Axpo
Wie die Axpo mit stehenden Turbinen Geld verdienen kann

Dem Kraftwerk in Linthal GL eröffnen sich dank moderner Technologie neue Geschäftsmodelle.

Philipp Mäder, Linthal
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Hier entsteht bald Strom: Arbeiten an einem Generator in der Kaverne des Kraftwerks Linthal.Christian Beutler/Keystone

Hier entsteht bald Strom: Arbeiten an einem Generator in der Kaverne des Kraftwerks Linthal.Christian Beutler/Keystone

Früher war das Geschäftsmodell einfach: Nachts pumpten die Schweizer Stromkonzerne mit billigem französischem Atomstrom Wasser in ihre Stauseen. Über Mittag liessen sie das Wasser wieder herunter. Und produzierten so teuren Spitzenstrom. Die Preisdifferenz konnten die Konzerne in den eigenen Sack stecken.

Doch dieses Modell ist tot. In Deutschland produzieren Solaranlagen billigen Strom in rauen Mengen. Besonders viel ausgerechnet über Mittag, weil dann die Sonne am stärksten scheint. Überhaupt hat der subventionierte Strom aus Deutschland die internationalen Preise ins Bodenlose fallen lassen. Der Strom aus Schweizer Wasserkraft kann nicht mehr mithalten.

Der Generator wird zum Motor

Die Schweizer Stromkonzerne müssen sich deshalb etwas Neues einfallen lassen. Und die Axpo hat für ihr Wasserkraftwerk in Linthal GL, das ab Ende 2015 ans Netz gehen soll, eine Idee. Kernstück dafür sind die vier Maschinen, die zurzeit in einer riesigen, aus dem Fels herausgebrochenen Kaverne entstehen.

Diese Maschinen können erstens das, was die Maschinen aller Stauseen können: Wenn der Mann an der Steuerung Wasser herunterlässt, treibt die Turbine den Generator an und produziert so Strom. Und die Maschinen können zweitens das, was alle Pumpspeicherkraftwerke können: Wenn der Mann an der Steuerung den Hebel herumlegt, wird der Generator zum Motor und die Turbine zur Pumpe: Sie pumpt das Wasser wieder in den Stausee und verbraucht dabei Strom.

So will die Axpo Geld verdienen

Herkömmliche Pumpspeicherkraftwerke können nur sehr grob dosieren, wie viel Wasser sie wieder in den Stausee hochpumpen. Die Maschinen in Linthal hingegen können dies sehr fein und sehr flexibel regulieren. Und damit auch fein und flexibel regulieren, wie viel Strom sie verbrauchen. Möglich macht das ein von Alstom neu entwickelter Generator. Und genau damit hofft die Axpo, in Linthal langfristig Geld zu verdienen.

Denn die Menge des produzierten Stroms schwankt heute viel stärker als früher: Die Solaranlagen liefern nur dann, wenn die Sonne scheint. Die Windanlagen produzieren nur dann, wenn der Wind bläst. Mit der neuen Anlage in Linthal wird die Axpo diese steten Schwankungen exakt ausgleichen können: Gibt es etwas zu viel Strom im Netz, läuft die Pumpe etwas schneller. Gibt es etwas zu wenig Strom im Netz, läuft die Turbine halt etwas schneller.

Keine Zeit zum Umschalten

Doch sogar moderne Maschinen wie jene in Linthal brauchen ein paar Minuten, um die Richtung zu wechseln – und vom Turbinenbetrieb in den Pumpbetrieb umzuschalten. Deshalb kann es in Zukunft vorkommen, dass in der Maschinenkaverne des Kraftwerks Linthal die eine Maschine pumpt und die andere turbiniert. Zusammen gibt das dem Mann an der Steuerung die optimale Flexibilität. Und vor allem: Mit diesem Service für ein stabiles Stromnetz hofft die Axpo, endlich wieder Geld zu verdienen.

Noch lieber würde die Axpo in Linthal allerdings das Geld damit verdienen, dass die Maschinen gar nicht laufen – sondern stillstehen. Das ist gar nicht so absurd, wie es tönt. Denn die Betreiber der grossen Stromnetze in Europa sind verpflichtet, Reserven bereitzuhalten. Etwa für den Fall, dass ein Atomkraftwerk eine Panne hat und plötzlich ausfällt. Oder dass ein grosser Betrieb plötzlich keinen Strom mehr bezieht. Die Netzbetreiber müssen natürlich dafür zahlen, dass jemand diese Kapazitäten für sie bereithält. Und hier nützt der internationale Markt dem Kraftwerk Linthal plötzlich: Die Reserven für das deutsche Netz können so auch in den Glarner Alpen stehen.

Muttsee reicht für 30 Stunden

Was Linthal ebenfalls nützt: Die Leistung des Kraftwerks wird mit 1000 Megawatt enorm sein. Das ist etwa gleich viel Strom, wie die Atomkraftwerke Gösgen und Leibstadt je produzieren. Allerdings kann Linthal diese Leistung nur als Sprint hinlegen: Wenn die vier Turbinen unter Volllast laufen, ist der Muttsee nach gut 30 Stunden leer. Sogar dann, wenn er vorher vollgefüllt war.