Rohstoffhandel

«Wir brauchen die Schweiz nicht für unsere Geschäfte»: Multi droht mit Wegzug

Der in Genf ansässige Rohstoffmulti Vitol droht angesichts möglicher regulatorischer Verschärfungen, die Schweiz zu verlassen. Ein baldiger Wegzug ist allerdings nicht geplant. Der Konzern sieht sich zudem im Zusammenhang mit den «Paradise Papers» als Opfer ungerechtfertigter Angriffe auf seine Reputation.

Benoît Studer
Drucken
Teilen
Ist Vitol bald nicht mehr in der Schweiz ansässig?

Ist Vitol bald nicht mehr in der Schweiz ansässig?

KEYSTONE

«Wir brauchen die Schweiz nicht für unsere Geschäfte», sagte Vitol-Chef Gérard Delsad in einem Interview, das am Mittwoch in der Westschweizer Wirtschaftszeitung «L’Agefi» erschien. «Für eine globale Gruppe wie Vitol ist es ein Leichtes, seine Aktivitäten und seine Arbeitsplätze in seine Niederlassungen in Europa, Asien oder den USA zu verlegen.»

Warten auf Gegenvorschlag

Wenn die Schweiz keinen Rohstoffhandel mehr beherbergen wolle, nehme Vitol das zur Kenntnis, sagte Delsad. Er betonte jedoch, der Konzern brauche ein stabiles Umfeld. Er rechnet mit einem möglichen Gegenvorschlag zur Konzernverantwortungsinitiative. Die Initiative will die in der Schweiz ansässigen Unternehmen verpflichten, regelmässig eine Sorgfaltsprüfung zu den Auswirkungen ihrer Tätigkeit auf Menschenrechte und Umwelt durchzuführen.

Verletzt ein Unternehmen die Menschenrechte oder Umweltstandards, soll es für den Schaden aufkommen, sofern es nicht beweisen kann, dass es alle gebotenen Sorgfaltsmassnahmen getroffen hat. Der Bundesrat hat die Initiative ohne Gegenvorschlag abgelehnt. Bundesrätin Simonetta Sommaruga hatte allerdings kürzlich angesichts der Veröffentlichungen in den «Paradise Papers» die Rohstoffindustrie gewarnt, der Bundesrat behalte sich weitere Massnahmen bis hin zu rechtlich bindenden Instrumenten vor. «Wir haben nichts gegen Regulierung, aber die Fakten müssen stimmen», sagte Delsad. Man dürfe nicht die Fakten verbiegen, um eine Regulierung zu rechtfertigen.

Vitol bedauert zudem die jüngsten Medienberichte über den Konzern im Zusammenhang mit den «Paradise Papers». «So in der Presse gelyncht zu werden, ist sehr frustrierend für einen Konzern wie unseren, der die Regeln der Branche einhält.» Delsad wiederholte die Position des Konzerns. Vitol habe keine Verbindung zu den «Paradiese Papers» und sei nicht Gegenstand von Untersuchungen der Genfer Justiz.

Im Zusammenhang mit den «Paradise Papers» standen jüngst die vier grössten Rohstoffhändler der Schweiz in den Negativschlagzeilen: Neben Glencore, Louis Dreyfus und Trafigura ist auch Vitol betroffen. Ihnen wird vorgeworfen, mithilfe von Ofshore-Finanzkonstrukten Steuern hinterzogen und Korruptionszahlungen getätigt zu haben. Die Genfer Staatsanwaltschaft untersucht Korruptionsvorwürfe, die im Zusammenhang mit den «Paradise Papers» stehen. Vitol wehrte sich gegen die Vorwürfe. Die Anwälte des Konzerns forderten die Nichtregierungsorganisation Public Eye auf, Korruptionsvorwürfe gegen Vitol zurückzuziehen.