Finanzkrise

Wie wetterfest ist das Bankensystem heute? Das sagt der Nationalbank-Vizepräsident

Nationalbank-Vizepräsident Fritz Zurbrügg spricht über die Ursachen und Folgen der Finanzkrise. Der Text ist ein Auszug einer Rede, die er letzte Woche an der Universität Luzern hielt.

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Sandra Ardizzone

Am 15. September 2008, also vor fast genau 10 Jahren, meldete die damals viertgrösste US-Investmentbank Lehman Brothers Konkurs an. Anschliessend fegte ein Sturm durch das globale Finanzsystem, dessen Heftigkeit und Ausmass alle Marktbeobachter völlig überraschte. Mit dem Untergang von Lehman Brothers war klar, dass viele Finanzinstitute dieser unwirtlichen Wetterlage ohne staatliche Hilfe nicht standhalten konnten. Die Finanzkrise übertrug sich rasch auf die Realwirtschaft, und es folgte die tiefste globale Rezession seit der Grossen Depression. (...)

Die mangelnde Widerstandkraft des Bankensystems zwang weltweit Staaten dazu, Banken mit hohem finanziellen Einsatz zu retten. Nur dadurch konnten sie die Volkswirtschaften vor den massiven Schäden bewahren, die ein Zusammenbruch des Bankensystems mit sich gebracht hätte. Die Finanzkrise führte uns unmissverständlich vor Augen, dass das Bankensystem nicht ausreichend «wetterfest» war.

Die Finanzkrise zeigte auch klar, dass besondere Risiken von grossen und stark vernetzten Banken ausgehen. Aufgrund ihrer Grösse und Marktstellung können solche Banken im Krisenfall nicht ohne schwerwiegende Auswirkungen auf das Bankensystem und die Realwirtschaft aus dem Markt ausscheiden – sie gelten im Jargon als «systemrelevant». Damit geniessen sie eine implizite Garantie, dass der Staat im Notfall einspringt. Dieses Marktversagen ist heute weit verbreitet als «Too big to fail»-Problematik (TBTF) bekannt. (...)

Die globale Finanzkrise hat nicht zuletzt für die Schweiz verdeutlicht: Die TBTF-Problematik ist real und mit zu hohen Kosten und Risiken für die Allgemeinheit verbunden, als dass sie einfach hingenommen werden dürfte.

Aus heutiger Sicht ist klar, dass die Problematik vor der Krise allgemein unterschätzt worden war – auch von Regulatoren. So gab es vor der Krise weder in den internationalen Empfehlungen zur Bankenregulierung noch in der Schweiz Bestimmungen, die sich explizit auf die Systemrelevanz einzelner Banken und die damit verbundenen Risiken fokussierten.

Und das, obwohl die Problematik bereits vor der Krise bekannt war – sowohl in der Schweiz, als auch anderswo. Der Begriff TBTF selbst fand bereits in den 1980er-Jahren in den USA im Zusammenhang mit Schwierigkeiten bei mehreren Finanzinstituten Eingang in die politische Diskussion. (...)

Es stellt sich an dieser Stelle deshalb die berechtigte Frage, warum Gesetzgeber, Regulatoren und Aufsichtsbehörden die an sich bekannte Problematik vor der Krise nicht vehementer angingen. Eine kurze Antwort darauf lautet: Die Risiken im Zusammenhang mit immer grösseren und immer stärker global vernetzten Banken wurden unterschätzt. Entsprechend wurde auch das tatsächliche Ausmass der TBTF-Problematik unterschätzt.

Vor diesem Hintergrund erwies sich die Widerstandskraft vieler Banken während der Krise denn auch als insgesamt zu gering. Viele Banken wiesen im Verhältnis zu den eingegangenen Risiken schlicht zu kleine Liquiditäts- und Eigenkapitalpolster auf. Sie waren nicht fähig, grössere Geldabflüsse und Verluste zu absorbieren. (...)

Die globale Finanzkrise hat vor 10 Jahren mit Vehemenz deutlich gemacht, wie gravierend die TBTF-Problematik tatsächlich ist. Sie hat gleichzeitig gezeigt, dass die Regulierung auf diese Problematik unzureichend vorbereitet war. Dies galt gerade auch für die Schweiz mit ihrem bedeutenden Finanzsektor.

Mit grossem Aufwand wurde seither die Regulierung international und national verbessert. Die Reformen zielen darauf ab, die Widerstandskraft systemrelevanter Banken gegenüber künftigen Stürmen zu stärken und die Gefahr weitreichender gesamtwirtschaftlicher Sturmschäden zu mindern.

In der Schweiz haben wir auf ein kosteneffizient gestaltetes Regulierungskonzept gesetzt. Viele der vereinbarten Massnahmen sind bereits umgesetzt. Wir sind daher überzeugt: Die Schweizer Grossbanken und das Schweizer Bankensystem insgesamt sind heute deutlich wetterfester als vor 10 Jahren.

Gleichzeitig sind wir ebenfalls überzeugt: Mit der vollständigen Umsetzung der Schweizer TBTF-Regulierung werden jene Fehlanreize reduziert, die der TBTF-Problematik zugrunde liegen. Damit schafft sie die Voraussetzung, die Problematik hierzulande zu lösen. Der Staat darf in Zukunft nicht mehr gezwungen werden, eine Bank mit staatlichen Mitteln zu retten.