Wie wir Bewusstsein für Zukunft entwickeln können

Indem wir die Zukunft als Spiegel benutzen, erscheinen Dinge, die wir bisher als unmöglich betrachten, auf einmal normal und erreichbar.

Edy Portmann
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Edy Portmann.

Edy Portmann.

Jüngst machte eine Karikatur mit dem Titel «Noch mehr Ärger» die Runde: Zwei Personen, wohl Wissenschafter, blicken auf eine Grafik der abflachenden Coronakurve. Doch im Rücken haben sie bereits die nächste, gigantischere Kurve (den «Klimawandel»), die es ebenfalls abzuflachen gilt.

Meines Erachtens ein Bild, das zum Nachdenken anregt. Analog bewertet auch der Zukunftsforscher Matthias Horx die Situation. Er geht davon aus, dass «die Kurve abflachen» die Aufgabe dieses Jahrhunderts sei, und fragt sich, wie wir in Zukunft Wirtschaft und Gesellschaft gestalten wollen, um sie resilienter gegen Krisen zu machen. Denn eines ist sicher: Einfach zurück zu «courant normal» und «business as usual» können wir nicht mehr. Es ist also höchste Zeit, sich ernsthaft Gedanken zu machen.

Horx hat hierfür eine neue Methode, die «Regnose», entwickelt. Im Gegensatz zur Prognose, die versucht, aus der Gegenwart einen Blick in die Zukunft zu erhaschen, blicken wir mittels Regnose von einer erdachten, idealen Zukunft zurück ins Heute. So nutzen wir Erkenntnisschleifen, in denen wir uns selbst sowie unseren inneren Wandel psychisch in eine Zukunftsrechnung miteinbeziehen. Dieser Trick bringt uns dazu, zu überlegen, was wir an dieser Zukunft wertschätzen und auch wie wir dahinkommen könnten. Indem wir diese als Spiegel benutzen, erscheinen Dinge, die wir bisher als unmöglich betrachten, auf einmal normal und erreichbar. Wie wir das tun könnten, dazu möchte ich Sumak Kawsay als eine Möglichkeit einer nachhaltigen Entwicklung vorstellen.

Im portugiesischen Porto Alegre wurde «Sumak Kawsay» am Weltsozialforum vor zehn Jahren als ein alternatives Ziel zu stetigem Wirtschaftswachstum diskutiert und dabei in Kontrast zu Kapitalismus sowie «Realsozialismus» gesetzt. Vereinfacht dargestellt, zielt dieses Konzept, das seinen Ursprung in der indigenen Bevölkerung hat, auf materielle, soziale und spirituelle Zufriedenheit aller Mitglieder einer Gemeinschaft. Es darf jedoch nicht auf Kosten anderer und auch nicht auf Kosten der natürlichen Lebensgrundlagen hergestellt werden. Um ein «Zusammenleben in Vielfalt und Harmonie mit der Natur» zu verwirklichen, fand das Konzept sogar Eingang in die ecuadorianische Nationalverfassung.

Prognosen sind Prophezeiungen, die gefährlich sein können. Denn wenn wir in die Zukunft schauen, sehen wir allzu oft nur Gefahren und Probleme, welche auf uns zukommen. Diese können sich zu unüberwindlichen Blockaden türmen. Und wenn wir an sie glauben, so Horx, dann treten diese ein. Die Regnose erlaubt uns, an eine nachhaltigere Zukunft glauben zu lernen. Am Weltsozialforum in Belém im Jahr zuvor lautete das Motto: «Wir wollen nicht besser, sondern wir wollen gut leben.» Wir könnten dieses als Entwicklung einer gegenüber Gesellschaft und Natur nachhaltigeren Zukunft begreifen. Als Prinzip, das Ähnlichkeit zu unserem westlichen Modell einer nachhaltigen Entwicklung aufweist, kann Sumak Kawsay nämlich einen Mittelweg zwischen Kapitalismus und Sozialismus darstellen. Ich wünsche mir für unsere Zukunft sehr, dass wir Schweizer diesen Mittelweg auch ausloten und unser System um das Zusammenleben in Vielfalt und Harmonie mit der Natur erweitern.

Mit unserer öffentlichen Infrastruktur gehen wir bereits in diese Richtung. Nehmen wir die Post als Beispiel: Diese ist sich der Verantwortung gegenüber Bürgern, Gesellschaft und Umwelt sehr bewusst. Im Einklang mit unseren Bedürfnissen entwickelt sie etwa nachhaltige Produkte und Dienstleistungen, für eine ressourcenschonende, kreislauforientierte Wirtschaft. Laut Konzernchef Roberto Cirillo zählt allerdings nicht der Blick zurück, sondern der nach vorne, «die Verantwortung gegenüber der Umwelt und zukünftigen Generationen sowie die Chancen, die sich daraus ergeben». Um Sumak Kawsay in der Schweiz zu verankern, sollten wir die Digitalisierung (besser) nutzen. Die Coronakrise öffnet uns dabei, laut Horx, mit dem Abflachen von Kurven eine Tür, um so zu «Zukunftswesen» zu werden.

Der gebürtige Luzerner ist Informatikprofessor und Förderprofessor der Schweizerischen Post am Human-IST-
Institut der Universität Freiburg.