Mafiagelder in der Schweiz

Wie Kanadas Mafia in der Schweiz ihre Drogengelder gewaschen hat

In Montreal wurde der letzte grosse sizilianische Mafia-Boss Nicolò Rizzuto erschossen. Sein Clan wusch bis vor wenigen Jahren Millionen in der Schweiz. Ein Fall in Lugano zeigt die Dimensionen ihrer Drogengeschäfte und wie sie dabei vorgingen.

Christian Bütikofer
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Keystone

Der Killer wartete im Garten so lange, bis der 86-jährige Patriarch Nicolò Rizzuto endlich hinter dem Küchenfenster seiner Villa auftauchte. Dann nahm er ihn aufs Korn und drückte ab.

Das Attentat war erfolgreich.

Die Ermordung des Paten vor einer Woche setzte der mehr als 30-jährigen Dominanz des Sizilianergeschlechts Rizzuto in der Unterwelt Kanadas vorerst ein Ende.

Nicolò hatte zwar die Geschäfte schon lange seinem Sohn Vito übertragen, doch der sitzt seit 2006 in den USA im Gefängnis.

Jetzt steht der Clan ohne Oberhaupt da. Das Attentat füllt seither die Spalten aller Zeitungen Kanadas.

Die «Sechste Familie»

Die Rizzutos werden von Experten die «Sechste Familie» genannt. Dies in Anspielung auf die bekannteren «Fünf Familien» New Yorks, die fast alle zur Sizilianischen Mafia «Cosa Nostra» gezählt werden.

Der Rizzuto-Clan übernahm nach blutigen Aktionen vor Jahrzehnten die Drogengeschäfte in Montreal und später New York.

Die illegalen Gewinne wurden legal reinvestiert - in Baugeschäfte, Immobilien, Gastronomie, Bestattungs- und Recycling-Unternehmen, den Lebensmittel- und Autohandel bis in die Aktienbörse.

Hilfe vom verwandten Rechtsanwalt

Um die Drogenmillionen zu waschen, arbeitete der Clan international und konnte auf die Hilfe von Anwälten zählen, die dem Rizzuto-Clan selbst angehörten. So etwa Joe Lagana, Vito Rizzutos persönlichem Anwalt und Verwandten.

Der konnte im September 1990 sein Glück kaum fassen: Gleich gegenüber seiner Kanzlei im Herzen Montreals öffnete das «Centre International Monétaire de Montréal», ein internationales Geldwechselinstitut mit ganz speziellen Qualitäten.

Die fünf Angestellten dort verwandelten ohne Murren grosse Mengen kleiner verknitterter Banknoten in saubere Checks oder transferierten die Gelder gleich in Offshore-Banken.

Die Geldwechsler stellten keine störenden Fragen, wenn Boten mit Hockeytaschen voller Notenbündel an den Schalter traten.

Ein Traum für alle, die Profite von Drogendeals ins legale Geldsystem einschleusen wollten.

In vier Jahren 141 Millionen Drogendollar eingezahlt

Die Wechselstube wurde bald zum Geheimtipp: Ohne Werbung zu machen, wechselte sie in vier Jahren über 141 Millionen kanadische Dollar.

Alleine 91 Millionen Dollar wurden von Rechtsanwalt Lagana und seinen Partnern eingezahlt.

Was sie nicht wussten: Die Belegschaft der «Wechselstube» bestand aus Beamten der kanadischen Bundespolizei, der «Royal Canadian Mounted Police» (RCMP), Kanadas Gegenstück zum amerikanischen FBI.

Denn die Beamten merkten, dass in Montreal für die normale Nachfrage viel zu viele Wechselstuben existierten. Sie schlossen daraus, dass dank diesen Halbbanken diverse kriminelle Organisationen Gelder wuschen.

Mit der Zeit gewannen die Undercover-Agenten das Vertrauen der Mafiosi. Und bald wechselten sie nicht nur mehr Dollarscheine sondern halfen auch ganz direkt beim Schmuggel von hunderten Kilogramm Kokain.

Deals mit Kolumbien-Mafia und den Hells Angels

Die Sechste Familie arbeitete mit den kolumbianischen Drogenclans ebenso zusammen wie mit Hells Angels. Die Mafiosi verschoben Drogen von Kolumbien über Miami, nach Kanada und zu Hells Angels nach England.

Am 30. August 1994 nahm die kanadische Polizei in einer Grossaktion über 40 Personen fest und setzte die «Vito Rizzuto-Gruppe» auf die Anklagebank.

Bundespolizei Bern überwachte Konten

Bereits einen Tag später besuchte ein kanadischer Diplomat in Bern die Bundespolizei. Er gab den Behörden bekannt, auf welche Konti die Undercover-Agenten vorher über ihre «Wechselstube» Drogengelder transferierten.

Sobald jemand davon Geld abziehen möchte, soll die Person verhaftet werden. Die Schweizer richteten ihr Augenmerk schnell auf Mafia-Anwalt Joe Lagana und seine Helfer.

Nur wenige Stunden nach dem Alarm in Bern checkte sich Nicolò Rizzutos Frau Libertina im unscheinbaren Hotel Nassa Gari in Lugano ein.

Ihr Ziel: zehn Jahre alte Konti auflösen, die Millionen in Bar abheben und bei anderen Lugano-Banken neu einzahlen.

Libertina war schnell, aber wenige Stunden zu spät.

Kaum meldete sie sich mit einem Helfer beim Kundenberater der Credit Suisse Trust Lugano, wurden sie auch schon abgeführt.

In den Vernehmungen leugneten die zwei ihre Absichten und erzählten völlig verschiedene Versionen, was sie mit dem Konto Nr. 312413 eigentlich wollten.

Geldwäsche in drei Phasen

Die Schweizer Staatsanwaltschaft zeichnete die Geldbewegungen nach und fand bei anderen Banken weitere Nummernkonti.

Abklärungen ergaben, dass die Gelder in drei Phasen verschoben wurden, um Ermittlungen zu erschweren.

Zuerst eröffneten die Rizzutos Anfang 1980 Konten auf ihre Namen. Danach wurden bis Mitte 1985 die Gelder in Bar abgehoben und die Konten eines ums andere geschlossen.

In Phase zwei wurden dann Konten eröffnet, die auf entfernte Verwandte lauteten.

Die dritte Phase begann, als ein Geschäftspartner mit Unterstützung aus Italien die Millionen in kleinen Tranchen nach Genf und Lausanne in die Banken «Banque Cantrade» und «Banca Commerciale Italiana» transferierte.

Hinter diesen Konti steckte dann wieder Mafia-Anwalt Lagana aus Montreal. Die Rizzutos wuschen so die Gelder, die danach für saubere Investments neu bereit standen.

Für einen Prozess reichten die Beweise nicht

Erst im Dezember 1994 kamen Libertina Rizzuto und ihr Helfer wieder auf freien Fuss. Der Schweizer Staatsanwalt Fabrizio Eggenschwiler wollte den beiden den Prozess machen und wartete auf verwertbare Beweise der Kanadier.

Die aber gaben sich vorerst mit dem Fang von Rizzutos Untergebenen zufrieden und lieferten keine Dossiers.

Denn noch hatten sie zu wenig Beweise gegen Nicolò und Vito.

Sohn Vito wurde 2004 verhaftet und an die USA ausgeliefert - für Morde, die er vor mehr als 20 Jahren beging.

Seit 1972 konnte man ihm trotz diverser Verhaftungen in Kanada nie etwas nachweisen.

Sein Vater Nicolò, der seine Karriere in Sizilien als einfacher Schafhirte begann, musste erst 2008 zugeben, er habe in der Schweiz Millionen gewaschen.

Ermittlungen verschiedener Polizeibehörden ergaben, dass die Rizzutos zwischen 1970 bis Anfang 2000 ihre Drogenmillionen bei Schweizer Banken parkten.

Für 7 Milliarden Sizilien verbinden

Wer jetzt noch steht, ist Nicolò Rizzutos Frau Libertina, die Lugano einen Besuch abstattete.

Die Familie bleibt vermögend, auf die Frauen der Mafia-Bosse wurden viele Werte überschrieben.

Noch 2005, als das Rizzuto-Imperium in Kanada erste Schwächen zeigte, plante Vito Rizzuto aus dem Knast mit Hilfe seiner Compagnons eine Hängebrücke zwischen Sizilien und dem italienischen Festland mitzufinanzieren.

Das Projekt hätte 7 Milliarden Dollar gekostet.

Die Brücke wurde nie gebaut. Bis jetzt. Präsident Silvio Berlusconi aber fand erst kürzlich wieder Gefallen an diesem Monumentalbau - bis jetzt ist nicht entschieden, ob Rizzutos Investment-Traum doch noch in Erfüllung geht.