Arbeitsmarkt
Wiederentdeckung inländischer Arbeit: Wegen fehlender Zuwanderer müssen jetzt Senioren und Frauen anpacken

Fachkräftemangel ist das Stichwort, das die Schweiz zunehmends beschäftigt. Doch es gibt offenbar noch Raum für Optimierung, trotz hoher Erwerbsquote – die Zitrone ist noch nicht ganz ausgequetscht: Senioren und Frauen müssen nun für Babyboomer und fehlende Zuwanderer in die Lücke springen.

Tommaso Manzin
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Frauen-Power ist gefragt, denn die Wirtschaft wird immer mehr Mühe haben, qualifizierte Arbeitskräfte zu finden.Urs Flüeler/Keystone

Frauen-Power ist gefragt, denn die Wirtschaft wird immer mehr Mühe haben, qualifizierte Arbeitskräfte zu finden.Urs Flüeler/Keystone

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In der Schweiz sind grosse Teile der Bevölkerung auch Teil des Arbeitsmarkts, die Erwerbsquote ist eine der höchsten der Welt. Dies beschert den hohen Wohlstand, bringt aber auch eine Grenze in Sichtweite: Das Potenzial des Produktionsfaktors Arbeit ist fast ausgeschöpft.

Dazu kommt, dass die grossen Geburtenjahrgänge der 1950er- und 1960er-Jahre, die Baby-Boomer, allmählich das Rentenalter erreichen. Bis in 10 Jahren werden dadurch pro Jahr etwa 50 000 Menschen aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden, erklärte Valentin Vogt, Präsident des Schweizerischen Arbeitgeberverbandes (SAV) an einer Medienkonferenz am Dienstag.

Durch das Volks-Ja vom Februar 2014 zur Einwanderungsinitiative erhält diese demografische Entwicklung eine Dringlichkeit, die auch die Landesregierung auf den Plan gerufen hat. Schon im April 2015 berief der Bundesrat die erste nationale Konferenz zum Thema ältere Arbeitnehmende ein, nächste Woche findet sie zum zweiten Mal statt. Eine sogenannte Fachkräfteinitiative zur Förderung des inländischen Potenzials hatten Bund, Kantone und Sozialpartner bereits 2011 lanciert.

Vom «Durchdiener» zum Joker

Es gibt ihn offenbar noch, den Raum für Optimierung – die Zitrone ist noch nicht ganz ausgequetscht. Die Strategie von Bund und Wirtschaft hat dabei Senioren und Frauen im Sinn, ihre Beteiligung am Arbeitsprozess soll erhöht werden. Bei den Senioren zeigen sich erste Erfolge: Die Kategorie der 55- bis 64-Jährigen verzeichnet seit 2010 den grössten Zuwachs in der Erwerbsquote.

Kinderbetreuung: Problemzone Randzeiten

Um Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen, muss bei der familienexternen Kinderbetreuung angesetzt werden, das ergibt auch eine Studie des Bundes. 35 Prozent der ständigen Wohnbevölkerung zwischen 15 und 64 Jahren übernehmen regelmässig Betreuungsaufgaben für Kinder oder Erwachsene. Fast ein Fünftel bzw. 353 000 dieser Personen geben an, dass sie diese Aufgaben in ihrer Berufstätigkeit einschränken. Allerdings: Nur eine Minderheit (21 Prozent) würde ihr Berufsleben anders organisieren, wenn die Betreuungsaufgaben gelöst wären.

Insbesondere Männer geben an, sie würden in dieser Situation ihr Arbeitspensum häufiger reduzieren. « Nicht jede und jeder potenzielle Arbeitnehmende strebt eine ausgedehntere Erwerbstätigkeit an», erklärt Daniella Lützelschwab, Ressortleiterin Arbeitsmarkt Schweizerischer Arbeitgeberverband. Dennoch unterstützt die Wirtschaft die Bemühungen des Bundes für eine bessere Abstimmung des Betreuungsangebots auf die Bedürfnisse der Eltern. Es bestehe oft Nachholbedarf an Kinderbetreuungs-Möglichkeiten in Randzeiten, so abends oder während der Ferien. (TM)

Die Erhöhung der Arbeitsbeteiligung der Frauen gestaltet sich nicht weniger schwierig. Soziale Faktoren wie Lebensstile und Familienmodelle spielen hier eine fast alles entscheidende Rolle. Hier sieht die Wirtschaft den Staat gefordert (vgl. Kasten rechts). Denn die Schwierigkeit von Organisation der Kinderbetreuung und deren Koordination mit dem Beruf haben bis heute zur Folge, dass sich Frauen entweder ganz vom Arbeitsmarkt verabschieden oder aber Berufe wählen, die planbarer und weniger Flexibilität – des Arbeitnehmers – verlangen und damit auch weniger gut bezahlt sind.

Firmen und Familien gefordert

Denn aus einer Studie der Denkfabrik Avenir Suisse geht hervor, dass Unternehmen eine Prämie für Vollzeit-Arbeit zu zahlen bereit sind. Überproportional viel verdient wird auch in Stellen, die flexible Einsätze verlangen, wie typischerweise in der Beratungsindustrie. Verbindet man diese Gründe mit den gebräuchlichen Familienmodellen, erklärt sich, warum immer noch viele Frauen eine Teilzeitstelle wählen, wenn sie eine Familie gründen, während sich die Familienverhältnisse kaum auf das Arbeitspensum der Väter auswirken: Weit über 80 Prozent der Männer mit Kindern im Vorschulalter arbeiten Vollzeit (90 bis 100 Prozent), bei Frauen sind es gerade mal 13 Prozent.

Diese Aufteilung erklärt einen guten Teil der Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen, über die ganze Wirtschaft gesehen satte 15,1 Prozent. Immerhin, seit Anfang 1980er-Jahre steigen die Löhne der Frauen mehr als jene der Männer (vgl. Grafik). Ein Wermutstropfen für die Erhöhung der Erwerbsquote ist indes, dass nur 21 Prozent ihr Berufsleben ohne «Behinderung» durch die Familie anders organisieren würden. Auch dies zeigt die Studie.

Ändern müssen sich also wohl alle etwas, sollen Frauen und Senioren mehr in den Arbeitsmarkt integriert werden: Teams, Familien, der Staat und die Unternehmen selbst. Etwa, wenn es darum geht, Sitzungen nicht stur zu einer bestimmten Zeit durchzuführen. «Die Wirtschaft muss sich umstellen», ist sich Hess sicher. Die heutigen Väter würden anders funktionieren, auch Ingenieure arbeiteten Teilzeit oder nutzten die Vorteile des Home Office. Wer solche Trends verpasse, werde immer mehr Mühe haben, genügend qualifizierte Arbeitskräfte zu finden.