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Wie ein Luzerner Immobilienunternehmen einen Roboter für Wohnungsbesichtigungen einsetzt

Wohnungen besichtigen, kann frustrierend sein. Roboter Sam soll alles einfacher machen. Jetzt ist er auch in der Zentralschweiz im Einsatz.

Andreas Lorenz-Meyer
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Sam ist 1,70 Meter gross und rollt auf Rädern. Er hat ein 4G-Internetmodul, einen Computer, eine drehbare HD-Kamera, ein Mikrofon und Sensoren, die ihm sagen, wo er langfährt.

Der Live-Besichtigungsroboter Sam im Einsatz.

Der Live-Besichtigungsroboter Sam im Einsatz.

PD

Damit ist der Roboter des Zürcher Start-ups RealbotEngineering perfekt ausgestattet für seine Aufgabe: die virtuelle Livebesichtigung von Wohnungen. Das ist für Kauf- oder Mietinteressenten praktisch. Sie können sich das Objekt am heimischen Bildschirm anschauen und müssen nicht vor Ort sein. Sam zeigt ihnen alles in Echtzeit: Küche, Bad, Wohn- und Schlafzimmer.

Seit Sommer 2019 unter anderem in Zürich und Solothurn im Einsatz, kurvt der Livebesichtigungsroboter ab jetzt auch durch Zentralschweizer Wohnungen. Bader Immobilien aus Luzern setzt ihn seit letzter Woche ein. Über sam.domba.ch können Interessenten einen Termin auswählen. Sie erhalten dann einen Link zugemailt, über den sie sich bei Sam einloggen – und schon lässt sich dieser aus der Ferne durch die Räume lenken. Wer will, kann über Videochat einen Verkaufsberater zuschalten.

Interessenten können sich frei durchs Objekt bewegen

Richtig Neuland sind virtuelle Besichtigungen für Bader nicht, man bietet schon seit einigen Jahren 3D-Touren an. «Am Anfang waren die Bedenken der Eigentümer und Verkaufsberater gross», erinnert sich Oliver Bader von der Geschäftsleitung. Sie hatten Angst, dass der persönliche Kontakt fehlt oder die Qualität nachlässt. Das Gegenteil ist der Fall gewesen. «Personen, die im Vorfeld eine virtuelle Tour gemacht haben, sind deutlich besser vorbereitet und gehen konkreter auf die Liegenschaft ein.»

Nun folgt mit den Livebesichtigungen der nächste Schritt. Die Coronakrise hat den Entscheid besonders einfach gemacht, aber ausschlaggebend für die Anschaffung waren Sams Fähigkeiten. «Er ist persönlicher, individueller und vermittelt im Vergleich zu statischen Bildern oder 3D-Touren erfrischend ehrliche Eindrücke», so Bader. Interessenten können sich frei durchs Objekt bewegen, und das jederzeit, bei jedem Wetter. Auch bei Regen, wenn das Licht nicht so vorteilhaft ist. Eine passende Immobilie zu finden, sei ja sehr aufwendig. «Wir glauben, dass wir Interessenten mit Sam eine grosse Vereinfachung in dieser zeitraubenden Phase bieten können.»

Der Besichtigungsroboter lässt sich auch für Analysen nutzen.

Der Besichtigungsroboter lässt sich auch für Analysen nutzen.

PD

Speziell für Besichtigung programmiert

Der Mann, der hinter Sam steckt, ist selbst Immobilienvermarkter. Daher weiss Alexandros Tyropolis, wie schwierig Vermietung oder Verkauf sein können. Oft kommen Interessenten nicht zum Termin. Oder sind enttäuscht von der Wohnung, weil die Fotos mehr versprachen. Viele Interessenten können auch nur zu Randzeiten, und Gruppenbesichtigungen sind sehr unbeliebt. Gute Gründe, eine «effizientere Lösung» zu finden: einen Livebesichtigungsroboter, der im Objekt steht und sich rund um die Uhr starten lässt.

Mit Softwareingenieur Danijel Veljkovic und Hardwareingenieur Georgios Georgatos gründete Tyropolis im Februar 2019 die RealbotEngineering GmbH. Die Hardware für Sam liefert ein US-amerikanisches Jungunternehmen, das die Roboter mit 3D-Technik druckt. In der Schweiz kommen dann Computer, Sensoren und «unser hauseigenes Hirn, die Software» dazu. Erstauslieferung war im Juni 2019, mittlerweile sind 20 Sams bei Unternehmen wie Espace Real Estate und BVK im Einsatz. 3500 Besichtigungen und 14000 Besichtigungsminuten sind mittlerweile zusammengekommen.

Was Sam besonders macht, erklärt Tyropolis so: «Telepräsenzroboter gibt es zwar einige, Sam ist jedoch der einzige Roboter, der speziell für die ortsunabhängige Besichtigung von Immobilien programmiert wurde und sich nahtlos in den Vermarktungsprozess des Unternehmens integrieren lässt.» Darin und im einfachen Zugriff auf den Roboter liege die wahre Innovation.

Schon nach monatlich fünf Besichtigungen refinanziert

Sam helfe Unternehmen wie Interessenten, die Spreu von Weizen zu trennen. Wohnungssuchende bekommen einen «authentischen Echtzeitzugang zum Objekt». Zudem bediene Sam das aus dem Retailmarkt bekannte Bedürfnis nach Same- oder Next-Day-Delivery. «Interessenten sind heute ungeduldiger und wollen sich Wohnungen möglichst sofort anschauen.»

Hier ein Erklärvideo zu Roboter Sam:

Für die Unternehmen fällt dank Sam mancher Vor-Ort-Termin weg, weil Interessenten nach der virtuellen Livebesichtigung abspringen. Dieses Aussortieren bringt Kostensenkungen, wie Tyropolis vorrechnet: Bei zwei Stunden Zeitaufwand und Personalvollkosten von 120 Franken die Stunde kommen Unternehmen pro Besichtigung auf 240 Franken. Sam, der in der aktuellen Kleinserie 1165 Franken pro Monat Miete kostet, ist damit schon bei monatlich fünf virtuellen Besichtigungen refinanziert. Den Menschen ersetzen soll er aber nicht. Das durch ihn entlastete Personal könne anderweitig eingesetzt werden. «Dort, wo Maschinen noch keine Abhilfe leisten und menschliche Fähigkeiten einen wahren Mehrwert bringen.»

Die Schweiz gilt als Testmarkt

Der Besichtigungsroboter lässt sich auch für Analysen nutzen. Ehrliches Feedback bei Besichtigungen sei selten. «Oft lächeln die Interessenten, bedanken sich und melden sich nie wieder. Man weiss dann nicht, woran man ist.» Tyropolis möchte mit Sam «noch nie gesehene Daten» zum Nutzerverhalten sammeln. Unternehmen können dann auswerten, was sich die Leute anschauen. Geplant ist, Feedback einzuholen, während Sam durchs Objekt führt. «So ergibt sich über Tausende von Besichtigungsminuten ein klares Bild davon, wer die Zielgruppe ist und welche Stärken und Schwächen das Objekt hat.»

Die Schweiz mit seiner «eher konservativen» Immobilienbranche bezeichnet Tyropolis als Testmarkt. Wer hier besteht, habe gute Erfolgschancen in Märkten wie Dubai, Seoul, Hongkong, New York, London, «wo sich die Distanzen und der Verkehr und damit der Aufwand für eine Besichtigung auf einem ganz anderen Level bewegen». Es gebe auch viele Expats, die Immobilien aus der Ferne kaufen oder mieten wollen. Das Start-up will expandieren, und dafür ist es aktuell auf Investorensuche. Um international zu bestehen, plant man auch, die Miete für Sam «radikal» zu senken, auf 300 bis 400 Franken pro Monat.