zukunft so bleiben», sagt Oetterli. «Unsere Aufgabe ist es, das breite Informationsangebot so gut zu positionieren, damit es ein regional interessiertes Publikum erreicht.»