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Kolumne

Wie uns das Null-Eins-Denken in eine heikle Situation bringt

Informatikprofessor Edy Portmann über Aristoteles’ simplifizierendes Denken – und wie es unser Leben mitbestimmt, dies eigentlich jedoch gar nicht kann.
Edy Portmann

Denken Sie beim Namen Aristoteles eher an den antiken griechischen Philosophen, der unsere Demokratien mitbegründete oder eher an den Urheber einer jahrhundertealten Logik, die uns in der heutigen digitalen Transformation Kopfschmerzen macht? Wohl eher an ersteres! Aber gemäss der Ex-Bankerin Twain Liu, die für die UBS an intelligenten Technologieplattformen arbeitete, brachte uns seine binäre Logik, die etwas als das eine oder andere, als wahr oder falsch, als logisch oder unlogisch deutet, im Zeitalter der künstlichen Intelligenz und des maschinellen Lernens in eine heikle Situation.

Um 350 v. Chr. versuchte Aristoteles die Komplexität unseres Universums zu reduzieren und dieses einfacher zu strukturieren. Dazu entlehnte er sich Pythagoras’ Gegensätze, die Attribute wie endlich mit unendlich, ungerade mit gerade oder aber gerade mit krumm vergleichen. Anders als für Aristoteles waren diese Gegensätze für Pythagoras jedoch nicht hart, über ihnen stand vielmehr eine Harmonie, welche überwindet und verbindet. Aristoteles aber formulierte kaltblütig seinen Satz vom Widerspruch, wonach zwei einander widersprechende Aussagen nicht zugleich wahr und falsch sein können. Und anstatt diese Gegensätze nur auf die wertneutrale Geometrie anzuwenden, wie es Pythagoras noch tat, wandte Aristoteles diese auch auf uns Menschen und die Gesellschaft als Ganzes an.

Sein Null-eins-Denken verzahnte sich in der Folge mit unserer Logik, Mathematik und Informatik und hat da sicher nützliche Dienste geleistet, für die Erforschung und Entwicklung künstlicher Intelligenz erweist es uns aber einen Bärendienst.

Die Prinzipien der menschlichen Intelligenz sind nämlich nicht in diesem Denken verwurzelt. Vielmehr sind für unser Gehirn scheinbar harte Fakten graduell, unscharf, unbestimmt und bis zu einem gewissen Grad ungenau. Nach Bart Kosko, der an der Universität Südkaliforniens Neuro-Fuzzy-Inferenzsysteme beforscht, können wir nie mit Sicherheit sagen, ob Gras grün ist, Atome schwingen und die Zahl der Seen gerade oder ungerade ist. Wir runden solcher Behauptungen lieber einfach auf oder ab, und so sind diese entweder alle richtig oder alle falsch, weiss oder schwarz, 1 oder 0. Aristoteles’ Logik spiegelt sich heute in all unseren Digitalisierungsbestrebungen, wie etwa im maschinellen Lernen, wo sich Forscher des Auf- und Abrundens bedienen und dieses Verhalten erhalten, verbreiten und verstärken. Beispiele hierfür sind etwa das Wischen nach rechts (= 1), Wischen nach links (0) und bei Facebook «Gefällt mir» klicken oder nicht klicken.

Problematischer wird es meiner Meinung nach, wenn unsere komplexen Emotionen entweder als positiv oder negativ eingeteilt werden. Das Problem liegt darin, dass solche Einteilungen keine Räume lassen, wie und warum wir etwas gegenüber etwas anderem gewählt haben. Die Maschinen registrieren nur, dass wir eine Wahl getroffen haben – und dann arbeiten sie damit (weiter).

Zum Glück gibt es Alternativen. Beispielsweise basieren östliche Philosophien auf einem natürlicheren Gleichgewicht von Kohärenz und Integration. Das Yin-Yang-Konzept etwa betont eine gleichwertige und symbiotische Dynamik sowohl in uns wie auch in unserem Universum. Die Natur kodifiziert Wissen in der DNA als eine Koexistenz von X- und Y-Chromosomen, und auch in der Quantenforschung zeigt sich, dass Teilchen überlagerte Zustände, sogenannte Superpositionen haben können, in denen sie gleichzeitig 0 und 1 sind. Die Natur lässt sich nicht in Binärcodes einteilen. Solange wir Forscher also nicht eine ganzheitlichere Sicht einnehmen, können Maschinen das Farbbild unseres Universums nicht erfassen. Erst wenn wir natürlichere künstliche Intelligenz entwickeln, können diese unsere verschiedenen menschlichen Sprachen, Denkweisen, Werte, Kulturen, Qualitäten und Verhaltensweisen wiedergeben.

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