Neue Konkurrenz
Wie kaputt ist das Schweizer Taxi-Geschäft wirklich?

Schweizer Taxifahrer sind unter Druck. Ausländische Anbieter und Kollegen, die sich nicht an die Regeln halten, machen ihnen das Leben schwer. Und regionale Unterschiede verhindern eine einheitliche Lösung. Betroffene klagen, ihr Geschäft sei kaputt.

Thomas Schlittler
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Einige Taxifahrer haben ein unsichtbares Schild auf der Stirn, auf dem klar und deutlich steht: Einsteigen, Klappe halten, bezahlen und dann raus hier!

Es gibt aber auch Taxifahrer, die ihre Passagiere mit sozialwissenschaftlich spannenden Anekdoten unterhalten. Die Geschichten erzählen von Männergruppen, die durch übermässigen Alkoholkonsum zu einer Horde wild gewordener Affen mutieren. Von jungen Paaren, die das Fundament für eine gemeinsame Familie unbedingt auf dem Taxi-Rücksitz legen wollen. Oder von Business-Leuten, die nach der Ankunft ohne zu zahlen die Flucht ergreifen, weil sie die Anzeige des Taxameters schockt.

So unangenehm eine Taxifahrt sein kann, so unzufrieden ist die Schweizer Taxi-Branche. Egal, wen man fragt, rundum glücklich ist niemand. Besonders mies ist die Stimmung in den Städten. «Die Branche ist kaputt», sagt Marianne Ben Salah, Präsidentin des Taxiverbands Zürich. In Basel und Bern klingt es nicht viel besser.

Mobile Vermittlungsplattformen

Jetzt kommen auch noch Smartphone-Apps dazu, welche weltweit das Taxi-Geschäft aufmischen. Bei der US-Firma Uber kann man via App Limousinen bestellen.

Im Ausland führte die neue Vermittlungsplattform zu heftigen Reaktionen: In Paris blockierten Mitte Februar wütende Taxifahrer die Strassen. Einige gingen gar mit Knüppeln auf unliebsame Internet-Konkurrenten los, vereinzelt wurden Autos in Brand gesteckt.

In Brüssel wurde der Mitfahrdienst «Uber Pop» gerichtlich verboten. Und in Berlin erwirkte ein Taxifahrer eine einstweilige Verfügung gegen den Limousinenservice «Uber Black».

Die Vorwürfe lauten überall gleich: Uber wildere ohne Lizenz im Geschäftsgebiet der Taxis und die Fahrer seien nicht befugt, Personentransporte durchzuführen. Auch die App «MyTaxi» führte im Ausland zu Protesten. Etablierte Taxi-Unternehmen fühlen sich durch den Dienst bedroht, denn er gibt jedem Taxifahrer die Möglichkeit, die lokalen Taxi-Zentralen zu umgehen.

Jede Region hat eigene Probleme

Auch in der Schweiz ist Uber mittlerweile tätig. Ist die schlechte Stimmung in der Schweizer Taxi-Branche also auf die neue Online- und Mobile-Konkurrenz zurückzuführen? Die grossen Taxi-Unternehmen verneinen unisono. Kurt Schaufelberger von der Taxi-Zentrale AG Basel: «Wir können diese Anbieter erfolgreich vom Markt drängen, weil wir eigene Apps haben.»

Auch die Platzhirsche in Zürich und Bern haben eigene Apps. Die neuen Dienste sehen sie nicht als grosses Problem. Die allgemeine Unzufriedenheit hat andere Gründe – und die sind von Region zu Region sehr unterschiedlich.

In Basel und im Fricktal fluchen Taxiunternehmer vor allem über die Konkurrenz aus Deutschland, die in der Schweiz illegal Fahrgäste transportiert. In Bern herrscht Ernüchterung, weil die «schwarzen Schafe» trotz einer neuen Verordnung nicht verschwunden sind. Und in der Taxi-Hauptstadt Zürich tobt seit Jahren ein Konflikt zwischen Stadt- und Landtaxis: Die Stadttaxis beschweren sich, weil Landtaxis nicht nur Gäste in die Stadt transportieren, sondern auf dem Rückweg illegal Personen mitnehmen, was in der Branche als «wischen» bezeichnet wird. Von einem kürzlich beschlossenen kantonalen Taxigesetz erhofft man sich Besserung.

Keine nationale Einheit

Unterschiedliche Probleme, unterschiedliche Bedürfnisse: Der Schweizer Taxi-Markt ist sehr heterogen. «Eine einheitliche Strategie ist kaum möglich, weil es überall in der Schweiz andere Regeln und Begehrlichkeiten gibt», sagt Stefan Huwyler, Sekretär Fachgruppe Taxi des Schweizerischen Nutzfahrzeugverband (Astag). Der Spagat zwischen Stadt und Land sowie den unterschiedlichen Bedürfnissen je nach Region sei fast nicht zu bewältigen.

Zumindest in einem Bereich sind sich die mittleren und grösseren Taxi-Unternehmen, aus denen die Astag-Fachgruppe hauptsächlich besteht, aber einig: Der Ruf der Branche soll sich verbessern. Es ist nicht zuletzt ein Kampf zwischen grossen Taxi-Unternehmen und kleinen Selbstständigen. Die Grossen beklagen die Unprofessionalität vieler Kleiner. Diese seien teilweise ortsunkundig und könnten die Sprache nicht. Zudem gehen einige beim Preis unten rein. Huwyler: «Wir wollen, dass Taxifahrer in der ganzen Schweiz gewisse Mindeststandards erfüllen müssen.»

2012 wurde diesbezüglich eine Interpellation eingereicht. Der Bundesrat wurde gefragt, ob er sich vorstellen könnte, künftig auch Taxiunternehmen einer eidgenössischen Berufszulassung zu unterstellen, analog der Berufslizenz, wie sie im gewerblichen Personen- und Güterverkehr Pflicht ist. Die Landesregierung wollte davon nichts wissen. Eine nationale Berufszulassung würde den lokal sehr unterschiedlichen Bedürfnissen nicht gerecht, deshalb sei die Kompetenz bei Kanton und Gemeinden am richtigen Ort.

Ein Ende der unruhigen Fahrt der Taxi-Branche ist nicht absehbar.