Analyse
Wieso der Goldpreis nicht viel weiter fallen dürfte

Beim Goldpreis scheiden sich die Geister: So beklagen sich Investoren, wenn der Preis des Edelmetalls wie jetzt zu Wochenbeginn auf den tiefsten Stand seit Sommer 2011 zurückfällt.

Matthias Niklowitz
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Der Goldpreis sinkt weiter

Der Goldpreis sinkt weiter

Keystone

Tiefere Preise sind für Investoren immer unangenehm - denn jetzt sitzen alle Goldbesitzer, die sich erst nach Juli 2011 mit dem Edelmetall eingedeckt hatten, auf Buchverlusten. «Ist die Gold-Ära vorbei?», hiess es gestern in US-Medienkommentaren.
Allerdings kommt das immer auf die Perspektive an. Die Analysten von Morgan Stanley, einer US-Bank, machen darauf aufmerksam, dass sich der Goldpreis für japanische Anleger immer noch in der Nähe der Allzeit-Höchststände bewegt. Grund ist der von der Bank of Japan durch hohe Aufkaufprogramme provozierte schwache Yenkurs gegenüber dem Dollar. Der Dollar stieg in den letzten Monaten gegenüber dem Yen stark an und das kompensierte bisher den Zerfall des Goldes für japanische Anleger. Für die Investoren in Tokio geht die Party demnach noch weiter, weil ihre eigene Notenbank schneller Geld durch milliardenschwere Aufkaufprogramme druckt als die Amerikaner.
Umgekehrt liegen die Verhältnisse bei der US-Notenbank Fed. Im Offenmarktausschuss, dem wichtigsten Gremium, das über die Geldmengen- und Aufkaufpolitik bestimmt, zeichnet sich ein grundlegender Stimmungswandel ab. Weil die US-Wirtschaft langsam wieder in Schwung kommt, mehrten sich beim letzten Treffen der Spitzennotenbanker die Stimmen, die ein Ende der Aufkaufprogramme im Sommer forderten. Amerikaner fühlen sich wohlhabend, wenn die Aktienkurse und Häuserpreise steigen. Beides trifft derzeit zu. Gold halten Anleger allenfalls in Form von speziellen börsengehandelten Fonds, den ETFs (Exchange Traded Funds). Diese lassen sich handeln wie Aktien. Der Kauf von physischem Gold, also der Run auf Barren und Münzen, war in den letzten Jahren weitgehend nur ein deutsches und - staatlich gefördertes - chinesisches Phänomen gewesen.
Jetzt verkaufen etliche Investoren ihre Gold-ETFs. Diese wiederum müssen ihre Goldbestände auf den Markt werfen, um die Kunden auszuzahlen, die ihre ETFs verkaufen. Ihre Motive sind klar: Wenn die Wirtschaft wieder in Gang kommt, sind Aktien attraktiver. Und wenn dann auch noch die Zinsen moderat anziehen, steigen auch die Opportunitätskosten des Goldes. Denn das gelbe Metall wirft keine Dividenden ab. Es muss auch teuer gelagert werden. Zudem bescheinigte die Troika Griechenland gestern Fortschritte auf dem Weg zur Gesundung. Hinzu kommen die Berichte über den Goldverkauf der zypriotischen Notenbank. Auch wenn das nicht sehr viel ist, was jetzt in den Markt kommt: Es reicht, um die Preise gründlich ins Rutschen zu bringen, weil einfach die Käufer fehlen.
Bleibt die Frage, wem der Markt die hohen Goldpreise zu verdanken hatte. Da sind sicher die Politiker in Europa nicht ganz unschuldig. Gold glänzte im Mai 2010 und im Sommer 2011 mit stabilen Preisen, während die Aktienmärkte einbrachen, wie die Analysten der Zürcher Kantonalbank berechnet haben. In den letzten 12 Episoden mit starken Einbrüchen an den Börsen legte der Goldpreis durchschnittlich um 2,5 Prozent zu. Das Edelmetall hat sich demnach als kurzfristiger Versicherungsschutz bei starken Marktverwerfungen bewährt.
Aber damit hat es sich. Genauso wie eine Autohaftpflichtpolice viel Wert ist, wenn es auf der Strasse geknallt hat, ist Gold viel Wert, wenn es an den Börsen knallt. Wer jahrelang unfallfrei fährt, hat das Geld für die Versicherung vermeintlich «für nichts» ausgegeben. Genauso wie Versicherungsvertreter gerne die alltäglichen Risiken in düsteren Farben malen, um ihre Policen abzusetzen, argumentieren die Verfechter von Goldanlagen mit den Unfallrisiken an den Kapitalmärkten.
Paul Krugman, einer der renommiertesten US-Ökonomen, ging noch weiter. Er kritisierte in einem Beitrag in der «New York Times» die Angstlust der Goldanhänger: Diese würden sich ständig misstrauisch an ihre Ängste vor einer raschen Entwertung der Papiervermögen klammern und alle anderen Tatsachen wie etwa die moderate bzw. in einigen Ländern nicht vorhandene Inflation ausblenden. Hinter dem ständigen Gerede um höhere Goldpreise vermutet Krugman konservative Stimmungsmache gegen die Exponenten der in den USA auf dem platten Land unbeliebten Regierung und das Wirtschaftsestablishment im fernen Washington.
Viel weiter dürfte der Goldpreis nicht fallen, auch wenn einige Experten schon von 1000 Dollar sprechen. Alleine die Förderkosten von 1200 Dollar pro Unze setzt dem Zerfall eine gewisse Grenze. Auch wenn der Preiszerfall einige Anleger schmerzt - die dahinterstehenden Faktoren weisen auf eine Rückkehr zur Normalität an den Märkten hin.