Wie der Luzerner Industriebetrieb Schurter zwischen Nischen und Grosskunden changiert

Letztes Jahr erlitt Schurter einen Gewinneinbruch. Für die nahe Zukunft sieht sich der Luzerner Hersteller von Elektronikkomponenten aber gerüstet – auch dank Grosskunden wie Apple. An der Spitze des Verwaltungsrats kommt es zu einem Wechsel.

Maurizio Minetti
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Der designierte Verwaltungsratspräsident Thomas Schurter, Group CEO Ralph Müller und Verwaltungsratspräsident Hans-Rudolf Schurter vor dem Hauptsitz in Luzern.

Der designierte Verwaltungsratspräsident Thomas Schurter, Group CEO Ralph Müller und Verwaltungsratspräsident Hans-Rudolf Schurter vor dem Hauptsitz in Luzern.

Nadia Schärli (6. April 2020)

Autos, Solaranlagen, Backöfen, Smartphones oder Satelliten: Hier findet man überall Komponenten des Luzerner Elektrotechnikspezialisten Schurter. Das Familienunternehmen produziert Sicherungen, Gerätestecker, Schalter, aber auch Eingabesysteme wie Touchscreens und Tastaturen und ist eines der letzten Unternehmen, die heute noch mitten in der Stadt Luzern eine industrielle Fertigung betreiben. 2017 und 2018 verzeichnete der traditionsreiche Betrieb Rekordzahlen – 2019 lief es aber nicht mehr rund. Der Umsatz ging im Vergleich zum Vorjahr um 7,5 Prozent auf 267,2 Millionen Franken zurück und der Gewinn nach Steuern schrumpfte gar um 62,6 Prozent auf 6,6 Millionen Franken, wie Schurter am Donnerstag mitgeteilt hat (siehe Tabelle). Lediglich die Marktregion «Schweiz/Südeuropa» konnte gegenüber 2018 zulegen.

Was ist passiert? «Es gibt drei Gründe für den Abschwung», sagt Group CEO Ralph Müller im Gespräch. Schurter litt unter dem globalen Handelsstreit, die Grosshändler haben ihre Lager stark abgebaut und daher weniger neue Ware bestellt, und drittens: «Bei den Touchscreens befinden wir uns mitten im Technologiewandel von resistiven zu kapazitiven Bildschirmen, wie wir sie von den Smartphones her kennen», erklärt Müller. Die Touchscreens von Schurter kommen etwa bei Haushaltsgeräten oder in Autos zum Einsatz. «Wenn sich die Technik grundlegend verändert, fällt man für eine kurze Zeit in eine Art Vakuum, danach geht es aber wieder aufwärts», so Müller. Die Profitabilität habe deshalb gelitten, weil man in den letzten beiden Jahren Marketing, Entwicklung und IT ausgebaut habe. «Das hat zwar unsere Fixkosten erhöht, war aber nötig, um neue Produkte zu entwickeln.» Dazu zählt zum Beispiel eben die Innovation mit kapazitiven Eingabegeräten.

Thomas Schurter wird Verwaltungsratspräsident

Per 1. Mai kommt es an der Spitze des Verwaltungsrats von Schurter zu einem Stabwechsel. Verwaltungsratspräsident Hans-Rudolf Schurter, der im vergangenen November 70 geworden ist, gibt alle Funktionen ab. «In den letzten vier Jahrzehnten habe ich miterlebt, wie unser Familienbetrieb den Umsatz mehr als verzwölffacht hat und sich die Mitarbeiterzahl von 320 auf 2000 erhöht hat», sagt Schurter. Neuer Verwaltungsratspräsident wird sein jüngerer Bruder Thomas, der bereits seit 25 Jahren Mitglied des Aufsichtsgremiums ist. Der Chiropraktiker hat vor kurzem seine Praxis aufgegeben und in Weiterbildungen investiert, um sich auf seine neue Aufgabe als Verwaltungsratspräsident vorzubereiten. «Eine meiner Hauptaufgaben ist es, die vierte Generation heranzuführen», sagt Thomas Schurter. Er und sein älterer Bruder sind Vertreter der dritten Generation des Familienunternehmens. Die vierte Generation dürfte spätestens dann die Führung des Verwaltungsrats übernehmen, wenn auch Thomas Schurter aus Altersgründen den Hut nehmen muss. Das wird in sechs Jahren der Fall sein.

Stecker und Touchscreens für Beatmungsgeräte

Die schwierige konjunkturelle Lage führte letztes Jahr dazu, dass der Familienbetrieb im September für 84 Luzerner Angestellte Kurzarbeit einführen musste – mittlerweile sind es bereits 150 Mitarbeitende, also rund die Hälfte der Luzerner Belegschaft. Insbesondere indirekt produktive Abteilungen wurden heruntergefahren. Dazu zählen Engineering, aber auch Vertrieb, Finanzen oder Einkauf.

Schurter steckte also schon vor der Coronakrise in einer schwierigen Phase. Die Pandemie erwischt das Unternehmen nun in einem der schlechtesten Momente der bald 90-jährigen Firmengeschichte. «Auch für 2020 erwarten wir einen Dämpfer», räumt Müller ein. Man verfüge aber über eine solide Bilanz und gute Liquidität. «Einen Covid-19-Kredit werden wir sicher nicht beantragen.» Der CEO schliesst aber nicht aus, dass die Kurzarbeit weiter ausgeweitet werden muss. «Unser oberstes Ziel ist es, keine Stellen abzubauen.» Die Situation ändere sich derzeit nahezu täglich. Während Schurter etwa in Luzern noch einigermassen normal produzieren kann, musste das Unternehmen das Werk in Indien und jenes in Tschechien wegen Massnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus vorübergehend schliessen. An den anderen Standorten läuft die Produktion hingegen wie gewohnt weiter.

Schurter leidet zwar unter der Coronakrise, doch trägt die Firma auch dazu bei, dass sich die Situation entspannt. Denn Schurter produziert Gerätestecker und Touchscreens, die in Beatmungsgeräten zum Einsatz kommen. «Wir spüren im Moment eine starke Nachfrage», sagt Müller. Am meisten Entwicklungspotenzial sieht Müller derzeit aber im Automobilsektor. Das erstaunt insofern, als die globale Autoindustrie gerade in einer Schwächephase steckt. Müller erklärt: «Weil weniger Autos produziert werden, braucht es weniger Anlagen und darum verkaufen wir weniger Industrieelektronik. Aber in der aktuellen Transformationsphase hin zu mehr Elektroautos wird die Nachfrage nach Touchscreens und innovativen Sicherungssystemen weiter steigen», ist er überzeugt. Das Volumen sei hier weniger wichtig, vielmehr wolle man eine wertvolle Nische besetzen.

Sicherungen für die Ladegeräte von Apple

Auf der anderen Seite forciert Schurter aber auch das Volumengeschäft. So stellt das Unternehmen etwa für den amerikanischen IT-Konzern Apple seit zwei Jahren Sicherungen her, die in den Ladegeräten für die iPhones zum Einsatz kommen. Wenn man bedenkt, dass Schurter allein für diesen Auftrag 9 Millionen Franken in die Infrastruktur in Luzern investiert hat, hat man eine Vorstellung davon, wie gross das Volumen sein könnte. CEO Ralph Müller gibt sich allerdings bedeckt und will sich nicht dazu äussern.

Es sind solche Grossaufträge, die dazu führen, dass es bei Schurter in Luzern langsam eng wird. Das Unternehmen stockt darum eines seiner Gebäude um drei Etagen auf. Die Produktionsfläche soll somit um 20 Prozent erweitert werden und Platz für rund 400 Mitarbeitende bieten. Nach Verzögerungen kommt Schurter mit dem Projekt nun wieder schneller voran: «Wir können unter Einhaltung der Vorschriften der Behörden derzeit normal weiterbauen. Voraussichtlich im Juni 2021 dürfte der Neubau in Betrieb genommen werden», sagt Müller.

Schurters neue Dimension

Das Luzerner Familienunternehmen ist aufgrund zweier Übernahmen und der guten konjunkturellen Entwicklung 2017 stark gewachsen. Das stellt Schurter vor neue Herausforderungen.
Roman Schenkel