Tourismus

Wie ein kleines Schweizer Reisebüro dem Umsatzschwund trotzt

Der Sitzplatz im Hof des Firmensitzes mitten in der Zürcher Altstadt ist leer. Die Novemberkälte lädt nicht zur Mittagspause im Freien. Simon Schnellmann kann gut damit leben.

Robert Wildi
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Keystone

«Ich mag dieses Wetter, denn es macht, dass unsere Drähte heiss glühen.» Der Inhaber von Travel Worldwide passt nicht zur noblen Adresse seines jungen Unternehmens an der Kirchgasse. Punkfrisur, dicke Halskette sowie Piercings und Tattoos am ganzen Körper sind sein Markenzeichen. «Ich bin, wie ich bin, authentisch halt», sagt er.

Der Mut, anders zu sein, ist wohl das Erfolgsgeheimnis des 38-jährigen Zürchers. 2008 gründete er seine Firma, heute zählt sie 15 Mitarbeitende. Der Umsatz schoss seither auf 16 Millionen Franken empor. In der gleichen Zeit sanken die Verkäufe aller Reisebüros um 11 Prozent. Weder Finanz- noch Währungskrise konnten den Unternehmer bremsen. Für 2012 budgetiert er denn auch trotz Rezessionsgefahr mit 20 Millionen.

Idee kam während der Arbeit

Gerade dieser Tage hat er wieder besonders viel zu tun. Die Schweizer buchen ihre Winterferien in warmen Weltgegenden. Die Idee für sein Unternehmen kam Schnellmann während seiner Arbeit beim Schweizer Online-Reisepionier travel.ch. Er verkaufte dort Pauschalreisen und Flugtickets ab Stange. In der Branche galt damals, dass sich Billigferien mit Flug und Hotel für den Internetverkauf eignen, aber nicht teure und komplexe Reisen.

Querdenker Schnellmann wollte dies nicht so hinnehmen und beschloss, auch die gut betuchte Ferienkundschaft ins Netz zu holen. Seine Pläne, mit Travel Worldwide teure Fernreisen ausschliesslich über den Online-Kanal zu verkaufen, wurden in der Szene belächelt. Die Suche nach Investoren war vergeblich. «Mein Konzept war ein Himmelfahrtskommando», erinnert sich Schnellmann. Er kalkulierte mit einem Startkapital von 130000 Franken, um in seiner kleinen Wohnung loslegen zu können. Weil er nur 80000 gespart hatte, versuchte er sein Glück im Kasino. Innert zwei Wochen zockte er am Pokertisch die restlichen 50000 Franken in die Tasche. «Danach liess ich mich in allen Schweizer Kasinos sperren.»

Als Kenner der Reiseländer in Fernost kreierte Schnellmann zunächst die Website travelasia.ch und vermittelte der Kundschaft auf Provisionsbasis teure Asien-Reisen von Schweizer Veranstaltern. Heute sind 22 weitere Domains in Betrieb. Schnellmann fokussiert sich dabei mit Ausnahme von Skandinavien auf hochstehende Fernreisen ausserhalb von Europa. Denn sie sind lukrativer. Gebucht wird bei Travel Worldwide nicht selten direkt ab der Website via E-Mail.

Trotzdem gehören auch stundenlange und detailtreue Beratungen zum Kerngeschäft. Angestellt werden nur Reiseprofis, welche die verkauften Destinationen selber bereist haben und aus erster Hand kennen. Schnellmanns Anspruch: Zu Bürozeiten muss für jede Ferndestination mindestens ein Spezialist für die Kunden da sein.

Rockstars als Kunden

Das Konzept geht auf. Bis heute haben 13000 Kunden bei Travel Worldwide gebucht. Zur Stammkundschaft gehört auch Prominenz wie Krokus-Rocker Chris von Rohr oder SSC-Napoli-Fussballer Blerim Dzemaili. Selbst Wirtschaftsgrössen wie Max Manuel Vögele von Vögele Shoes oder Logistiker Bruno Planzer vertrauen die Organisation ihrer Ferien Schnellmann an. Der Glamour-Faktor steigert den kommerziellen Erfolg. Der Durchschnittspreis pro Dossier beträgt bei Travel Worldwide über 8000 Franken. Solche Summen sind selbst bei etablierten Veranstaltern wie Kuoni oder Hotelplan eher selten.

Der Starterfolg spornt Schnellmann an. Um seinem Reisebüro Raum für weiteres Wachstum zu geben, blockierte er inzwischen über 500 Internet-Domains mit Wortstämmen wie «travel» oder «tour». «Das mache ich auch, um die Sites den Mitbewerbern vorzuenthalten», sagt Schnellmann schelmisch. Auch zwei potente Investoren hat er an Bord geholt. Sie können weitere Expansionsschritte finanziell bestens abstützen. Frühere Spötter zollen Schnellmann heute Respekt.

Trotzdem blieb der locker auftretende Reiseunternehmer mit beiden Füssen am Boden. Chefallüren sind Schnellmann fremd. Stattdessen verkauft er nach wie vor täglich selbst Asien-Reisen und erledigt laut der internen Ämtli-Liste die Bündelung des Altpapiers. «Einen Tag mit Freunden verbringen» lautet das Firmenmotto von Travel Worldwide. Schnellmann arbeitet Seite an Seite mit den Angestellten. «Ein eigenes Büro brauche ich nicht», sagt er dazu.

Persönlicher Besuch darf nicht fehlen

Dafür würde in den aktuellen Räumlichkeiten auch der Platz fehlen. Etwas Kummer bereitet Schnellmann der Gedanke, die repräsentativen Büros einen Steinwurf vom Grossmünster entfernt räumen zu müssen. Spätestens 2014 wird es wohl so weit sein. Um fünf bis zehn weitere Reiseprofis dürfte das Team bis dahin anwachsen, glaubt der tätowierte Chef. Die Suche nach grösseren Büros ist angelaufen. Schnellmann ist aber anspruchsvoll und will möglichst in der Nähe bleiben. «Für einen Umzug nach Wallisellen oder Glattbrugg könnte ich meine Leute kaum begeistern.»

Das Gleiche gilt für die prominenten Kunden von Travel Worldwide. Auch wenn sie nicht gerade Ferien buchen, kommen sie hin und wieder gern auf einen persönlichen Besuch im Herzen von Zürich vorbei.