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Kolumne

Wie käme eine AHV-Reform heraus, wenn keine Interessensvertreter mitreden würden?

Dass Politik durch die Interessen verschiedener Personen und Gruppen beeinflusst wird, gehört dazu. Durch einen «Schleier des Nichtwissens» würde unser Geist – und damit die Diskussion – allerdings an Freiraum gewinnen.
Magdalena Hoffmann
Magdalena Hoffmann.

Magdalena Hoffmann.

Stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Jede/r von uns darf einen Vertreter in eine Versammlung schicken, die den Auftrag hat, die Altersvorsorge in der Schweiz zu reformieren (und damit es nicht zu einfach wird, muss der Reformbeschluss einstimmig gefällt werden). Sind alle Vertreter versammelt, wird über sie ein sogenannter Schleier des Nichtwissens gelegt. Dieser nimmt ihnen jede Information über die persönlichen Eigenschaften und den sozialen Status der zu vertretenden Person; nur allgemeine Tatsachen wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Art wie der demografische Wandel und ähnliches sind bekannt. Die versammelten Vertreter wissen also nicht, ob sie einen CEO kurz vor der Pensionierung vertreten oder einen ausgesteuerten Arbeitslosen, eine teilzeitarbeitende Mutter oder eine 25-jährige Akademikerin beim Berufseinstieg. Worauf werden sie sich einigen? Auf eine Erhöhung 
des Rentenalters? Auf die Abschaffung des Koordinationsabzugs? Auf einen radikalen Systemwechsel?

Ein spannendes Szenario, nicht wahr? Haben auch Sie, werte Leserinnen und Leser, sogleich begonnen, sich die Situation vorzustellen und in Gedanken verschiedene Optionen geprüft? Dann geht es Ihnen wie mir, als ich vor zwanzig Jahren das erste Mal von dem Schleier des Nichtwissens hörte und ganz fasziniert davon war. Der Schleier des Nichtwissens ist ein Gedankenexperiment, das wir dem amerikanischen, mittlerweile verstorbenen, Philosophen John Rawls verdanken. Er hat es in seinem Werk «Eine Theorie der Gerechtigkeit» erstmals formuliert, wo Vertreter in einem hypothetischen «Urzustand» zusammenkommen, um die Gerechtigkeitsprinzipien einer liberalen Gesellschaft zu verabschieden.

Rawls war überzeugt davon, dass wir Regeln dann als gerecht bezeichnen, wenn sie unter fairen Bedingungen festgelegt werden. Oder anders formuliert: Wir akzeptieren Regeln als gerecht, wenn bei ihrer Bestimmung Gleichheit herrscht und niemand von individuellen Vorteilen Gebrauch macht. Doch das ist in der Realität (leider) nicht der Fall, weshalb er zu dem Kunstgriff des Schleiers des Nichtwissens greift: Bei Rawls verbirgt dieser Schleier alle Informationen, die unsere Interessen normalerweise beeinflussen, wie unser Alter, Geschlecht, sozialer Status und Einkommen. Da also niemand weiss, ob er in der Gesellschaft jung oder alt, ob Frau oder Mann, ob reich oder arm sein wird, einigen sich die Vertreter auf Regeln, die selbst für die denkbar schlechtestgestellte Person noch annehmbar sind. Ein bestechendes Ergebnis, oder?

Jetzt könnte man einwenden: Aber das ist doch nur ein Gedankenexperiment! Ein Hirngespinst! Dieser Einwand ist so naheliegend wie verfehlt. Der Clou bei philosophischen Gedankenexperimenten ist es ja gerade, dass sie kontrafaktisch konzipiert sind. Sie sind gar nicht auf Realisierbarkeit angelegt. Stattdessen sollen sie unser Verständnis von Grundbegriffen wie etwa Gerechtigkeit schärfen. In diesem «Labor des Geistes», wie es der Philosoph Georg W. Bertram so schön ausdrückt, werden unsere Intuitionen dank eines imaginierten Szenarios unverfälscht «herausgekitzelt», sodass wir sie umso besser analysieren können.

Doch zurück zum Ausgangsszenario, der Altersvorsorge: Natürlich ist es legitim, in der Politik Interessen zu vertreten. Politische Parteien sind Interessensvertreter. Und dennoch: Warum sollten wir bei zentralen Reformvorhaben mal nicht gemeinsam das «Labor des Geistes» aufsuchen, um Szenarien auszuprobieren, bei denen alle hinter dem Schleier des Nichtwissens von ihren persönlichen Interessen abstrahieren? Das könnte unserem Geist mehr Freiraum zwischen Selbstfokussierung und Sachzwängen schenken und so neue, konsensfähigere Ideen hervorbringen. Und das Beste daran: Es kostet kein Geld! Stattdessen wären Vorstellungskraft, Offenheit und Denkfreude zu investieren.

Magdalena Hoffmann ist Studienleiterin und Dozentin Philosophie und Medizin an der Universität Luzern.

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