Wie Zentralschweizer Firmen auf die Corona-Krise reagieren

Home-Office, Kurzarbeit, Überstundenabbau: Mit verschiedenen Massnahmen versuchen Zentralschweizer Unternehmen das Schlimmste zu verhindern.

Maurizio Minetti
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Die Massnahme sorgte für Erstaunen: Anfang Februar wurde bekannt, dass das Altishofer Logistikunternehmen Galliker keine Personen mehr aufs Firmenareal lässt, die zuvor in China gewesen waren. CEO Peter Galliker sagt heute: «Damals fanden es viele übertrieben, heute bekommen wir Lob dafür.» Mittlerweile hat das Unternehmen, das allein in der Zentralschweiz über 1800 Personen beschäftigt, diverse weitere Massnahmen eingeführt. Dazu zählt zum Beispiel eine Schutzmasken-Tragpflicht für Fahrer von Fremdspeditionen sowie die Einführung von Checkpoints, um Kontakte zu vermeiden. Alle Fahrer, die aus dem Süden kommen, dürfen zurzeit die Gebäude nicht betreten.

Galliker transportiert unter anderem Güter wie Medikamente und Lebensmittel. «Aufgrund der Hamsterkäufe in den letzten Wochen sehen wir hier eine Zunahme», sagt der CEO. Weil Galliker breit aufgestellt ist, können Mitarbeiter relativ kurzfristig von einem Geschäftsbereich zum anderen transferiert werden. «Wenn sich die Situation aber verschärft, ist Kurzarbeit nicht auszuschliessen», sagt Galliker.

Die Hamsterkäufe sorgen für höhere Umsätze bei Detailhändlern wie Migros und Coop. Bei der Migros Luzern – mit rund 6000 Beschäftigten die grösste private Arbeitgeberin der Zentralschweiz – heisst es auf Anfrage, dass die aktuelle Lage «von vielen Mitarbeitenden der Migros einen Sondereffort abverlangt». In den Verteilzentren und im Verkauf habe die Migros die personellen Kapazitäten erhöht, um dem erhöhten Warenfluss Rechnung zu tragen. Und auch der Sempacher Hersteller von Händedesinfektionsmitteln B. Braun wird überrannt.

Abgesehen von diesen Beispielen verursacht der Corona-Virus aber bei den meisten Zentralschweizer Unternehmen nur Kosten und Aufwand. Die angefragten Unternehmen betonen, dass der Schutz der Mitarbeitenden und Kunden im Vordergrund stehe. Fast alle haben Task Forces ins Leben gerufen, Geschäftsreisen abgesagt, Home-Office verstärkt, Desinfektionsmittel verteilt – und Veranstaltungen oder Führungen abgesagt. Dies wiederum hat Auswirkungen auf Veranstalter wie die Messe Luzern oder das KKL. «Das Veranstaltungsverbot hat für die Messe Luzern einen erheblichen finanziellen Schaden zur Folge», sagt Markus Lauber, Vorsitzender der Geschäftsleitung. Man habe deshalb ein Gesuch für Kurzarbeit eingereicht. Beim KKL sind die Frequenzen seit Anfang März um rund 90 Prozent eingebrochen. «Die finanziellen Auswirkungen sind gravierend. Seit letzter Woche ist bei uns Kurzarbeit in Kraft», sagt CEO Philipp Keller. Auch das Verkehrshaus in Luzern verzeichnet derzeit im Event- und Kongressbereich zahlreiche Absagen. Kurzarbeit eingeführt hat auch die Cateringfirma Tavolago.

Am Arbeitsplatz geht man auf Distanz

Um nahe Kontakte der Mitarbeitenden zu verhindern, wurden etwa bei Leister in Kägiswil Stehtische in Pausenzonen und jeder zweite Stuhl in den Kantinen entfernt. Siemens in Zug hat die Arbeitsplatzzuteilung so organisiert, dass Teams nicht nah zusammensitzen und die Zwei-Meter-Distanzregel eingehalten wird. Mit dieser Massnahme soll verhindert werden, dass ganze Bereiche ausfallen und gewisse Funktionen nicht aufrechterhalten werden können. Das ist zum Beispiel auch für Betreiber kritischer Infrastrukturen wichtig. So sagt CKW-Sprecher Marcel Schmid: «Bei der Netzleitstelle werden alle unsere Kraftwerke und das Stromnetz der Zentralschweiz gesteuert. Wir haben nun deshalb unsere redundante Not-Netzleitstelle in Betrieb genommen. Diese ist örtlich getrennt von Rathausen. Wir splitten unser Team, sodass ein Teil dieser Spezialisten nicht mehr in Kontakt kommt mit dem anderen Teil.» Das Splitting der Belegschaft von geschäftskritischen Bereichen ist auch bei der CSS ein Thema. Beim Mitbewerber Concordia heisst es dazu, dass neben der Ansteckung der Mitarbeitenden eine präventive Schliessung ganzer Gebäude derzeit «das grösste Risiko darstellen» würde.

Tourismus leidet besonders stark

Hart getroffen hat es Unternehmen, die stark vom Tourismus abhängig sind. Beim Schwyzer Messerhersteller Victorinox heisst es, man spüre «eine starke Verunsicherung in allen Regionen der Welt». Am meisten seien die Umsätze in Asien, Europa und Nordamerika zurückgegangen. Einzig Lateinamerika sei noch stabil. «Für uns als Exportunternehmen ist zudem der hohe Schweizer Franken eine zusätzliche Herausforderung», sagt Firmensprecherin Claudia Mader. Kurzarbeit habe man bisher nicht eingeführt. Vor einer Woche wurde bekannt, dass eine Victorinox-Mitarbeiterin mit dem Corona-Virus infiziert worden ist. «Die betroffene Mitarbeiterin ist zu Hause und befindet sich auf dem Weg zur Besserung. Wir hatten keine weiteren Fälle mit positiven Testresultaten», so Mader.

Bei den Bergbahnen ist die Stimmung nicht besser. «Die Auswirkungen sind sehr gross. Es sind faktisch keine Gruppengäste unterwegs», sagt Godi Koch, CEO der Pilatus-Bahnen. «Auch die ausländischen Individualgäste fehlen, sodass wir seit einem Monat 50 Prozent weniger Gäste am Berg haben.» Kurzarbeit habe man noch nicht eingeführt, sondern das Personal die Überstunden abbauen lassen. «Doch nun müssen wir die Einführung von Kurzarbeit prüfen», sagt Koch.

Die Pilatus-Bahnen verzeichnen seit einem Monat 50 Prozent weniger Gäste am Berg.

Die Pilatus-Bahnen verzeichnen seit einem Monat 50 Prozent weniger Gäste am Berg.

Anthony Anex/Keystone (3. April 2015)

Ähnlich tönt es bei Norbert Patt, Geschäftsführer der Titlisbahnen. Die Wintersaison sei zwar gut gelaufen, Sorgen macht ihm jetzt aber das Frühlingsgeschäft: «Wir rechnen für April, Mai und eventuell Juni mit substanziellen Ertragseinbussen.» Kurzarbeit sei eine Option und werde geprüft, doch hoffe man, dass sich die Situation in den kommenden Monaten verbessere, sagt Patt. Bei der Schifffahrtsgesellschaft des Vierwaldstättersees (SGV) ist der Gruppentourismus «fast gänzlich eingebrochen».

Andermatt Swiss Alps spürt vor allem Auswirkungen in den Hotels, wo laut Sprecher Stefan Kern einzelne Gruppen absagen: «Bis dato haben wir Absagen im Umfang von rund 500'000 Franken Umsatz.» Kurzarbeit habe man bislang noch nicht beantragt. «Wir versuchen die Rückgänge in einem ersten Schritt über Ferienbezug und Abbau von Überzeiten zu kompensieren.»

Nachschub der Industrie gerät ins Stocken

Auch die Industrie leidet unter dem Virus, weil die Lieferketten in Asien zum Teil unterbrochen sind. Die Fabriken laufen bei den grossen Playern der Region aber grossmehrheitlich nach Plan. Metall Zug musste zwar in Asien Betriebsstätten vorübergehend schliessen, hat aber keine Lieferprobleme. Wer stärker von China abhängig ist, leidet auch mehr. Schindler hatte bereits Mitte Februar bekanntgegeben, dass man dieses Jahr wegen des Virus mehrere hundert Millionen Franken Umsatz einbüssen könnte.

Auch die Steinhauser Automatisierungsgruppe Carlo Gavazzi hat eine bedeutende Präsenz in China und Italien, zwei von strikten Quarantänevorschriften betroffenen Ländern. Die beiden Fabriken im chinesischen Kunshan und norditalienischen Belluno konnten bis anhin die Produktion grösstenteils aufrechterhalten. Dagegen seien Verkauf und Distribution in China und teilweise auch in anderen Regionen mit Lieferengpässen konfrontiert, heisst es in einer Mitteilung. Zudem seien etliche langjährige Kunden von Carlo Gavazzi von unterbrochenen Lieferketten betroffen, was Verzögerungen oder Kürzungen von Bestellungen zur Folge habe. 

Engpässe bei der Lieferung von verschiedenen Produkten spürt zum Beispiel auch der Stromanbieter CKW, der Solarpanels grossmehrheitlich aus China bezieht. «Die Lagerbestände in Europa sind verkauft. Aktuell werden keine Lieferungen ab China bestätigt. Schon heute zeigt sich, dass sich die Auswirkungen bis in den Sommer hineinziehen werden», sagt Firmensprecher Marcel Schmid. Zudem stellt die CKW einen Preisanstieg bei Solarpanels fest. «Wir müssen davon ausgehen, dass bald auch andere Module wie Batteriespeicher, Wechselrichter oder auch E-Ladestationen von den Engpässen betroffen sein werden», sagt Schmid.