Ems Chemie
Wieso Blochers Tochter keine Angst hat vor dem starken Schweizer Franken

Magdalena Martullo, Tochter von Christoph Blocher und Chefin des Familienunternehmens Ems Chemie, erwartet 2015 keinen Gewinneinbruch. Dies trotz eines Exportanteils von 96 Prozent.

Thomas Schlittler
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Magdalena Martullo-Blocher an der Jahresmedienkonferenz von Ems Chemie in Zürich: «Wir wollen den Betriebsgewinn auf Vorjahresniveau halten.»

Magdalena Martullo-Blocher an der Jahresmedienkonferenz von Ems Chemie in Zürich: «Wir wollen den Betriebsgewinn auf Vorjahresniveau halten.»

KEYSTONE

Christoph Blocher ist der wohl umstrittenste Politiker der Schweiz. Sein politisches Feuer hat er an seine älteste Tochter vererbt. Magdalena Martullo, die seit elf Jahren das Familienunternehmen Ems Chemie führt, nahm sich nach der Präsentation der Jahresergebnisse in Zürich viel Zeit, um die Wirtschaftspolitik der EU zu kritisieren.

Aber auch der Bund kam nicht ungeschoren davon. Martullo stört sich daran, dass die öffentliche Verwaltung in den letzten Jahren stetig gewachsen ist, während die Exportindustrie immer effizienter werden müsse, um konkurrenzfähig zu bleiben.

So umstritten die Familie Blocher politisch ist, so unbestreitbar ist, dass das Familienunternehmen Ems Chemie hervorragend aufgestellt ist. Der Kunststoffkonzern und Autozulieferer hat 2014 erneut ein Rekordergebnis erzielt und seinen Umsatz auf fast zwei Milliarden Franken gesteigert. Für das laufende Jahr ist Martullo trotz Frankenstärke ebenfalls optimistisch: «Der Umsatz wird wegen der Wechselkursverluste wahrscheinlich leicht zurückgehen. Den Betriebsgewinn (Ebit) wollen wir aber auf Vorjahresniveau halten.»

Mehr Effizienz statt weniger Lohn

Wie soll das gehen? Schliesslich beschäftigt Ems Chemie 1000 der rund 2900 Mitarbeiter in der Schweiz und macht 96 Prozent der Umsätze im Ausland. Martullo: «Wir werden die Effizienz nochmals steigern, indem wir jeden Stein umdrehen.» Zwar tritt das Unternehmen bei Neueinstellungen auf die Bremse. Entlassungen, Arbeitszeitverlängerungen oder Lohnkürzungen seien aber nicht geplant. «Die Angestellten sollen nicht für weniger Lohn mehr arbeiten, sondern gute Lösungen für Produktionsverbesserungen bringen.»

Weiter will Ems Chemie den negativen Wechselkurseinflüssen mit einer Verkaufsoffensive für neue Produkte begegnen. Neben Teilen für Autos und Kaffeemaschinen sieht Martullo auch in anderen Bereichen Wachstumspotenzial. Etwa bei Steckverbindern für LEDs, Gehäusen für Überwachungskameras oder Scharniergelenken für Smartwatches. In all diesen Produkten werden Ems-Materialien eingesetzt.

Auch im Einkauf sieht die 45-jährige Firmenchefin Chancen: «Wir werden vermehrt im Euro-Raum einkaufen und im Dollar-Raum verkaufen.» Ems Chemie hat im Gegensatz zu anderen Unternehmen den Vorteil, dass über
70 Prozent der Betriebskosten für Rohmaterialien anfallen, die im Ausland bezogen werden. Diese werden dank dem starken Franken günstiger.

Hinzu kommt, dass der Bündner Konzern mit einer Betriebsgewinn-Marge von 21,5 Prozent deutlich mehr Spielraum hat für allfällige Preissenkungen als andere Schweizer Unternehmen. «Von Produkten, die nur wenig Gewinn einbringen, haben wir uns schon lange getrennt», sagt Martullo.

Optimistischer als Ökonomen

Die Aussichten von Ems Chemie sind also trotz Frankenstärke gut. Doch was machen Exportfirmen, deren Kostenblock in der Schweiz grösser und deren Margen tiefer sind? Droht eine Strukturbereinigung mit Firmenpleiten en masse? Martullo: «Natürlich müssen die Firmen bereit sein, ihre Strukturen anzupassen.» Das gehöre aber dazu – und sei auch eine Chance: «Indem die Industrie jetzt gefordert ist, kann sie ihre mittelfristigen Chancen verbessern.»

Die Prognosen zahlreicher Ökonomen, welche die Schweiz wegen der unerwarteten Aufhebung des Euro-Mindestkurses auf eine Rezession zuschlittern sehen, hält Martullo für übertrieben: «Ich bin da deutlich optimistischer. Ich glaube, dass man die Innovationskraft der Schweizer Firmen unterschätzt.»

Potenzial sieht Martullo bei der Diversifizierung der Absatzregionen. «Die Schweizer Firmen haben ihre Abhängigkeit von Europa in den letzten Jahren zwar schon reduziert, es liegt aber noch mehr drin.» Deutschland zum Beispiel habe die Diversifizierung noch stärker vorangetrieben. «Ich propagiere schon seit zehn Jahren, dass Europa an Gewicht verlieren wird und wir uns auf Asien ausrichten müssen.»

Ems Chemie selbst hat in China bereits vier Werke. In den nächsten Jahren sollen fünf weitere dazukommen. Während der Personalbestand im Ausland somit weiter wachsen wird, dürften die Zahlen in der Schweiz vorerst stagnieren. Allerdings wird in der Schweiz weiter in grosse Kapazitätserweiterungen investiert – auch für den Export nach China.