Medien
«Wir gehen eigenständig in die Zukunft»

Die AZ Medien sind 2010 in die Gewinnzone zurückgekehrt. CEO Christoph Bauer erklärt, wie der Turnaround zustande kam Er äusserst sich auh zu Übernahmegerüchte und die Zukunft der Tageszeitung

Christian Dorer und Philipp Mäder
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Christoph Bauer, CEO der AZ Medien, gestern im Mediencenter in Aarau

Christoph Bauer, CEO der AZ Medien, gestern im Mediencenter in Aarau

Emanuel Freudiger

Herr Bauer, wie geht es den AZ Medien?Christoph Bauer: Den AZ Medien geht es wieder gut. Wir konnten dank strukturellen Veränderungen und Prozessoptimierungen die Kosten senken. Deshalb machen wir wieder Gewinn. Gleichzeitig haben wir 2010 unsere wichtigsten Produkte neu multimedial ausgerichtet, damit wir uns weiter entwickeln können. Nun kommt die Phase, in der wir neue Projekte anpacken können.

Das Unternehmensresultat hat sich zwar im Vergleich zum Jahr 2010 um 18 Millionen verbessert. Allerdings sind drei Millionen Franken Gewinn nicht gerade eine Riesensumme – zumindest im Vergleich mit anderen Medienhäusern.
Wir hatten 2009 einen Verlust von 14,8 Millionen. Im Verhältnis zu unserem Umsatzvolumen machten wir einen grösseren Sprung nach vorne im Vergleich zu anderen Medienhäusern. Aber klar, mit drei Millionen sind wir langfristig noch nicht in der Lage, grössere Investitionen zu tätigen. Deshalb arbeiten wir nach wie vor an der Rentabilität, damit wir weiter wachsen können.

Dann wird es zu weiteren Entlassungen kommen?
Entlassungen wollen wir wenn immer möglich vermeiden. Wir haben eine gewisse Grenze erreicht, wenn wir die bestehenden Produkte in dieser Qualität weiterführen wollen, und wir sind an einem Punkt angelangt, wo man jede Stelle weniger spürt. Es gibt aber im Bereich der Prozessoptimierung noch Verbesserungsmöglichkeiten. Man kann mit neuen Technologien sparen: So haben wir zum Beispiel unser Callcenter von fünf verschiedenen Standorten und zwei Technologien zusammengeführt und die Technologie erneuert. Dank neuen Abläufen können wir mit den knappen personellen Ressourcen effizienter arbeiten.

Sprechen wir über die az: Ist eine Tageszeitung langfristig überlebensfähig?
Tageszeitungen sind ein Grundbedürfnis und werden das auch bleiben. Gleichzeitig wird der Journalismus in den nächsten zehn Jahren revolutioniert. Das wird eine herausfordernde und erfahrungsreiche Zeit. Es gibt heute eine übermässige Flut an ungefilterten Informationen. Ich kann nicht nachvollziehen, wie man daran ernsthaft zweifeln kann, dass es in Zukunft noch Journalisten geben wird, die aus diesem Überangebot die wichtigen Themen auswählen, richtig einordnen, vertiefen und sie spannend und überraschend präsentieren.

Lässt sich das noch finanzieren?
Das Geschäftsmodell der Zeitungen wird sich ändern – wie das in der Musikindustrie bereits geschehen ist: Früher kaufte der Kunde eine CD wegen einem oder zwei Titeln. Heute kauft er über iTunes halt nur noch diese zwei Titel. Die Kostenbasis für die Produktion bleibt aber dieselbe. Ähnliches passiert durch das Internet bei den Zeitungen: Der Kunde wird selektiver. Umso mehr brauchen wir qualitativ hochstehenden Journalismus und neue Angebotsmodelle.

In den vergangenen Jahren wurde aber vor allem gespart. Hand aufs Herz: Haben die AZ Medien zu viele Stellen abgebaut?
Wegen der Wirtschaftskrise mussten wir die Kosten massiv senken. In den Regionalredaktionen haben wir die Grenze des Möglichen wahrscheinlich leicht um zwei, drei Stellen überschritten, aber nicht dramatisch. Bereits Ende des letzten Jahres begannen wir, das zu korrigieren, und bewilligten neue Stellen. Das Wichtigste ist aber: Die Ergebnisverbesserung wurde nicht aufgrund von Personalabbau in den Redaktionen erreicht.

Sie haben in Ihrem ersten Jahr als CEO der AZ Medien den Turnaround geschafft. Ist es einfacher, als Aussenstehender ein Verlust schreibendes Unternehmen zu reformieren?
Auf jeden Fall. Ich hatte von Anfang an einen klaren Auftrag: Das Unternehmen muss wieder Gewinn schreiben. Ausgangslage war, dass wir 2008 die bz Basellandschaftliche Zeitung und 2009 die Vogt-Schild Medien in Solothurn übernommen hatten. Die AZ Medien waren somit kein rein aargauisches Unternehmen mehr und hatten eine eher historisch gewachsene Organisation. Um das Potenzial des Unternehmens zu erkennen, war es sicher hilfreich, von aussen zu kommen.

In der Medienbranche wird es wohl zu einer weiteren Konzentration kommen. Sind die AZ Medien alleine überlebensfähig?
Wir können eigenständig überleben. Ausserdem sind wir strategisch sehr gut positioniert. Peter Wanner hat während der letzten 20 Jahre eine hervorragende Ausgangslage geschaffen, unabhängig in die Zukunft gehen zu können, auch wenn ihm das einige nicht gönnen mögen.

Wie viel sind die AZ Medien wert?
Immer so viel, wie jemand bereit ist zu zahlen. Aber wir stehen ja nicht zum Verkauf.

Aber es gibt Angebote.
Nein. Das wäre auch zwecklos. Denn der Auftrag des Verlegers ist klar: eigenständig bleiben. Natürlich befinden sich die Medien in einem Veränderungsprozess, welcher sich während der letzten zehn Jahre deutlich beschleunigt hat. Dieser Prozess wird weitergehen, denn die Auflagen der Tageszeitungen, das Kerngeschäft aller Verlage, sind rückläufig. Die Renditen zu halten, wird kurzfristig schwieriger. Um genug Geld zu verdienen, spielt die Grösse schon eine gewisse Rolle.

Ist es denkbar, dass die AZ Medien die Basler Zeitung kauft?
Wenn sich diese Frage stellen würde, würden wir das prüfen. Vom Marktgebiet her würde es sehr viel Sinn machen, wir könnten dann beide Basel abdecken.

Christoph Bauer

Christoph Bauer (40) ist seit Januar 2010 CEO der AZ Medien. Bauer studierte an der Universität Mannheim und der Arizona State University Betriebswirtschaft. An der Carl-von-Ossietzky-Universität doktorierte er 2005 zum Thema «Geschäftsmodell Tageszeitung im Internet-Kontext». Er war bei Bertelsmann und der «Neuen Zürcher Zeitung» in
verschiedenen Führungspositionen tätig und Mitglied der Geschäftsleitung von Ringier Schweiz.

Es gibt keine Verhandlungen?
Wir führen aktuell keine Gespräche.

Wenn Tamedia die BaZ kauft, sind die AZ Medien von Tamedia eingekreist. Ist Abwarten da wirklich die richtige Strategie?
Um ein Gespräch zu führen, braucht es immer zwei. Wir haben klar signalisiert, dass wir zu Gesprächen bereit sind. Es muss nicht gleich ein Kauf sein. Gespräche könnten auch über allfällige Kooperationen im kommerziellen Bereich erfolgen.

Die AZ Medien könnten in der Stadt Basel eine eigene, neue Zeitung lancieren.
Das wäre eine Option, um ein Gebiet zu erschliessen. Jedoch ist es mit grossem Risiko und viel Geld verbunden. Neue Abonnenten zu gewinnen, ist ein sehr langsamer Prozess. Da darf man sich keine Illusionen machen.

Es wäre ein Zeichen der Stärke gegenüber der BaZ.
Ich bin für ein selbstbewusstes Auftreten. Investitionen sollten aber rational durchdacht sein. Ich möchte nur so viel sagen: Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht und sind auf mögliche Szenarien gut vorbereitet.

Gibt es neben der BaZ andere Unternehmen, die für kommerzielle Kooperationen infrage kommen?
Wir sagen seit über einem Jahr, dass wir für Kooperationen offen sind – ausser bei der publizistischen Qualität und Selbstständigkeit.

Der az wird immer wieder vorgeworfen, dass sie sich nicht entscheiden könne, ob sie eine regionale oder eine nationale Zeitung sei. Die az könnte sich auf das Regionale beschränken und den nationalen Teil einkaufen.
Unsere regionalen Tageszeitungen haben ihre nationale Ausstrahlung dank dem nationalen und internationalen Mantelteil. Das gehört zu unserer Kernkompetenz und daran halten wir fest. Was wir diskutieren, ist die Gewichtung – und wie wir uns online positionieren.

Sie investieren stark in online. Wann verdienen Sie damit Geld?

Wir haben unser Online-Angebot neu ausgerichtet. Die Investitionen halten sich in Grenzen. Die technischen Voraussetzungen waren bereits gegeben und ich gehe davon aus, dass wir spätestens 2013 den Break-even erreichen. Es hängt davon ab, ob wir online kostenpflichtigen Inhalt anbieten werden.

Es sprechen alle von kostenpflichtigen Online-Inhalten, dem so genannten Paid Content. Aber funktioniert das wirklich?
Bevor wir definitiv entscheiden, möchte ich die Erfahrungen von anderen Verlagen abwarten. Hinter Paid Content muss für den Leser ein Mehrwert stehen. Es geht darum, dass die Leser die az auf allen sinnvollen Kanälen lesen können – auf Papier, am Computer, auf dem iPad, auf dem iPhone. Mit der Einführung von Paid Content ist vonseiten der az aber nicht vor Herbst 2013 zu rechnen.

Verleger Peter Wanner ist 67, sein Sohn Michael, der designierte Nachfolger, 28. Wie lange ist Ihr Horizont bei den AZ Medien?
Mein zeitlicher Horizont für die bevorstehenden Aufgaben beträgt fünf Jahre. Meine Aufgabe besteht darin, die Unternehmung profitabel zu gestalten und für die Zukunft aufzustellen. Ich bin seit eineinhalb Jahren in der Firma – und es gefällt mir sehr gut. Möglich ist auch, dass ich noch länger im Unternehmen bleiben werde.